Am schönsten ist es im Gefieder der Eltern

Die Schilfgürtel entlang der Aare sind ein ideales Bruthabitat für Haubentaucher. Die Küken kriechen gerne unter die Flügeldecken der Eltern oder lassen sich vom «Wassertaxi» herumchauffieren.

«Wassertaxi» auf der Aare
«Wassertaxi» auf der Aare (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

30. August 2018
08:40

Am linken Aareufer zwischen Schinznach und Wildegg dehnt sich ein breiter Schilfstreifen aus. An einer Stelle etwas unterhalb von Schloss Wildenstein ist das Schilf durch einen Wasserkanal vom Ufer abgetrennt. An dieser Stelle haben in den letzten Wochen zwei Haubentaucher-Paare nebeneinander gebrütet.  Die wenigsten der zahlreichen Spaziergänger, Hundeführer oder Velofahrer auf dem ufernahen Radweg haben wahrscheinlich die beiden Schwimmnester mit den brütenden Hauben­tauchern bemerkt, da diese durch die Ufervegetation versteckt waren.

Nachdem wir die brütenden Vögel entdeckt hatten, kontrollierte ich den Brutplatz regelmässig, um die frisch geschlüpften Küken nicht zu verpassen. Bis zu vier Wochen sitzen die Haubentaucher auf den Eiern, wobei sich die beiden Altvögel regelmässig ablösen. Während ein Vogel geduldig und oft bei brütender Hitze auf dem Nest sass, deckte sich der Partner irgendwo auf der Aare mit frischem Fisch ein.

 

Federn für die Verdauung

Eines Tages bemerkten wir, dass sich im Gefieder des brütenden Altvogels etwas bewegte, plötzlich schaute ein schwarz-weiss gestreifter Kopf aus dem Rückengefieder heraus – der erste Jungvogel war geschlüpft. Nach zwei weiteren Tagen war schon viel Betrieb im Nest. Vier Küken kletterten auf dem immer noch brütenden Altvogel herum. Unruhe entstand immer dann, wenn der Partner mit einem kleinen Fisch für die Jungmannschaft am Nest ankam. Dann gab es ein Gerangel um die besten Plätze bei der Fütterung, wobei die noch ungeschickten Küken ab und zu über den Nestrand ins Wasser purzelten. Schnell krochen sie wieder zurück unter das schützende Gefieder des Elternvogels. Zwischendurch wurden die Kleinen mit Federn gefüttert, die sich der Altvogel auszupfte. Damit gewöhnt sich ihr Verdauungsapparat an harte und spitze Nahrungsteile wie z.B. Fischgräte.

Die Eltern bieten Schutz und Nahrung

Nach vier weiteren Tagen fanden wir das Nest leer vor, aus dem letzten Ei war kein Jungvogel mehr geschlüpft. Die Haubentaucher-Familie hatte das Nest verlassen und hielt sich wohl irgendwo  am Schilfrand auf der Flussseite auf. Haubentaucher sind Nestflüchter, das heisst, sie können kurz nach dem Schlüpfen schwimmen. Sie werden jedoch von den Eltern noch mehrere Wochen mit Fisch versorgt. Tauchen und selber Fische fangen können sie erst mit etwa sechs Wochen. Ob die Altvögel auf dem Nest sitzen oder schwimmen, immer wieder kriechen die Küken unter ihre Flügeldecken und lassen sich gerne im «Wassertaxi» herumchauffieren. Im Gefieder der Eltern ist es schön warm und sie sind geschützt vor Feinden, z.B. Greifvögeln, Möwen oder grossen Raubfischen wie dem Hecht. Das gefällt den Kleinen so gut, dass sie sich gar nicht mehr vom behaglichen Platz unter den Flügeln trennen wollen. Der Altvogel geht dann ziemlich rabiat vor, um die Jungen loszuwerden: Entweder schüttelt er seine Flügel kräftig durch oder er taucht einfach ab.

Der Brut der Haubentaucher geht ein eindrückliches Balzritual mit einer vorgegebenen Choreografie voraus, bei dem sich die Paare finden und ihre Beziehung festigen.

 

Der Haubentaucher (Podiceps cristatus)

… gehört zur Familie der Lappentaucher mit weltweit insgesamt 22 Arten. Die nächsten in Europa vorkommenden Verwandten sind Rothalstaucher, Schwarzhalstaucher, Ohrentaucher und Zwergtaucher. Von diesen Arten brütet nur der Zwergtaucher regelmässig in der Schweiz.

