Den Sommer geniessen – den Winter verschlafen

Sommerzeit – Wanderzeit. Eine Bergwanderung bringt fast immer Begegnungen mit Murmeltieren. Mit etwas Glück kann man sie vor ihren Bauten beobachten, zumindest aber ihre Warnpfiffe hören.

Das Alpenmurmeltier
Das Alpenmurmeltier

von
Beni Herzog

07. September 2017
09:00

Wir sind unterwegs über Alpwiesen im oberen Bedrettotal, unweit des Nufenenpasses, knapp oberhalb der Baumgrenze. Plötzlich ertönen schrille Pfiffe. Zwei Murmeltiere huschen zwischen den Steinblöcken davon und verschwinden in ihrem Erdbau. Wir verstecken uns in genügender Distanz hinter einem Felsblock und warten. Bald erscheint von einem der beiden der Kopf am Ausgang der Erdhöhle. Vorsichtig späht es die Gegend aus. Wir müssen uns jetzt ganz still verhalten, denn Murmeltiere können nicht nur sehr gut sehen, sondern auch gut hören. Mit der Zeit wagt es sich ganz aus dem Bau, etwas später folgt auch das zweite Tier. Da sitzen sie nun «im Doppel» vor ihrem Bau – ein hübsches Bild … und gut, dass ich meine Fotokamera mit Teleobjektiv dabeihabe.


  • Der Kopf eines Tiers erscheint am Ausgang der Erdhöhle. Vorsichtig späht es die Gegend ab.
    Der Kopf eines Tiers erscheint am Ausgang der Erdhöhle. Vorsichtig späht es die Gegend ab.
  • Mit der Zeit wagt es sich ganz aus dem Bau.
    Mit der Zeit wagt es sich ganz aus dem Bau.
  • Das zweite folgt bald …
    Das zweite folgt bald …
  • … und so sitzen sie «im Doppel» vor ihrem Bau.
    … und so sitzen sie «im Doppel» vor ihrem Bau.

Ist es ein Pärchen? Sehr wahrscheinlich, denn es ist anfangs Juni und möglicherweise sind unten im Bau bereits frisch geworfene Jungtiere. Murmeltiere schreiten sofort nach dem Winterschlaf im April zur Fortpflanzung. Nach einer Tragzeit von 5 Wochen kommen die Jungen zur Welt. Das «forsche Tempo» ist notwendig, damit die Jungtiere ausreichend Zeit zur Verfügung haben, um Fettreserven für den Winterschlaf aufzubauen.


Bei Gefahr werden Artgenossen gewarnt

Murmeltiere sind sehr sozial und leben in Kolonien. Bei Gefahr oder Auftauchen von Feinden stossen sie schrille Pfiffe aus, alle Artgenossen flüchten daraufhin in ihre Baue. Genau genommen sind es keine Pfiffe, sondern Schreie, denn der Ton wird in der Kehle erzeugt und nicht wie bei einem Pfiff durch Ausstossen von Luft zwischen Zähnen oder Lippen. Aber für uns tönt es eben wie ein Warnpfiff. Bei Wanderern müssten sie eigentlich keinen Grund zur Besorgnis haben. Diese sind ihnen meist wohl gesonnen und möchten sie nur beobachten. An einigen Orten haben sich die Murmeltiere bereits so stark an Bergwanderer gewöhnt, dass sie sich von ihnen füttern lassen. Anders sieht es bei Menschen aus, die statt der Kamera eine Jagdflinte mit sich tragen. Murmeltiere werden im Alpenraum noch immer gejagt, vor allem in Österreich und der Schweiz. In Deutschland hingegen wurde die Murmeltierjagd eingestellt.


Fressfeind Nummer 1 – der Steinadler

Der grösste Feind der Murmeltiere ist jedoch der Steinadler. Dieser wiederum ist für die Aufzucht seiner Jungen auf genügend Murmeltiere angewiesen. Ein Steinadler schlägt während der Brutsaison etwa 70 Murmeltiere, welche bis zu 80 % der Beutetiere ausmachen. Dennoch sind Steinadler wegen ihrer geringen Anzahl und ihren riesigen Revieren keine Gefahr für die Murmeltier-Populationen. 

