Das Bijou vom Stausee

Zurzeit richtet sich das Interesse der Vogelbeobachter am Klingnauer Stausee auf den Frühlingszug. Einer der schönsten Zugvögel ist das Blaukehlchen.

Blaukehlchen auf dem Frühlingszug
Blaukehlchen auf dem Frühlingszug (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

24. April 2019
11:00

Im Frühling tauchen verschiedene Vogelarten, die sonst kaum in der Schweiz zu sehen sind, am Stausee auf. Sie rasten dort für einige Tage oder auch nur Stunden, um ihre Energievorräte «aufzutanken» und ziehen dann weiter. Eine dieser Vogelarten – eine besonders hübsche – ist das Blaukehlchen. Die Männchen fallen durch ihre seidenglänzende Blaufärbung von Kehle und Brust auf. Die Weibchen sind – wie so oft bei den Vögeln – bescheidener gefärbt. Die beim Männchen blauen Partien sind hellbeige und zeigen dazu kontrastierend den dunklen Bartstreif. Einige Weibchen weisen auch eine blassblau angedeutete Kehlfärbung auf.

Der schlank gebaute und hochbeinige Singvogel ist etwa so gross wie das bekanntere Rotkehlchen. Der Durchzug der Blaukehlchen beginnt etwa Mitte März, ab Mitte April nimmt ihre Zahl schnell ab. Generell sind nie besonders viele der prächtigen Vögel am Stausee anzutreffen respektive sie verstecken sich gut im Schilf oder Ufergebüsch. Die Entdeckung  eines Blaukehlchens ist daher immer ein besonderes Ereignis für jeden Vogelbeobachter. Nach dem Aufenthalt am Klingnauer Stausee ziehen die Blaukehlchen weiter in ihre Brutgebiete im nördlichen Europa (Deutschland, Beneluxländer, Polen und Baltikum).

  

Das Blaukehlchen (Luscinia svecica)…

…ist eine Singvogelart aus der Familie der Fliegenschnäpper. Namensgebend ist die auffallende Blaufärbung von Kehle und Vorderbrust, die das Männchen im Brutkleid zeigt. Das Blaukehlchen besiedelt busch- oder röhrichtbestandene Biotope oft an sehr feuchten Standorten und ernährt sich überwiegend von Insekten. In Europa ist das Verbreitungsgebiet stark zergliedert und die Art vielerorts durch Mangel an geeignetem Lebensraum bedroht.

Je nach Unterart befindet sich auf diesem blauen Grund ein weisser oder roter Fleck, der sogenannte «Stern». Die zehn Unterarten werden daher in zwei Gruppen unterteilt, das Weisssternige und das Rotsternige Blaukehlchen. Bei manchen Unterarten fehlt der Stern jedoch. 

  • Weisssterniges Blaukehlchen
  • Rotsterniges Blaukehlchen
  • Blaukehlchen ohne Stern

Das Blaukehlchen ist ein Zugvogel. Die europäischen Blaukehlchen überwintern in Südspanien, Nordafrika und südlich der Sahara, wobei das Weisssternige Blaukehlchen eher ein Kurz- oder Mittelstreckenzieher ist.

Das Rotsternige Blaukehlchen hat ein grosses Verbreitungsgebiet, das von Skandinavien über Sibirien bis in den Westen von Alaska reicht. Es brütet in tundraartigen Landschaften und wird daher auch «Tundrablaukehlchen» genannt. Es ist ein Langstreckenzieher und überwintert vorwiegend auf dem indischen Subkontinent. Daher ist das Rotsternige Blaukehlchen fast nie auf dem Zug in der Schweiz zu beobachten. Dennoch sind vor einigen Jahrzehnten wohl einige skandinavische Durchzügler «hängen geblieben» und haben an wenigen Stellen in den Alpen kleine Brutvorkommen begründet.

Neben dem Blaukehlchen nutzen viele andere Zugvögel den Stausee im unteren Aaretal als Rastplatz. Darunter sind nicht nur typische Wasservögel oder ans Wasser gebundene Arten wie Enten, Reiher, Seeschwalben oder Limikolen (Watvögel), sondern auch viele Singvogelarten wie etwa die Schafstelzen, deren Durchzug zurzeit besonders intensiv ist. Jede Vogelart hat ihre charakteristische Zeitspanne, während der sie bei uns zu beobachten ist. Im Herbst sind meistens die gleichen Arten wieder auf dem Wegzug in die Überwinterungsgebiete am Stausee zu Gast. Es gibt jedoch auch Arten, die auf dem Frühlingszug häufiger zu beobachten sind als im Herbst – oder auch umgekehrt.

 

