Die Vögel des Glücks

Kraniche gelten in vielen Kulturen als Götterboten und Glücksbringer. Sie werden auch als «Vögel des Glücks» bezeichnet.

Kraniche als Glücksbringer (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

08. Januar 2020
09:00

Seit frühester Zeit ziehen die Kraniche mit ihrer eleganten Schönheit und den spektakulären Balztänzen die Menschen in ihren Bann. Die Bezeichnung des Kranichs als «Vogel des Glücks» kommt ursprünglich aus Schweden. Wenn die Kraniche im März/April aus dem Süden zurückkehren, herrschen in Skandina­vien noch sehr winterliche Verhältnisse. Die Ankunft der Kraniche gilt daher als Vorbote für den Frühling und somit für Wärme, Licht und Nahrungsfülle.

Im Kaiserreich China galt der Kranich als Symbol für ein langes Leben und Weisheit sowie für die Beziehung zwischen Vater und Sohn. In Japan werden zu Hochzeiten oder an Geburtstagen gefaltete Papierkraniche als Glückwunsch überreicht. Im Königreich Bhutan haben sie eine religiöse Bedeutung. Wenn dort die Schwarzhalskraniche von Tibet zum Überwintern nach Bhutan kommen, tanzen die als Kraniche verkleideten Mönche der buddhistischen Klöster, um die Vögel willkommen zu heissen. In der griechischen Mythologie wurde der Kranich verschiedenen Göttern zugeordnet: Apollon (Gott der Sonne), Demeter (Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin) und Hermes (Bote des Frühlings und des Lichts). Kraniche gelten auch als Symbol der Klugheit und Wachsamkeit. Man sagt, sie hätten auf jeder Feder ein Auge.

Als Sinnbild der Wachsamkeit wurde der Kranich im deutschen Kulturraum von Albrecht Dürer bis zu Wilhelm Busch gewürdigt. Zumeist mit positiven Eigenschaften besetzt, treten Kraniche in alten Volksmärchen und Überlieferungen als Künder von Geburten und Hochzeiten, aber auch von Krieg und Tod in Erscheinung. Auch als Wetterpropheten schreibt man ihnen Kompetenz zu, wobei das Zug- und Rastverhalten der Kraniche tatsächlich ein Indikator für Witterungstendenzen ist.

Der fliegende Kranich ist ein Markenzeichen moderner Fluggesellschaften. Verwendet wird er beispielsweise von Japan Air Lines und Uganda Air Lines. Bei der Deutschen Lufthansa ziert der Kranich seit 1926 die Heckflossen aller Flugzeuge.

 

Kraniche sind in unserer Region als Zugvögel zu beobachten

Auf dem Zug in die Winterquartiere durchqueren sie im Spätherbst das Schweizer Mittelland von Nordosten nach Südwesten. Ihre Rufe kann man meist hören, bevor man sie am Himmel entdeckt. Kraniche sind oft in grossen Trupps von hundert oder mehr Vögeln unterwegs und ziehen in den für sie typischen Ketten- und V-Forma­tionen. In dieser Flugformation sparen sie Energie, denn jeder fliegt im Windschatten seines «Vordermanns». Der Vogel an der kräftezehrenden Spitze des Zuges wird öfters abgelöst. Spannend ist es, einen ziehenden Kranichtrupp in der Nacht zu hören. Kraniche ziehen oft nachts und sind dann besonders ruffreudig, weil sie in der Dunkelheit miteinander kommunizieren. Ihr trompetender Ruf tönt wie «grru-grii», davon leitet sich auch der wissenschaftliche Name «Grus grus» ab. Trotzdem verlieren hin und wieder einzelne Vögel oder kleinere Gruppen den Anschluss an die Zugformation. Manchmal verbringen sie dann irgendwo unterwegs den Winter – wie etwa jener Trupp von neun Kranichen, der im Januar 2016 während längerer Zeit am Flachsee bei Bremgarten verweilte (erstes Bild in der Galerie). Ein einsamer Jungkranich hielt sich im Dezember 2011 während mehrerer Tage auf den Feldern beim Kloster Fahr an der Limmat auf (zweites Bild in der Galerie).

Spektakuläre Balztänze

Schon ab Februar kehren die Kraniche in ihre Brutgebiete zurück. Mit ihren berühmten Balztänzen beginnen sie oft bereits bei Zwischenstopps unterwegs. Das Männchen macht den Anfang, stolziert um das Weibchen herum und verbeugt sich vor seiner «Auserwählten». Das Paar neigt gemeinsam den Kopf nach hinten und trompetet laut. Das Männchen springt mit weit ausgebreiteten Flügeln in die Luft, dann beginnt auch das Weibchen zu hüpfen. Die Tänze spielen eine Rolle bei der Partnerwahl und Paar­bildung, bei bereits verpaarten Vögeln dienen sie der Festigung der Paarbindung. Für uns Menschen sind solche Beobachtungen wie Momente des Glücks.