Die Murmeltiere, die überleben, fressen sich den ganzen Sommer über mit guten Kräutern und Gräsern der Alpwiesen ordentlich Winterspeck an, um den langen Winterschlaf zu überstehen, den sie bereits Ende September beginnen.


Das Alpenmurmeltier (Marmota marmota)

… ist in den Alpen heimisch und dort mit keinem anderen Tier zu verwechseln. Es ist sicher das bekannteste Tier der alpinen Fauna und fast jeder Bergwanderer hat es schon gesehen. Je nach Region hat es andere Namen: in Bayern heissen sie Mankei, im Allgäu Murmele, in der Schweiz Murmeli oder Munggen und in Frankreich Marmotte. Murmeltiere leben sozial in Gruppen zusammen, die bis zu 20 Individuen umfassen können.

Murmeltiere waren während der Eiszeit auch im europäischen Tiefland zu finden. Heute sind sie in ihrer Verbreitung auf Gebirgshöhenlagen begrenzt, da sie nur hier geeignete Umwelt- und Nahrungs­bedingungen finden. Sie leben auf den tiefgründigen Weiden der Gebirge, wo sie ihre weitläufigen Baue anlegen können, meist zwischen 900 und 2500 Meter Höhe. Ein geeigneter Lebensraum muss alpinen Rasen aufweisen, da sie nur hier ausreichend Nahrungspflanzen finden. Sie bevorzugen dabei die sonnigen Südhänge. Ein sechs bis sieben Monate dauernder Winterschlaf ermöglicht ihnen die Besiedlung dieser unwirtlichen Regionen.

 

  • Murmeltiere ernähren sich von Gräsern und Kräutern der Gebirgswelt. Durch deren hohen Nährwert legen sie schnell Fett an.
    Murmeltiere ernähren sich von Gräsern und Kräutern der Gebirgswelt. Durch deren hohen Nährwert legen sie schnell Fett an.

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Alpenmurmeltiers umfasst neben den Alpen die Karpaten (Rumänien/Slowakei) und die Hohe Tatra (Slowakei/Polen), wobei es nirgendwo flächendeckend vertreten ist. Der Mensch hat das Alpen­murmel­tier ausserdem an verschiedenen Stellen angesiedelt, hierzu zählen unter anderem die Ostalpen und die Pyrenäen (Frankreich/Spanien). Es gibt sogar eine kleine Kolonie im Schwarzwald.


Für ein Leben unter Tag gerüstet

Das Murmeltier ist ein Grab- und Nagetier, entsprechend ist sein Körperbau darauf abgestimmt. Die Vorderpfoten sind kräftig und mit langen Krallen besetzt, sie wirken wie kleine unbehaarte Hände. Die Vorderpfoten besitzen 4 Zehen, die Hinterpfoten 5 Zehen. Der Hals ist sehr kurz, die kleinen Ohren liegen dicht am Fell. Es besitzt 4 grosse Nagezähne, wie bei fast allen Nagetieren wachsen diese das ganze Leben lang nach. Die Fortbewegung wirkt eher watschelnd und nicht sehr schnell. Das ändert sich allerdings blitzartig bei der Flucht in den Bau. Da «Munggen» an die kühlen Gebirgs­lagen angepasst sind, geraten sie leicht in Hitzestress. An heissen Sommertagen halten sie sich daher überwiegend in ihren kühlen Bauen auf. Gesamthaft verbringen sie nur etwa 10% ihrer Lebenszeit an der Erdoberfläche.

Das Murmeltier hat ein sehr gutes Sehvermögen. Durch die seitliche Anordnung der Augen besitzt es ein weites Blickfeld. Auch das Gehör ist sehr empfindlich, nur der Geruchssinn ist eher schwach ausgeprägt. Die Geschlechter sind nur schwer zu unterscheiden, meist sind die Männchen leicht dunkler gefärbt.

Die Murmeltiere sind die grössten Vertreter der Hörnchen und somit verwandt mit den Eichhörnchen.
Die Murmeltiere sind die grössten Vertreter der Hörnchen und somit verwandt mit den Eichhörnchen.


