«Blues berührt die Seele»

Der Thuner Bluesmusiker Marc Amacher (32) sorgte 2016 bei «The Voice of Germany» mit seinen starken Auftritten für Furore. Nun gibt er am 31. Juli ein Konzert im Strandbad Villnachern.

Der Blues hat ihn: Marc Amacher
Der Blues hat ihn: Marc Amacher(Bild: zVg/Philipp Reinhard)

von
Reinhold Hönle

19. Juli 2018
10:25

Marc Amacher, seit wann haben Sie den Blues?

Die Frage ist, wann einen der Blues hat – und nicht umgekehrt! (lacht schallend – das 1. von gefühlt 1000 Mal während dieses Interviews) Dem rennst du nicht unbedingt hinterher! Wo grosses Unglück ist, ist auch gros­ses Glück. Aber du musst schon ein wenig geplagt sein, wenn du den Blues spielen willst. Die Baumwollpflücker, die mit aufgesprungenen Händen die Plantagen durchforsten mussten, sangen in ihren Liedern von ihrem Schmerz, aber vor allem von ihrer Sehnsucht nach Glück. Die Lieder haben sich durch den Tag getragen.

 

Was verbindet Sie mit ihnen?

Ich bin ja heute noch nicht der Schlänkste, aber wenn du in die Schule gehst und Übergewicht hast, weisst du unter Kindern relativ schnell, was es geschlagen hat. Deinen Frieden findest du nicht, in dem du dich an einen Tisch setzt und das ausdiskutierst … Deshalb konnte ich mich schon früh in die diskriminierten Schwarzen hineinversetzen und hörte diesen Unterton auch aus dem Blues heraus.

 

Wie hat er Sie gefunden?

Musik war bei uns zu Hause schon immer ein wichtiges Element. Da lief sehr viel – aus meiner Sicht – gute Musik. Rock und Blues sind für andere zu anspruchslos oder zu wenig tiefgründig. Ich habe genossen, was man spürt, dass diese Musik die Seele berührt. 

 

Wann kam der Wunsch, selbst Musik zu machen?

Ich hätte nie gedacht, dass ich singen würde, aber Stimmen wie diejenige von Joe Cocker haben mich fasziniert. Dafür habe ich schon von klein auf klar kommuniziert, dass ich Gitarre spielen will. Vielleicht habe ich zu früh gewusst, was ich wollte – eine normale berufliche Laufbahn hat mich nie wirklich interessiert. Die Musik war immer wichtiger als der Job, der den Lebensunterhalt sicherte. Man wird jedoch älter und merkt, dass man Geld braucht, um Miete, Essen und Steuern bezahlen zu können. Es braucht schon eine gewisse Ignoranz, wenn man es trotzdem macht! Aber es ist schon viel wert, wenn man 40 Prozent des Lebensunterhalts seiner Familie mit seiner grossen Leidenschaft verdienen kann!

 

Seit wann verdienen Sie mit dem Musikmachen Geld?

Seitdem ich einigermassen Gitarre spielen kann. Als ich in der Schulzeit an Geburifesten gespielt habe, ging es nicht ums Geld, aber ich bekam vielleicht ein Hunderternötli in die Hand gedrückt, weil die Leute fanden, es «fäge wie ne Moore». 

 

Was haben Sie damit gemacht?

Ich konnte mir davon ein gebrauchtes Töffli kaufen! Ich musste zwar noch an ihm herumschrübeln, um es richtig zum Laufen zu bringen, aber ich arbeite gerne mit den Händen. Auch meine Musik hat mit Handwerk zu tun. Ich mag das ganze Star-Getue nicht. Bei mir geht's um den Inhalt und nicht ums Outfit!

 

Trotzdem haben Sie einen ungewöhnlichen Look, der mich an die Blues Brothers erinnert. Ein Inspiration für Sie?

Ja, John Belushi und Dan Aykroyd haben ja wirklich Blues gespielt und verkörperten zwei, die ihr Ding durchziehen, auch, wenn rings herum alles in die Luft fliegt. Ich kenne ihren Achtziger-Jahre-Kultfilm schon lange, denn ich bin ein Fernsehkind. Lesen tue ich überhaupt nicht gerne, aber ich nehme viel über Bilder und das gesprochene Wort auf. So habe ich auch über die Musik viel gelernt.

