«Die erste Begegnung war pure Magie»

Matto Barfuss hat Gepardin Maleika während vier Jahren begleitet. Sein Film erzählt die Geschichte einer Mutter, die für ihre Familie kämpft.

Der Anfang der Geschichte: Maleika wird Mutter von sechs Gepardenkindern
Der Anfang der Geschichte: Maleika wird Mutter von sechs Gepardenkindern (Bilder: zVg)

von
Aufzeichnung: Annabarbara Gysel

01. Februar 2018
10:35

Matto Barfuss, 47

ist ein deutscher Künstler, Fotograf, Filmemacher, Artenschützer und Autor. 1998 gründete er den Verein «Leben für Geparden e.V.» und 2015 die Stiftung «Go wild Botswana Trust». Mit dem Kinofilm «Maleika» wird die Initiative «Green Belt Botswana» unterstützt: In den nächsten 10 bis 12 Jahren soll entlang des südlichen Wendekreises eine 500 Kilometer lange Baumlinie entstehen, um einen nachhaltigen Schutz des Lebensraums für Mensch und Tier zu schaffen.

Mehr Informationen

«Ich bin mit der Begeisterung für Katzen auf die Welt gekommen. 1996 verliebte ich mich in der Serengeti in eine wilde Gepardin mit fünf Babys. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, für Gepardin Diana eher auf den 17. oder 18. Blick. Sie hatte natürlich Angst um ihre Kinder. Aber ich wurde schliesslich in ihre Familie aufgenommen und lebte über viele Monate auf allen vieren mit den Tieren zusammen. Das hat mein Schaffen als Filmer und Künstler völlig verändert. 

Das Schwierigste war für mich damals, dass ich mich wie ein Gepard verhalten und die Tiere emotional komplett verstehen musste. So wurde ich ein Teil der Gepardenfamilie. Weil es zwischen den Tieren Aggressionen gab, kam es immer wieder zu gefährlichen oder brenzligen Situationen. Von Anfang an wusste ich: Ich darf keine Schwäche zeigen. Immer musste ich signalisieren, dass ich stark bin und mich verteidigen kann. Nach 25 Wochen war Schluss. Damals wurde mir klar, dass ich eine Aufgabe habe: Geparden zu schützen. Ich startete Projekte im südlichen Afrika, gründete einen gemeinnützigen Verein und später eine Stiftung. 


Die erste Begegnung mit Maleika war pure Magie. Von Anfang an war da diese entspannte Vertrautheit, die es braucht, um eine Geschichte zu erzählen, die von Nähe und Spannung lebt. Das passte gut zu meinem Kindheitstraum. Schon immer wollte ich einen Kinofilm drehen. Obwohl Maleika zu diesem Zeitpunkt völlig alleine war, hatte ich das Gefühl, dass eine grosse Geschichte in ihr steckt. Und ich täuschte mich nicht. Nach nicht einmal einem Jahr sass sie mit sechs Babys vor mir und die Geschichte begann.


Ich war fast vier Jahre mit Maleika unterwegs. In dieser Zeit gab es sehr viele berührende Momente. Einer davon war, als sie mir zum ersten Mal die Babys zeigte. Sehr bald schon waren wir wie eine Familie und standen uns emotional sehr, sehr nahe. Jede Emotion, die Maleika zeigte, berührte mich zutiefst. Wir erlebten gemeinsam tolle Momente und harte Schicksalsschläge: Wie sie um ihre Kinder kämpfen musste – und manchmal bei diesem Kampf verlor. Das waren für mich die schwierigsten Momente. 

Einzugreifen ist uns Naturfilmern strikt verboten. Die Natur führt Regie. Egal, in welche Richtung es geht. Aber als sich Maleika einmal sehr schwer verletzte, hielt ich es hinter der Kamera fast nicht mehr aus. Sehr lange war unklar, ob sie es schafft oder nicht. Ich sah und spürte, dass sie unter extremen Schmerzen litt und nicht mehr jagen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch fünf Babys. Diese wären ohne ihre Mutter natürlich auch gestorben. Diese Situation war für mich unerträglich. 

Am emotionalsten war für mich jedoch, als ich den letzten Dreh mit Maleika hatte. Sie war mittlerweile eine Geparden-Oma. Es war ein berührender Moment, denn sie zeigte mir sehr deutlich, dass sie völlig mit sich im Reinen ist. Sie hat als Mutter gekämpft und ihr Bestes gegeben. Jetzt, im Alter ist sie wie ein Kind, wenn sie entspannt ist. Sie spielt auch. Das geht einem total ans Herz. 