Leben im Familienverband

«Murmeli» sind gesellig und leben in Kolonien. Sie haben ein starkes Kontaktbedürfnis und verbrin­gen viel Zeit mit gegenseitiger Fellpflege und spielerischen Balgereien. In jeder Kolonie leben meh­rere Familien. Ihre weitläufigen Baue reichen viele Meter tief in den Berghang hinein. Sie bauen einige tote Gänge die zu «Toiletten» umgebaut werden. Viele Gänge dienen auch als Fluchtwege bei Angriffen. Die Erde wird dabei mit den Vorderpfoten gelockert und mit den Hinterpfoten fortge­schleudert. Meist halten sie sich in direkter Nähe der Baue auf und entfernen sich nie weiter als 100 m. Murmeltiere bauen zwei verschiedene Baue, einmal für den Sommer als Schutz vor Feinden und für den Winter, mit grossen Nesthöhlen für den Winterschlaf.

Bei Gefahr oder Annäherung von Feinden stossen sie schrille Pfiffe aus (siehe weiter oben). Dabei nehmen die Tiere jedoch keine spezifische Wächterrolle ein. Vielmehr warnt jeweils das Tier, das als erstes eine Gefahr entdeckt. Die Alpenmurmeltiere verfügen über zwei unterschiedliche Warnrufe – einen einzelnen Pfiff und eine Folge von mehreren, sehr kurzen Pfiffen. Ein einzelner Pfiff weist auf eine unmittelbare Gefahr hin wie etwa einen bereits im Angriffsflug befindlichen Adler. Wanderer oder ein in der Umgebung anwesender Fuchs lösen dagegen die Pfiffserie aus, mit der ein Murmeltier seine Artgenossen auf eine potenzielle Gefahr aufmerksam macht.

  • Wenn die Silhouette des Steinadlers am Himmel auftaucht, heisst es für die Murmeltiere «ab in den Bau».
    Wenn die Silhouette des Steinadlers am Himmel auftaucht, heisst es für die Murmeltiere «ab in den Bau».
  • Auch der Fuchs zählt zu den Fressfeinden der Murmeltiere.
    Auch der Fuchs zählt zu den Fressfeinden der Murmeltiere.

Den Winter verschlafen

Murmeltiere halten einen sogenannt «echten Winterschlaf» und legen daher keinen Wintervorrat an Nahrung an. Sobald die Nahrung im Herbst nicht mehr ausreichend Energie liefert und die Fett­speiche­r­zellen maximal gefüllt sind, begeben sich die Murmeltiere in den Winterschlaf. Dieser Zeit­punkt liegt oft einige Wochen vor dem eigentlichen Wintereinbruch, ca. Ende September. Während des 6- bis 7-monatigen Winterschlafs zehren sie von der Fettschicht, die sie im Sommer angefressen haben. Sie erwachen nur wenige Male aus dem Winterschlaf, um Harn und Kot abzugeben.

Im Winterschlaf rollen sich die einzelnen Tiere in Gruppen zusammen. Dabei stecken sie den Kopf zwischen die Hinterbeine, um die freie Körperoberfläche gering zu halten. Die Körpertemperatur sinkt dann bis unter 5 Grad. Die Atmung reduziert sich auf ca. 2 Züge und der Herzschlag von 200 auf 20 Schläge je Minute. Der Energieverbrauch sinkt auf weniger als 10%. Ca. 1200 Gramm Körperfett reichen so für den Winter. Das Erwachen wird über die Aussentemperatur ausgelöst.

Während des ersten Winterschlafs stirbt rund ein Drittel der einjährigen Murmeltiere. In den Sommer­monaten fallen sie Prädatoren, wie dem Steinadler seltener dem Fuchs oder Marder, oder aber der Bejagung durch den Menschen zum Opfer. Durch den Schutz in der Kolonie können Murmeltiere bis zu 15 Jahre alt werden.

www.benifoto.ch

Kommentare (2)

  1. Senn Margrit
    Senn Margrit am 23.09.2017
    Lieber Beni, wie immer ein sehr interessanter Beitrag. Da habe ich doch so viel Neues erfahren, was ich als Unterländerin nicht wusste.
    Dazu die wunderschönen Aufnahmen.
    Es ist immer wieder schön, deine Beiträge zu lesen.
    Danke Beni
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    1. Beni
      Beni am 27.09.2017
      Liebe Margrit
      Du scheinst eine meiner treuesten Leserinnen in diesem Blog zu sein.
      Herzlichen Dank für Deine Kommentare!
      Beni

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