 

Wie wichtig ist es, dass Ihnen Ihre Frau den Rücken frei hält?

Sehr wichtig. Ich war aber auch nie unehrlich zu ihr. Ich habe meine Frau an einem Konzert gefragt, ob sie mit mir mal einen Kaffee trinken würde. Das war der Grundstein für unsere Beziehung. Sie wusste also von Anfang an, dass die Musik für mich schon sehr zentral ist. Nun sind wir bald zehn Jahre zusammen. Nicht schlecht für einen 32-Jährigen. Vor allem in der heutigen Zeit, wo manche sich schon ein paar Monate nach der Hochzeit scheiden lassen. Da kenne ich genügend Geschichten …

 

Ihre Bodenständigkeit erinnert mich an Gölä. Empfinden Sie eine Büezer-Seelenverwandschaft?

Als Gölä aufkam, war ich noch in der Stifti als Strassenbauer. Die Giele, mit denen ich bügelte, plagierten nun plötzlich, dass sie den Pfeuti, den sie jahrelang belächelt hatten, kennen würden. Die Kraft der Musik hilft einfach, Vorurteile zu überwinden! Wie oft bin ich schon an ein Fest gekommen und an der Tür schräg angeschaut worden. Was will denn der kleine Dicke mit der Brille hier, das Buffet plündern? Dann ging ich auf die Bühne, und nachher spielte es plötzlich überhaupt keine Rolle mehr, wie ich aussehe. 

 

Sie haben eine Frau und zwei kleine Kinder. Dachten Sie vor «The Voice of Germany», dass Sie nun den nächsten Karriereschritt machen müssen?

Nein, ich habe mich dort nicht einmal beworben! Natürlich befand ich mich auf einer Gratwanderung ohne Freizeit, als ich zu 100 Prozent bügelte und dazu eine Band hatte, mit der er ich übte und auftrat. Die Idee kam jedoch von Markus, mit dem ich schon drei Jahre als Strassenmusiker unterwegs war und 80 bis 120 Auftritte pro Jahr machte. Er hatte unsere Bewerbung eingeschickt, ohne mich vorher zu fragen.

 

Mit welchen Konsequenzen?

The Voice rief an, wollte aber nicht das Duo, sondern nur einen Sänger. Wir sagten darauf ab, doch die Produzenten lies­sen nicht locker, worauf der Gitarrist und ich beide vorsangen. Markus fiel raus, und ich schluckte leer, weil ich dachte, dass ich nicht in diese Show reinpassen würde. Ich will richtige Musik machen, keinen Popplunder!

 

Weshalb haben Sie trotzdem mitgemacht?

Einerseits dachte ich mir, dass ich ja nichts zu verlieren hätte, und anderseits hatte ich mir ausbedungen, dass ich bei der Blind Audition nicht zu Konserven singen muss. Ich bekam einen Pianisten und spielte selbst Gitarre. Ausserdem war ein Song von Marvin Gaye ein guter Kompromiss – nicht ganz mein Stil, aber grosse Klasse.

 

Wie haben Sie von «The Voice» profitiert? 

Die Anerkennung der Musiker der Live-Band freute mich am meisten. Diese absoluten Studio-Topshots sagten mir nach dem Finale, dass keiner von ihnen gewollt hätte, dass ich gewinne, weil es mir nichts gebracht hätte. Aber ich müsse wissen, dass ich für jeden Einzelnen von ihnen ein Teil der Band gewesen sei, anders als bei den Sängern, die sie sonst in dieser Show begleiten. 

 

Haben Sie daraus zusätzliches Selbstvertrauen geschöpft?

Danach nahm ich mein Album «8 Days» in nur acht Tagen mit Schweizer Musikern auf, mit denen ich vorher schon zusammen gespielt hatte. Damit wollte ich auch zeigen, dass ich mich nun nicht als jemand Besseres fühle. 

 


Marc Amacher «8 Days», Dienstag, 31. Juli, 20 Uhr Strandbad, Villnachern 

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