Maleika – eine Mutter, die niemals aufgibt
Maleika – eine Mutter, die niemals aufgibt


Insgesamt musste ich vier Jahre Filmmaterial auf die Länge eines Kinofilms zusammenkürzen. Dabei stellte ich zwei Aspekte in den Vordergrund. Der eine bezieht sich auf mein Herz als Artenschützer. Es gibt nur noch 7000 Geparden. Wir müssen wirklich Gas geben und Kompromisse und Konzepte finden, um die Natur und insbesondere die Geparden zu schützen. Der zweite, für unsere Gesellschaft ganz wichtige Aspekt ist das Motto des Filmes: Was immer auf dieser Welt geschieht, es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, aufzugeben. 

Ich habe von Maleika so viel gelernt. Es gab Situationen, wo ich als Mensch irgendwann aufgegeben hätte. Aber sie hat immer einen Weg gefunden und besonnen reagiert. Das finde ich ein tolles Signal für jeden Kinobesucher, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Ich glaube, Maleika ist pure Motivation. 


Matto Barfuss auf Tuchfühlung mit der Gepardin
Matto Barfuss auf Tuchfühlung mit der Gepardin


Mit diesem ersten Kinofilm habe ich ein bisschen Lunte gerochen. Bereits jetzt ist er in den Kino Deutschands der erfolgreichste Naturfilm seit zehn Jahren. Wir haben den Film eher als Spielfilm umgesetzt, wollten weg vom Dokumentarfilm und hin zum Disney-Style. Dadurch haben wir viel junges Publikum, Jugendliche und auch Kinder erreicht. Ich war geschockt, wie oft mich Kinder nach den Kinoveranstaltungen fragen, ob der Film wirklich echt und in der Realität entstanden sei. Da fiel mir auf, dass wir in einer völlig animierten Filmwelt unterwegs sind. 

Ich glaube, ich habe als Künstler einen Weg gefunden, um Jugendliche zu erreichen, ihnen Natur zu erklären und diese interessant zu machen. Das gilt auch für das Thema Ökologie – mein nächstes Kinoprojekt. Ich habe mir immer vorgestellt, «Ice Age» in der freien Natur der Kalahari zu drehen und dem Action-verwöhnten Publikum die Ökologie auf spannende, fetzige Weise näherzubringen. Mir fällt auf, dass wir immer in Superlativen denken und den grossen Helden suchen. Spannend ist, dass es diesen in der Natur so nicht gibt. Mit dem Prinzip «Ice Age» will ich ausloten, ob es nicht doch einen Helden geben könnte.


Am 6. Februar breche ich nach Afrika auf, wo ich erst einmal in der Kalahari unterwegs bin. Ich habe mir aber fest vorgenommen, dieses Jahr auch bei Maleika in der Serengeti zu sein. Da sie jetzt eine Geparden-Oma ist, kann es sein, dass die nächste Begegnung mit ihr Abschied bedeutet. Das ist sehr traurig. Mittlerweile habe ich aber viel gelernt übers Loslassen und über den Tod draussen in der Natur. Es ist bei Weitem nicht so schlimm, wie wir es uns vorstellen. Immerhin ist Maleika jetzt schon 15 Jahre alt. Eine Gepardin in freier Natur wird im Schnitt nur 12 Jahre alt. Sie hat wirklich Grosses geschafft, Grosses geleistet. Noch ist sie fit, und ich hoffe, dass ich eine schöne Zeit mit ihr haben werde. Zugleich weiss ich: Es wird hart sein, wenn sie einmal nicht mehr ist.»

Kommentare (2)

  • Thomas
    Thomas
    am 02.02.2018
    Danke Maleika - Danke Herr Barfuss - Danke Annabarbara
  • Dorothea
    Dorothea
    am 02.02.2018
    Ein total faszinierender Mensch. Eine intakte Fauna und Flora sind unsere Lebensversicherung. Wenn doch nur wir Menschen mehr Sorge dazu tragen würden. Danke für diesen berührenden Bericht.

Steinebemalen im Trend

Vielerorts sind sie zu finden. Bunt bemalte Steine, die dem Finder Freude… Weiterlesen

Der erste Wasserschloss-Reis

Der Nassreis-Anbau im Wasserschloss ist gut für die Biodiversität. Gleichzeitig… Weiterlesen

region

Rock ’n’ Roll in der Genusswerkstatt

Wo einst Briefe abgestempelt wurden, entstehen heute Schokolade-Kreationen. Für… Weiterlesen

region

Anna Bopp ist 100 Jahre alt

Anna Bopp feierte am 6. November ihren 100. Geburtstag in Birmenstorf. Für die… Weiterlesen

region

Start für Innovationscampus

200 Gäste aus Wirtschaft, Forschung, Industrie und Politik feierten am 7.… Weiterlesen