Mit etwa 50 cm Körperlänge ist der Haubentaucher ungefähr so gross wie eine Stockente. Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt mit weissem Gefieder an Hals und Bauchunterseite. Auffallendstes und namensgebendes Merkmal ist im Prachtkleid die rotbraun und schwarz gefärbte Federhaube. Auch das Rückengefieder ist rotbraun. Im Schlichtkleid (Winter) ist der Kopfschmuck stark reduziert, Kopf und Körper sind überwiegend braungrau. Jungvögel fallen in den ersten Lebensmonaten durch eine ausgeprägte Schwarz-Weiss-Streifung des Kopfes und des Rückengefieders auf, die im Herbst in das Schlichtkleid übergeht. Die Zehen der Lappentaucher sind nicht mit Schwimmhäuten verbunden, sondern weisen an den drei Vorderzehen lappenartige Verbreiterungen auf. 

  • Haubentaucher im Schlichtkleid
    Haubentaucher im Schlichtkleid
  • Nächster Verwandter: der Zwergtaucher
    Nächster Verwandter: der Zwergtaucher
  • Junger Haubentaucher wird von Altvogel gefüttert
    Junger Haubentaucher wird von Altvogel gefüttert

Der Haubentaucher bevorzugt als Lebensraum stehende und langsam fliessende Gewässer von der Küste bis zu den Voralpenseen, auch künstliche Gewässer wie Stau- und Baggerseen. Wichtigste Voraussetzung für die Brut sind Ufer mit geeigneten Nistplätzen, vor allem Schilfgürtel, ausreichendes Nahrungsangebot an kleinen Fischen sowie geringe Wasserstandsschwankungen während der Brutzeit. Als Unterwasserjäger erbeutet der Haubentaucher vor allem kleine Fische, aber auch Wasserinsekten und kleine Krebse. Die Jungvögel werden mit kleinen Jungfischen sowie Wasserinsekten gefüttert. Haubentaucher können bis zu zwei Minuten und in eine Tiefe bis 25 Meter tauchen.

Der Haubentaucher baut sein Nest aus Schilfhalmen, kleinen Ästen und Wasserpflanzen. Es wird entweder schwimmend im Schilfgürtel errichtet, oder auch in überflutetem Gebüsch verankert. Der Durchmesser beträgt 70 bis 80 Zentimeter. Die Nestmulde wird mit verrottetem Pflanzenmaterial ausgekleidet. Brutbeginn ist Anfang bis Mitte April, in warmen Frühjahren auch schon im März. Da die Hauptnahrung Fisch ganzjährig verfügbar ist, sind Haubentaucher für die Brut nicht so stark an die warme Jahreszeit gebunden wie etwa insekten- und pflanzenfressende Arten. So kann es vorkommen, dass Haubentaucher bis in den Spätherbst noch Jungvögel führen und aufziehen; meistens sind dies Zweitbruten.

Der Haubentaucher kommt in ganz Europa von den Britischen Inseln über Südskandinavien bis nach Spanien, Nordafrika und Griechenland vor. Der grösste Teil der Gesamtpopulation brütet in Russland und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

 

Spektakuläres Balzritual

Haubentaucher praktizieren ein besonders spektakuläres Balzritual. Dieses folgt einer genau vorgegebenen Choreografie und setzt sich aus einer Reihe von ritualisierten Verhaltenselementen zusammen. Der Zweck dieses Verhaltens ist die Paarbildung und die Aufrechterhaltung der Paarbeziehung. Es lassen sich mehrere Phasen im Balzablauf beschreiben:  Die Balz beginnt mit Werberufen einer der beiden Partner. Dann folgt die «Kopfschüttel-Zeremonie». Beide Vögel bewegen sich auf dem Wasser schwimmend frontal aufeinander zu, halten dabei den Hals aufrecht und fangen an, abwechselnd den Kopf nach oben und unten und von einer Seite zur anderen Seite zu schütteln. Dabei imitieren sie jeweils die Bewegungen des Partners.

Dann führen beide Partner die sogenannte «Brautgeschenk-Zeremonie» aus. Dazu schwimmen beide synchron voneinander weg und tauchen nach Unterwasservegetation. Nach ein paar Sekunden erscheinen sie mit dem Schnabel voller Pflanzen (symbolisches Nestbaumaterial). Dabei bewegen sie sich aufeinander zu und richten ihre Oberkörper, Brust an Brust, hoch aus dem Wasser. Das ist nur möglich durch ständiges, kräftezehrendes Paddeln mit den Füssen. Die Federhaube wird hierbei maximal abgespreizt. Durch rhythmisches Schütteln der Köpfe wird ein wunderschöner Tanzeindruck erzeugt. Man nennt diesen Teil der Balz auch «Pinguintanz».

Die später folgende Kopulation findet in der Regel auf einer vorher zusammengetragenen Plattform aus Schilf, Zweigen und Unterwasservegetation statt. Dies ist die spätere Unterlage für das Nest. Das Weibchen steigt auf die Plattform und lädt das Männchen flach liegend mit weichen Rufen zur Begattung ein. Das Männchen springt auf den Rücken der Partnerin. Die anschliessende Kopulation findet «schnell und schmerzlos» statt.