Typische Frühlings-Durchzügler am Klingnauer Stausee

  • Die Knäkente ist zwischen Anfang März und Ende April regelmässig am Klingnauer Stausee zu beobachten.
    Die Knäkente ist zwischen Anfang März und Ende April regelmässig am Klingnauer Stausee zu beobachten.
  • Das Tüpfelsumpfhuhn ist eine Rallenart und kann jedes Jahr während des Frühjahrs- oder Herbstzuges gesehen werden, im Frühling tritt es während des ganzen Monats April auf.
    Das Tüpfelsumpfhuhn ist eine Rallenart und kann jedes Jahr während des Frühjahrs- oder Herbstzuges gesehen werden, im Frühling tritt es während des ganzen Monats April auf.
  • Kampfläufer gehören zu den am frühesten durchziehenden Limikolen (Watvögel), sie sind bereits ab Ende Februar am Stausee anzutreffen, Ende Mai ist der Frühjahrszug abgeschlossen.
    Kampfläufer gehören zu den am frühesten durchziehenden Limikolen (Watvögel), sie sind bereits ab Ende Februar am Stausee anzutreffen, Ende Mai ist der Frühjahrszug abgeschlossen.
  • Grünschenkel halten sich zwischen Anfang April und Mitte Juni am Stausee auf, es konnten schon bis 31 Vögel gleichzeitig gesichtet werden.
    Grünschenkel halten sich zwischen Anfang April und Mitte Juni am Stausee auf, es konnten schon bis 31 Vögel gleichzeitig gesichtet werden.
  • Mit etwas Glück lässt sich im Frühjahr zwischen Mitte April und Ende Mai ein Ortolan beobachten.
    Mit etwas Glück lässt sich im Frühjahr zwischen Mitte April und Ende Mai ein Ortolan beobachten.
  • Schafstelzen gehören zu den häufigen und regelmässigen Durchzüglern. Sie können in grösserer Zahl bis zu 200 Vögeln im April und Mai beobachtet werden.
    Schafstelzen gehören zu den häufigen und regelmässigen Durchzüglern. Sie können in grösserer Zahl bis zu 200 Vögeln im April und Mai beobachtet werden.

Neues BirdLife-Naturzentrum

Der Klingnauer Stausee ist ein international bedeutendes Überwinterungs- und Rastgebiet für Zugvögel, aber auch Brutplatz für zahlreiche Wasservögel. Als solches ist er schweizweit auch eines der interessantesten Vogelbeobachtungsgebiete. Aus diesem Grund haben der «Schweizer Vogelschutz – BirdLife Schweiz» und der Tochterverband BirdLife Aargau vor einigen Jahren die Gelegenheit gepackt und ein zum Verkauf stehendes Grundstück direkt am Stausee erworben. Dort entsteht ein Informations- und Umweltbildungszentrum nach dem Vorbild der BirdLife-Zentren im La Sauge (Neuenburgersee) und Neeracherried ZH. Das BirdLife-Naturzentrum steht kurz vor der Vollendung und wird am 25. und 26. Mai 2019 mit einem Einweihungsfest eröffnet.

 

Schutzstatus des Klingnauer Stausees

(Auszug aus der Webseite der Ornithologischen Arbeitsgruppe Klingnauer Stausee)

«Mit dem RAMSAR-Abkommen von 1971 hat sich die Schweiz verpflichtet, Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung unter Schutz zu stellen. Ziel ist der Schutz und die Erhaltung der Zugvögel und der ganzjährig in der Schweiz lebenden Wasservögel. Mittlerweile hat die Schweiz acht Ramsar-Gebiete bestimmt. Das 1991 am Klingnauer Stausee ausgeschiedene Wasser- und Zugvogelreservat entspricht dem späteren Dekretsgebiet Klingnauer Stausee, zusätzlich wurde auch das Leuggern-Feld in den Perimeter des Reservats aufgenommen.

Zu Beginn war der hohe Schutzstatus des Reservats durch die grosse Menge der überwinternden Wasservögel begründet. Heute beruht der hohe Wert des Gebietes vor allem auf der Diversität, also der grossen Zahl verschiedener Arten, die am Klingnauer Stausee rasten oder überwintern. Im Kanton Aargau ist der Klingnauer Stausee das einzige Naturschutzgebiet mit internationalem Status.

1988 hat der Kanton Aargau Schutz- und Nutzungsbestimmungen für den Klingnauer Stausee und seine Umgebung erlassen und durch ein Dekret geregelt. Ziel des Dekrets über den Schutz des Klingnauer Stausees und seiner Umgebung ist die Erhaltung und Förderung des Gebiets als

  • Auengebiet mit ursprünglicher Tier- und Pflanzenwelt und
  • international bedeutendes Nahrungs-, Rast- und Überwinterungsgebiet für ziehende Wasser- und Watvögel.»

 

Siedlungsdruck auch am Stausee

Für den Klingnauer Stausee und die naturnahen Gebiete in seiner Umgebung gelten Schutz- und Nutzungsbestimmungen, das zusammenhängende Wasser-, Röhricht- und Auenwaldgebiet darf nicht gestört werden. Im Gebiet Grossacher ist auf dem Gelände eines Kieswerks und in direkter Nachbarschaft zum Naturzentrum ein Wohn- und Gewerbepark geplant mit Wohnungen für 875 Einwohner und 500 neuen Arbeitsplätzen. Die Gemeinde betont, dass sie strenge Vorschriften für die Überbauung und Nutzung des Geländes erlässt und sich der zeitliche Horizont für die Realisierung in drei Bauetappen über die nächsten 20 Jahre erstreckt. Dennoch wird diese Freifläche für die Natur letztendlich verloren gehen. Der Klingnauer Stausee hört für die Vögel nämlich nicht an seinem Ufer auf. Viele benutzen auch das umliegende Kultur- und Grasland als Rastplatz und für die Nahrungssuche. So können immer wieder verschiedene Enten, Brachvögel, Bekassinen und Lachmöwen auf den Feldern beobachtet werden, aber auch Schwärme überwinternder oder rastender Singvögel wie Bachstelzen, Schafstelzen oder Hänflinge.

www.benifoto.ch

Kommentare (1)

  • Urs Heinz Aerni
    Urs Heinz Aerni
    am 25.04.2019
    Gratuliere zu diesem schönen Bericht. Der Klingnauer Staussee ist eine Perle und weitere könnte man hierzulande einrichten.

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