Ein Baumläufer mit Handicap

Der Gartenbaumläufer lebt in Parks und Gärten ganz in unserer Nähe und trotzdem sehen wir ihn kaum. Das liegt an seiner exzellenten Tarnung, die ihn mit dem Hintergrund der Baumrinde verschmelzen lässt.

Gartenbaumläufer in Rapperswil
Gartenbaumläufer in Rapperswil (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

22. Februar 2018
10:20

Es ist einer dieser sonnig-warmen Wintertage. Die Seepromenade in Rapperswil am Zürichsee ist recht belebt. Platanen und Kastanienbäume säumen den Platz beim Hafen, sie sind im Sommer beliebte Schattenspender. Jetzt sind sie kurzgeschnitten und kahl. Von den meisten der flanierenden Menschen unbemerkt, klettert ein kleiner unscheinbarer Vogel flink in den Baumkronen herum. Er sucht in der grobborkigen Rinde der Kastanienbäume nach Insekten und Spinnen – und er ist hierbei äusserst erfolgreich.

Es ist ein Gartenbaumläufer, der an sein Leben auf den Bäumen optimal angepasst ist. Mit seinem braun-beige gestrichelten Federkleid hat er auf Baumrinden eine gute Tarnung. Wie ein kleiner Specht klettert er an den Stämmen hoch oder hangelt sich kopfüber an den Ästen entlang. Er kann aber ebenso sicher auch an Mauern und Felsen hochklettern. Sein langer, spitzer und gebogener Schnabel ist gut geeignet, um in Ritzen und Löchern sowie in der borkigen Baumrinde nach Nahrung zu stochern. Die Füsse sind extrem gross, aber schlank. Der Gartenbaumläufer benutzt seine scharfen Krallen und kräftigen Zehen, um sich fest in der rauen Rinde zu verkrallen.

Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass diesem Gartenbaumläufer die Schwanzfedern fehlen. Damit hat er ein gewisses Handicap, denn wie die Spechte benutzen Baumläufer ihren Schwanz wie ein «drittes Bein» als Stütze und zum Halten des Gleichgewichts beim Klettern. Die mittleren Schwanzfedern sind daher besonders steif und widerstandsfähig.

 

Federverlust durch Schockmauser

Warum er seine Schwanzfedern eingebüsst hat, lässt sich nur erahnen. Mit grosser Wahrscheinlich­keit ist er einem geflügelten oder vierbeinigen Beutegreifer in die Fänge geraten. In Frage kommen dafür Sperber, Rabenvögel, Marder oder Hauskatzen. In solchen lebensbedrohlichen Situationen hat die Natur den Vögeln einen Selbstschutz mitgegeben: sie können im Moment grösster Gefahr einzelne oder alle Schwanz- oder Schwungfedern abwerfen. Man nennt dieses Phänomen Schock- oder Schreckmauser. Der Abwurf der Federn irritiert den Beutegreifer für einen kurzen Moment, was oft genügt, dass das vermeintliche Opfer das Weite suchen kann.

Einen ähnlichen Schutzmechanismus kennt man bei den Eidechsen, die bei Gefahr ihren Schwanz abwerfen können. Hier wird der Effekt noch dadurch verstärkt, dass das abgeworfene Teil durch aktive Nerven und Muskeln heftig zuckt. Dies zieht die Aufmerksamkeit des Fressfeindes auf sich, während die «restliche Eidechse» flüchten kann.

So wie bei den Eidechsen der abgeworfene Schwanz, wachsen in der Regel bei den Vögeln die Federn relativ schnell wieder nach, jedoch sind manche Vögel nach einer Schockmauser vorübergehend flugunfähig. Oder aber sie sind – wie im Falle des Gartenbaumläufers – durch den fehlenden Stützschwanz in ihrer Fähigkeit zu klettern eingeschränkt.

Den Baumläufer in Rapperswil schien sein Handicap nicht allzu stark zu behindern. Er kletterte schnell und geschickt, nutzte das warme Winterwetter und zog eine Spinne nach der anderen aus ihrem Versteck.