  • Balzritual…
  • …und tanzende Kraniche

Der Graue Kranich (Grus grus)

… auch Eurasischer Kranich genannt, ist der einzige Vertreter der Familie der Kraniche in Europa. Er wird bei uns deshalb vereinfachend als «Kranich» bezeichnet. Von ihrer Erscheinung her erinnern Kraniche an Schreitvögel, also Störche, Reiher oder Ibisse, mit diesen sind sie aber nicht verwandt. Kraniche sind mit 15 Arten weltweit vertreten und fehlen lediglich in Südamerika und der Antarktis. Zu den in Zentral- und Ostasien verbreiteten Kranichen gehören u.a. Schwarzhals-, Jungfern- und Mandschurenkranich. In Afrika brütet der wunderschöne Kronenkranich und in Nordamerika sind Kanada- und Schreikraniche zuhause.

Graue Kraniche sind stattliche Vögel von beeindruckender Grösse (1.30 Meter) und einer Flügelspann­weite von bis zu 2.40 Metern. Sie erreichen ein Gewicht bis sieben Kilogramm und sind ausgezeichnete Flieger, ihre Flug­geschwindigkeit kann 65 Stundenkilometer betragen. Mit den langen Beinen, der schwarz-weissen Halszeichnung, der roten «Krone» und den Schmuckfedern am Hinterteil ist der Kranich unverwechselbar.

Die in Skandinavien, Nordosteuropa und Norddeutschland brütenden Kraniche überwintern in Südwesteuropa und Nordafrika – nicht wegen den angenehmeren Temperaturen, sondern weil sie dort ein besseres Nahrungsangebot finden. Unterwegs und in den Winterquartieren suchen sie auf abgeernteten Feldern übrig gebliebene Feldfrüchte wie Mais, Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchte. Mäuse, Insekten, Käfer oder Würmer stehen ebenfalls auf ihrem Speiseplan. In Spanien und Portugal ernähren sie sich auch von Eicheln in Stein- und Korkeichenwäldern.

  • Trotz ihres Gewichts von bis zu sieben Kilogramm, sind Kraniche ausgezeichnete Flieger.
  • Eine Kranichfamilie beim Landeanflug (links Altvogel, rechts Jungvögel)

Zwischenstopps auf dem Weg in den Süden

Die Kraniche aus Skandinavien schalten auf ihrem Zugweg in den Süden mehrere Zwischenstopps ein, um ihre Energievorräte für den Weiterflug aufzufüllen. Einen ersten Halt machen sie nach der Überquerung der Ostsee an den Küsten von Mecklenburg-Vorpommern. Die Kranich-Rastplätze der Region zwischen Rostock und der polnischen Grenze gehören im September/Oktober zu den beliebtesten Zielen von ornithologisch Interessierten, aber auch von Touristen, die sich dieses wundervolle Spektakel anschauen wollen. An zahlreichen Beobachtungsplätzen finden sich in den frühen Morgenstunden und in der Abenddämmerung jeweils Hunderte von Beobachtern ein, um die Kraniche beim Einflug zu resp. Wegflug von ihren Schlafplätzen zu beobachten. In dieser Region befinden sich auch die meisten Kranich-Brutplätze in Deutschland. Daher hat der deutsche Naturschutzbund NABU zusammen mit dem WWF und mit Unterstützung der Lufthansa in Gross Mohrdorf bei Stralsund ein Kranich-Informationszentrum errichtet.

Kraniche fliegen am Abend in grossen Trupps an einem Schlafplatz bei Zingst (Mecklenburg-Vorpommern) ein.

 

Ein weiterer bekannter Kranich-Rastplatz befindet sich am Lac du Der in Frankreich. Dieser Stausee im Herzen der Region Champagne – östlich von Paris – bietet ideale Bedingungen für die rastenden Kraniche und be­her­bergt im Oktober/November Tausende von Vögeln. Anfangs November 2019 konnte dort mit rund 270‘000 rastenden Kranichen eine Rekordzahl verzeichnet werden.

Die nachfolgenden Bilder und das Kurzvideo zeigen einige Impressionen vom Lac du Der vom November 2018.

 

Einige Zahlen und Fakten zum Kranich

  • «Cranuh» lautet der althochdeutsche Name
  • Die Rufe des Kranichs klingen wie Trompeten
  • Rufende Altvögel sind über 2000 Meter weit zu hören
  • Weltweit gibt es 15 Kranicharten, mindestens 10 davon sind derzeit bedroht
  • Kraniche waren lange vor dem Menschen auf der Erde, sie sind zwischen 37 und 54 Millionen Jahre alt
  • Kraniche erreichen fast die Grösse und das Alter des Menschen
  • Mit über 1,75 Metern Körpergrösse ist der Saruskranich der grösste flugfähige Vogel der Welt
  • Ein Kranich benötigt täglich 200 bis 300 Gramm Getreide.

 

www.benifoto.ch

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