Die Kolibris unter den Insekten

Hummelschwärmer sind schnelle und geschickte Fluginsekten, ihr Verhalten ähnelt demjenigen von Kolibris. Ein Hummelschwärmer Mitte September ist ein später Sommergast.

Ein Hummelschwärmer saugt im Schwirrflug Nektar an den Blüten von Verbenen (15. September 2018 in unserem Garten in Villnachern)
Ein Hummelschwärmer saugt im Schwirrflug Nektar an den Blüten von Verbenen (15. September 2018 in unserem Garten in Villnachern) (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

20. September 2018
09:00

Das Insekt von der Grösse eines Schmetterlings fliegt ruckartig von Blüte zu Blüte. Es bleibt kurz in der Luft stehen, steckt seinen langen Saugrüssel schnell und geschickt in die kelchartigen Blüten und nimmt einen «Schluck» des Nektars – dann geht es weiter zur nächsten Blüte. Das Ganze erinnert an das Verhalten von Kolibris. Der Hummelschwärmer ist verwandt mit dem Taubenschwänzchen, das auch «Kolibrischwärmer» genannt wird. Im Gegensatz zu den meisten nachtaktiven Schwärmern sind diese beiden Arten am Tag unterwegs. Zur Nahrungsaufnahme «stehen» sie im Schwirrflug vor den Blüten. Dabei passen sie sich blitzschnell an die durch Wind verursachte Bewegung der Blüten an und können hierbei seitwärts oder sogar rückwärts fliegen. Wie bei den echten Kolibris ist dieser Schwirrflug sehr energieaufwändig. Die Flügel bewegen sich mit einer Frequenz von 70 bis 90 Schlägen in der Sekunde. Die Energie für diese Flugleistung liefert der Blütennektar. Ein Hummelschwärmer benötigt pro Tag etwa 0,5 Milliliter «Flugtreibstoff», sprich Nektar, muss hierfür jedoch mehrere Tausend Blüten aufsuchen.

 

Flugaktivität nur in der Blütezeit

Damit sie immer genügend «Tankstellen» vorfinden, passen die nektarsaugenden Schwärmer – wie auch die Schmetterlinge – ihre jahreszeitliche Flugaktivität der Blütezeit ihrer Nahrungspflanzen an. Für die übrige Zeit gibt es zwei unterschiedliche Strategien: Das Taubenschwänzchen etwa verhält sich wie ein Zugvogel, d.h. es fliegt im Herbst südwärts bis ins nördliche Afrika, wo es auch im Winter Blütenpflanzen findet. Der Hummelschwärmer hingegen ist bei uns (in Mitteleuropa) nur zwischen Mai und anfangs August als Fluginsekt aktiv. Er muss für Nachwuchs sorgen, indem er Eier auf die Blätter von Futterpflanzen legt. Die daraus schlüpfenden blattfressenden Raupen verwandeln sich später in Puppen. Als solche verbringen sie dann den Winter. Im Frühling schlüpft aus der Puppe ein Fluginsekt und ein neuer Lebenszyklus des Hummelschwärmers beginnt.

 

Später Sommergast

Der Hummelschwärmer am 15. September war somit ein später Sommergast. Das hat wohl mit dem sehr warmen Spätsommer-Wetter zu tun. In südlicheren Gegenden fliegen die Hummelschwärmer zwischen Mai und September. Viele Tierarten passen ihre Lebensweise den sich verändernden Klimaverhältnissen an. Normalerweise gehören u.a. Rhododendron, Leimkraut, Günsel, Pechnelke und Lungenkraut zu den bevorzugten Nahrungspflanzen des Hummelschwärmers. Offensichtlich hat er mit den spätblühenden, aber nicht einheimischen Verbenen im Garten einen Nektarspender gefunden, der ihm ebenfalls zusagt.

 

Der Hummelschwärmer (Hemaris fuciformis)…

… ist ein Falter aus der Familie der Schwärmer. Er gehört zusammen mit dem Taubenschwänzchen, dem Skabiosenschwärmer und dem Olivgrünen Hummelschwärmer zu den vier tagaktiven Schwärmern, die in Europa vorkommen. Die Falter erreichen eine Flügelspannweite von 38 bis 48 Millimeter. Sie haben starke Ähnlichkeit mit Hummeln. Die beiden Flügelpaare sind grösstenteils durchsichtig. Auffällig ist die starke Behaarung des Körpers. Auf dem «Rücken» und im hinteren Drittel des Hinterleibs ist die Behaarung in der Mitte olivgrün und an den Seiten weisslich. Am Hinterleibsende tragen die Falter zweigeteilte schwar­ze Haarbüschel.