 

Moderne Paarbeziehung…

Mit ihrem Balzritual geben die Haubentaucher das Bild einer harmonischen Paarbeziehung ab. Die Synchronisation durch den Paartanz setzt sich auch beim nachfolgenden Brutgeschäft fort. Die beiden Partner machen alles gemeinsam. Sie suchen zusammen den Nistplatz aus, beide verteidigen ihr Territorium, sie bauen gemeinsam das Schwimmnest und wechseln sich beim Brüten und bei der Betreuung und Fütterung der Jungvögel ab. Optisch wird dies noch unterstrichen durch den fehlenden Geschlechts-Dimorphismus, d.h. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht in ihren äusseren Merkmalen wie dies bei Vögeln häufig und zum Teil sehr ausgeprägt der Fall ist. Damit entsprechen sie nach menschlichen Massstäben einer modernen Paarbeziehung mit gleichberechtigten Partnern, welche sich die Pflichten und Aufgaben für den Nachwuchs voll und ganz teilen.

Und weil dieses Rollenverhältnis wahrscheinlich schon seit vielen tausend Jahren besteht, könnte man salopp behaupten: Wer hat die Gleichberechtigung der Frau erfunden? Der Haubentaucher!

 

…und patriarchalische Rollenverteilung

Es gibt aber auch Vogelarten, deren Balz- und Brutverhalten eher dem patriarchalischen Bild des Menschen entspricht. Ein bekanntes Beispiel für diesen Typus sind die Birkhühner. 

Birkhahn bei der Balz
Birkhahn bei der Balz

 

Bei diesen Vogelarten haben die Männchen meist ein Gefieder, das vorwiegend auf den Zweck der Balz und des Imponierens ausgerichtet ist, während die Weibchen eher bescheiden gefärbt und meistens körperlich einiges kleiner als die Männchen sind. Die Männchen treffen sich auf «Balzarenen» und ihr Gehabe dient nur dazu, die anwesenden Weibchen zu beeindrucken und die männliche Konkurrenz auszustechen. Die Weibchen sind bei dieser Art der Balz nicht aktiver Part, sondern nur Zuschauer – aber immerhin dürfen sie das für sie vorteilhafteste Männchen am Schluss auswählen. Nach der Kopulation ist für diese Männchen das Brutgeschäft erledigt, sie kümmern sich weder um den Nestbau noch um das Bebrüten der Eier noch um das Aufbringen der Jungen. Nach menschlichen Massstäben sind dies die «Macho-Typen» unter den Männchen, ihre Energie verschwenden sie nur für die Brautwerbung. Die Weibchen übernehmen voll und ganz die typische Rolle der «Kinderbetreuung».

 

Rollentausch der Geschlechter

Die Evolution hat jedoch viele Spielarten hervorgebracht und so wundert es nicht, dass es bei den Vögeln auch den totalen Rollentausch beim Brutgeschäft gibt. Für dieses Verhalten berühmt sind die Odinshühnchen, eine arktische Schnepfenvogelart.

Odinshühnchen-Weibchen im Prachtkleid
Odinshühnchen-Weibchen im Prachtkleid

 

Bei ihnen übernimmt das Männchen sowohl die Brut als auch die Aufzucht der Jungvögel. Das Weibchen sucht sich unter den männlichen Bewerbern denjenigen aus, den es für diese Aufgaben als «den Fähigsten» betrachtet. Hierfür besitzt das Weibchen ein schönes Prachtkleid und versucht die Männchen mit Balzflügen auf sich aufmerksam zu machen. Es lässt sich ihre Eier befruchten, legt sie in das vom Männchen vorbereitete Nest und sucht danach das Weite.

Biologisch ist dies bei Vögeln möglich, auf Säugetiere lässt sich dieses Muster nicht unbedingt übertragen, weil den Männchen einige biologische Voraussetzungen fehlen, um die Nachkommenschaft zumindest im Säuglingsalter zu betreuen. Allerdings könnte ja der Mensch mit künstlichen Mitteln nachhelfen … doch hier möchte ich das Philosophieren um mögliche künftige evolutionäre Entwicklungen abbrechen.

 

Balzritual der Clark-Taucher

Der Haubentaucher hat einen Verwandten in Nordamerika. Der Clark-Taucher im US-Bundesstaat Oregon hat das Balzritual des Haubentauchers bis zur Perfektion gesteigert. Als Höhepunkt rennen die beiden «Tänzer» parallel und in aufrechter Haltung eine weite Strecke über das Wasser.

Das nachfolgende Youtube-Video von BBC Life mit dem Titel «The Grebes» ist ein wahrer Augenschmaus und emotional sehr berührend.

 

www.benifoto.ch 

Kommentare (1)

  1. Martin Fürholz
    Martin Fürholz am 04.09.2018
    Super Foto! Das Haubentaucher-Taxi auf der General-Anzeiger-Titelseite. Das nennt man ja dann wohl ein Bild mit Jöh-Effekt! Da wäre ich auch gerne mitgefahren.
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