Das Ministerium des äussersten Glücks – Arundhati Roy

Viele Figuren bevölkern diese 556 Romanseiten. Da ist die intersexuelle Anjum, da die betörende Architektin Tilottama, da der kaschmirische Freiheitskämpfer Musa, da der schreckliche Militär Amrik Singh, der Leute in sadistischer Manier ins Jenseits befördert. Und da ist jener Friedhof in Delhi, auf dessen Gräberplatten gleichsam eine Dorfgemeinschaft Ausgegrenzter entsteht. Eine spezielle Welt.

von
Hans Lenzi

09. November 2017
16:20

Ums vorweg zu nehmen: Leicht zu lesen war dieses Buch der berühmten indischen Schriftstellerin für mich nicht. Es hat mich nie zum «äussersten Glück» gebracht, mich in seiner Gesamtheit nie wirklich gepackt. Auch wenn ich einiges über den seit 1947 schwelenden Kaschmirkonflikt gelernt habe, jenes nördlichen Zipfels Indiens, um den sich Pakistan, China und der Subkontinent streiten. Hier herrscht brutale Unterdrückung und Menschenrechte sind hintan gestellt. Ich erfahre manches über transsexuelle Menschen, den so genannten Hijra, also Männer und Frauen, die sich eben nicht als solche verstehen, sondern als Mitglieder eines dritten Geschlechts und in Gemeinschaften unter sich leben. Über welche die Schriftstellerin zitiert: «Gott beschloss, etwas zu erschaffen, das erwiesenermassen unfähig ist, glücklich zu sein. Also erschuf er uns.» Und ich verfolge die verhaltene Liebesgeschichte zwischen einer wunderschönen Frau und ihrem tragischen Partisanen. Der meint: «Wir können nicht nur mit unsern Körpern gewinnen. Wir müssen auch unsere Seelen rekrutieren.» Es geht immer ums Ganze.

Dem Werk Roys entströmt viel Trauer, Melancholie. Es zeigt die Verletzlichkeit des Individuums gegenüber staatlicher Macht Übergriffigkeit. Es zeigt ein Indien, dessen Buntheit viele Europäer als hip empfinden, welches aber – wieso sollte es eigentlich hier anders sein? – halt dieselben menschenunwürdigen gesellschaftlichen Auswüchse gebiert wie anderswo. Immerhin: Auch auf Gräberfeldern kann neues Leben entstehen, auf jenen Friedhof mitten in Delhis Altstadt. Vielleicht die Botschaft, die Arundhati Roy vermitteln will?


Über die Autorin

Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debüt «Der Gott der kleinen Dinge», für das sie 1997 den Booker Prize zugesprochen erhielt. Er gilt heute als Weltliteratur. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem neuesten, nun vorliegenden Werk.

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