Das Verbreitungsgebiet des Hummelschwärmers erstreckt sich vom Süden Grossbritanniens über Mittel­europa ostwärts bis Zentral- und Ostasien sowie von Südskandinavien bis Nordafrika. Er liebt Waldränder, Blumenwiesen, Trockenrasen, aber auch Parkanlagen und gelegentlich Gärten. Durch seine Ähnlichkeit mit einer Hummel scheint er einen gewissen Schutz vor Feinden zu geniessen. Beim Blütenbesuch setzt er sich aber nicht wie eine Hummel ab, sondern saugt den Nektar nach Schwärmerart im Schwirrflug, ähnlich einem Kolibri.

Während der Nektarsuche finden sich Pärchen, um die Balz und Paarung zu vollziehen. Danach begibt sich das Weibchen auf die Suche nach geeigneten Eiablageplätzen. Die Raupe entwickelt sich meist an der Roten Heckenkirsche. Auch die Blätter ähnlicher Sträucher wie Waldgeissblatt und Deutzie gehören zur Raupennahrung. Das Überwinterungsstadium ist die Puppe. Im Norden Europas fliegen die Falter in der Hauptgeneration von Ende Mai bis Mitte Juni, eine zweite Generation fliegt bis Anfang August. Die Art wird in manchen Ländern auf der Roten Liste gefährdeter Arten als «gefährdet» eingestuft.

 

Das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum)

… ist eine verwandte Art des Hummelschwärmers, aber mit 36 bis 50 Millimeter Flügelspannweite et­was grösser und etwas weniger auffällig gefärbt. Sein deutscher Name leitet sich vom zweigeteilten Haarbüschel am Hinterleibsende ab, das eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schwanzfedern von Tauben aufweist. Als Wanderfalter ist das Taubenschwänzchen in fast ganz Europa bekannt. Wegen seines auffälligen Flugverhaltens, das als Schwirrflug bezeichnet wird und das dem eines Kolibris ähnelt, wird es auch Kolibrischwärmer genannt. Zahlreiche vermeintliche «Kolibri-Beobachtungen» in Europa gehen auf Beobachtungen dieses Schwärmers zurück.

  • Am 3. Oktober 2015 konnte ich ein Taubenschwänzchen ebenfalls an Verbenen nektarsaugend fotografieren
    Am 3. Oktober 2015 konnte ich ein Taubenschwänzchen ebenfalls an Verbenen nektarsaugend fotografieren

Taubenschwänzchen sind Wanderfalter und erschliessen in den Sommer- bzw. Wintermonaten durch ihren ausdauernden Flug neue Lebensräume. Sie kommen im Sommer in Europa bis in den hohen Norden, in Grossbritannien, Island und in weiten Teilen Russlands vor. Im Winter reicht ihre Verbreitung im Westen bis nach Gambia (Afrika), in Asien vereinzelt bis in die südlichen tropischen Bereiche wie Indien und Vietnam. Die Tiere legen dabei grosse Distanzen zurück und können bis zu 3000 Kilometer in weniger als 14 Tagen bewältigen. In Mitteleuropa gibt es drei Zeitabschnitte, in denen die Falter häufi­ger als sonst beobachtet werden: Ende Juni, Mitte Juli und im August/September. Dabei handelt es sich bei den ers­ten beiden Falterschüben um jene Tiere, die zuvor im wärmeren Süden geschlüpft sind und nach Norden fliegen. Zumindest ein Teil der Falter kann auch in Mitteleuropa erfolgreich überwintern, beispielsweise in Höhlen, in hohlen Stämmen und auch in Häusern.

Die Raupen des Taubenschwänzchens ernähren sich im westlichen Verbreitungsgebiet vor allem von Labkräutern. Die Falter sind weniger wählerisch und fliegen die Blüten dutzender Pflanzenarten an. Dies hat den Vorteil, dass sie zu jeder Jahreszeit das vorliegende Angebot an Nektarquellen optimal aus­nutzen können. Allerdings bevorzugen sie nektarreiche Blüten mit langen und schmalen Blütenkel­chen, wo sie mit dem bis 28 Millimeter langen Saugrüssel gut an den Nektar kommen. Bei diesen Blüten ist die Kon­kurrenz anderer nektarsuchender Insekten geringer. Das Taubenschwänzchen ist weit verbreitet und kommt häufig vor, es ist nicht gefährdet.

