Das Tagebuch der Menschheit – Carel van Schaik & Kai Michel

«Was die Bibel über unsere Evolution verrät» ist der Untertitel dieses spannenden Buches. Es versucht die Bibel für einmal nicht als göttliche Offenbarung, sondern als gewissermassen chronologische Abfolge einer menschlichen Entwicklung zu zeigen, die zum Zeitpunkt der neolithischen Revolution eine tiefe Zäsur erlitt. Seither funktionieren wir nach den beiden Autoren mit drei Naturen.

von
Hans Lenzi

14. Dezember 2017
10:00

Das Schöne an diesem 490 Seiten dicken Schinken ist, dass der Evolutionsbiologe und Anthropologe sowie der Historiker und Wissenschaftsjournalist keine Antihaltung gegen das heilige Buch der Christenheit einnehmen. Sie schreiben in ihren Ausführungen nicht gegen die Bibel an, sondern setzen ihr mit den neuesten Forschungen aus Anthropologie und Evolutionsforschung eine neue Art der Auslegung zur Seite. Und das auf eine sehr interessante Weise. Van Schaik und Michel verstehen die Heilige Schrift als einen Zeitzeugenbericht, welcher über tausend Jahre lang zu dem geworden ist, was wir heute vor uns haben. An diesem Prozess waren nach ihnen ganz viele Autoren beteiligt.

Sie setzen ebenfalls im Paradies an, also dort, wo der Mensch erschaffen worden sein soll. Für sie aber sind diese paradiesischen Zustände jener Zeit, als der Mensch als Sammler und Jäger in kleinen, überschaubaren Gruppen unterwegs war. Das beschreibt in ihren Augen die erste Natur unserer Existenz: Stark gemeinschaftlich geprägt, egalitär, intuitiv-individuell. Die einsetzende Sesshaftigkeit des Menschen dann hat ihn überfordert. Er musste sich innert vergleichsweise kurzer Zeit umstellen. Hierarchien entstanden, Besitzverhältnisse gewannen an Bedeutung. Die Umstellung passierte über seine zweite Natur, die von Kulturleistungen geprägt ist. Das vernunftgesteuerte Handeln schliesslich stellt die dritte Natur dar. Oft kommen sich diese Naturen in die Quere; insbesondere unsere erste Natur, die wir stark verinnerlicht haben, macht sich immer wieder deutlich bemerkbar.

Was hat das mit Religion zu tun? Nun, die Verfasser sind überzeugt, dass der Gottesglaube und das religiöse Leben erst  infolge der neolithischen Revolution entstanden sind. Sie hätten das damals so dringend erforderliche neue «Wir»-Gefühl hervorgebracht und damit über die gemeinsamen Riten den notwendigen Kit zum weiteren Zusammenhalt der menschlichen Gruppierungen hervorgebracht.

Dieses Buch ist voller neuer Gedanken, überraschenden Verknüpfungen, kommt wohlwollend daher, so dass es jedem empfohlen werden kann.


Über die Autoren

Carel van Schaik (*1953) ist Anthropologe und Evolutionsbiologe. Von 1989 bis 2004 war er Professor an der Duke University, USA. Seitdem ist er Direktor des Instituts und Museums für Anthropologie an der Universität Zürich. Er erforscht die Wurzeln der menschlichen Kultur und Intelligenz bei Menschenaffen.

Kai Michel, *1967, ist Historiker und Literaturwissenschaftler. Er war Wissenschaftsredakteur bei Zeitungen wie «Die Zeit», «FACTS» oder «Die Weltwoche», wo er sich vorrangig Themen aus den Bereichen Archäologie, Religion und Evolution widmete. Er lebt als Buchautor in Zürich und im Schwarzwald.

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