 

Kolibris

Die beiden oben gezeigten Schwärmer werden wegen ihrer Flugweise und ihrer Art der Nahrungs­auf­nahme oft mit Kolibris verglichen resp. verwechselt. Es gibt aber einige grundlegende Unterschiede:

  • Im Gegensatz zu den Schwärmern, welche zum Insektenreich gehören, sind Kolibris Vögel. Allerdings gehören sie zu den kleinsten unter den Vögeln. Die Bienenelfe auf Kuba ist die kleinste Vogelart der Welt. Sie bringt gerade mal 1,8 Gramm auf die Waage. Die Familie der Kolibris umfasst mehr als 340 Arten.
  • Kolibris leben nur in Südamerika, Nordamerika und der Karibik. Sie kommen in Europa nicht vor resp. nur in Zoos und in Gefangenschaft.
  •  Während die Schwärmer für die Nektaraufnahme einen Saugrüssel haben, besitzt der Kolibri einen Schnabel. An den Nektar kommt er mit seiner langen beweglichen Zunge.
  • Der Flügelschlag der Kolibris ist etwas langsamer als bei den Schwärmern, nämlich «nur» 40 bis 50 Schläge pro Sekunde.
  • ·Als Vogelart haben Kolibris ein Herz, das mit einem unglaublichen Puls von 400 bis 500 Schlägen pro Minute schlägt. Dies ist notwendig, um die Flugmuskulatur für den energiezehrenden Schwirrflug mit genügend Blut zu versorgen.


Einige Bilder von Kolibris (aufgenommen in Costa Rica):

  • Streifenschwanzkolibri
    Streifenschwanzkolibri
  • Kleiner Veilchenohrkolibri
    Kleiner Veilchenohrkolibri
  • Braunschwanzamazilie
    Braunschwanzamazilie
  • Purpurkehlnymphe
    Purpurkehlnymphe
  • Rotbauchnymphe
    Rotbauchnymphe

Etwas Fototechnik

Das Fotografieren von Schwärmern und Kolibris im Schwirrflug führt nur mit der entsprechenden  Kamera- und Objektivtechnik zu befriedigenden Ergebnissen. Damit die Flügel bei der schnellen Bewegung von bis zu 90 Schlägen pro Sekunde scharf erscheinen, sind kurze Belichtungszeiten unter 1/2500 sec notwendig. Hierfür braucht es gute Lichtverhältnisse resp. eine hohe Sensorempfindlichkeit grösser ISO 800. Aber auch dann werden die Flügel nur im unteren oder oberen Totpunkt scharf abgebildet. Dazwischen ist die Bewegung so schnell, dass immer Bewegungsunschärfe entsteht. Je schneller die Serienaufnahmegeschwindigkeit – im vorliegenden Fall 12 Bilder pro Sekunde – umso grösser ist die Chance, dass die Flügel im Totpunkt belichtet werden. Bewegungsunschärfe ist nicht immer schlecht, sie erzeugt beim Betrachter den Eindruck schneller Bewegungen. Das zeigt beispiels­weise das Bild der Braunschwanzamazilie. Im Regenwald, dem Lebensraum vieler Kolibris, fehlt es oft an gutem Licht, d.h. die Belichtungszeiten zum «Einfrieren» der Flügel sind gar nicht realisierbar.

Das Ziel beim Hummelschwärmer war, die Flügel scharf abzubilden, um deren Transparenz zu zeigen. Ein weiteres Problem bei Schwärmern ist, dem Insekt bei seinen abrupten Bewegungen zu folgen. Hierfür müssen Kamera und Objektiv über eine schnelle Autofokus-Nachführung verfügen.


www.benifoto.ch

Kommentare (3)

  • Thomas
    Thomas
    am 29.09.2018
    Lieber Beni
    Schon oft habe ich diesen Faltern zusehen können. Und immer habe ich dann gedacht, wenn doch Beni...
    Nun hast Du uns vieles erklärt und dies mit unglaublichen Fotos untermahlt.
    Tausend Dank Beni!
  • Marisa und Kurt
    Marisa und Kurt
    am 25.09.2018
    Bei der wöchentlichen Lektüre des GA fällt der erste Blick auf die Fotos und man weiss, das ist ein Beitrag von Beni. Auch hier gelingt es dir wieder, dem interessierten Laien die Geheimnisse und Wunder der Natur näher zu bringen. Vorliegend kannst du sogar deine Kenntnisse deiner ursprünglichen Ausbildung zum Ingenieur mit deiner heutigen Leidenschaft, der phantastischen Welt der Tiere, verbinden. Liebe Grüsse!
  • Margrit Senn
    Margrit Senn
    am 21.09.2018
    Wie immer ein super Beitrag . Die passenden Fotos dazu einfach nur wunderschön,
    Freue mich immer wieder über die guten Beiträge.
    Danke Beni

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