 

Der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla)

… ist ein Singvogel aus der Familie der Baumläufer. Er ist in weiten Teilen Mitteleuropas ein verbreite­ter Brutvogel, der vor allem im Tiefland anzutreffen ist. Er erreicht eine Körpergrösse von 12 Zentimetern (von Schnabelspitze bis Schwanzende) und wiegt etwa 11 Gramm. Sein spitzer Schnabel ist nach unten gebogen und wird bis 12 Millimeter lang. Seine Unterseite ist fast weiss, seine Oberseite braun-beige gemustert. Auffällig ist sein weisser Überaugenstreif. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht. Sein relativ langer Schwanz dient zum Stützen und zum Steuern im Flug. Insbesondere die mittleren Schwanzfedern sind besonders steif, um das Abstützen zu ermöglichen.

Das Verbreitungsgebiet des Gartenbaumläufers ist West- und Mitteleuropa. Die Ostgrenze liegt östlich der Ostgrenze Polens und an der westlichen Schwarzmeerküste. Er brütet ausserdem in Südeuropa, im Westen Kleinasiens sowie in Nordafrika. Er fehlt vollständig in Grossbritannien und Irland sowie im Norden Dänemarks und in ganz Skandinavien. Der Gartenbaumläufer überwintert als Standvogel in Mitteleuropa. Bei harten Bedingungen weicht er im Winter in etwas wärmere Gebiete aus und  verhält sich in diesem Sinn als Strichvogel. In der Schweiz gilt der Gartenbaumläufer mit einem Bestand von ca. 50'000 Brutpaaren als «nicht gefährdete» Vogelart.

Der Gartenbaumläufer bevorzugt  Laubwälder, Parks und Gärten mit vielen Obstbäumen. Er ist auch in Alleen, Feldgehölzen und Streuobstwiesen anzutreffen. Manchmal lebt er auch in städtischen Siedlungen, sofern er dort genügend Bäume vorfindet.

 

Runter geht es im Flug

Mit ihrem Gefieder sind Baumläufer ideal an die Rinde der Bäume angepasst, wo sie gut getarnt auf Nahrungssuche gehen. Für die Futtersuche bevorzugt der Gartenbaumläufer vor allem Laubbäume mit besonders tiefer, borkiger Rinde (z. B. Eiche, Esche, Ulme, Weide), die er nach Nahrung absucht. Diese besteht aus Insekten, Spinnen, Käfern und Larven, welche er an und unter der Baumrinde findet. Er ernährt sich auch von Samen, die insbesondere im Winter einen grösseren Teil seiner Nahrung ausmachen können.

Charakteristisch für den Gartenbaumläufer ist, dass er nicht kopfvoran am Baumstamm hinabklettern kann – anders als der Kleiber, der dies vorzüglich beherrscht (Bild unten). Der  Gartenbaumläufer beginnt am unteren Teil des Baumes und erklimmt mit Hilfe seiner spitzen langen Krallen ruckartig und meist spiralförmig den Baumstamm. Dabei stochert er mit seinem langen, deutlich gebogenen Pinzettenschnabel in der Baumrinde nach allem Essbaren. Ist er zuoberst in der Baumkrone angelangt, fliegt er zum nächsten Baum und das Spiel beginnt wieder auf tieferem Niveau.

 

Das Nest hinter der Baumrinde

Die Paarungszeit und die Brutsaison finden in den Monaten April bis Juni statt. Während dieser Zeit kommt  es zu einer, manchmal  auch zwei Jahresbruten. Das Nest wird hinter lockerer Rinde, in Baumspalten, aber auch in Mauerspalten errichtet. Das Nest wird meist in drei oder vier Meter Höhe über dem Boden gebaut. Es wird aussen mit pflanzlichen Überresten wie Gräser und Moose zusammengehalten und ist innen mit feinen Grashalmen, Dunen, Haaren und Federn ausgelegt.

Der eigentliche Legebeginn ist ab Mitte April. Das Weibchen legt fünf bis sieben Eier ins Nest und wärmt etwa 15 Tage lang allein die Eier. Nach dem Schlupf werden die Jungvögel von Männchen und Weibchen mit reichlich Nahrung in Form von Insekten und kleinen Spinnentieren fünfzehn bis siebzehn Tage lang im Nest gefüttert. Die Lebenserwartung des Gartenbaumläufers beträgt unter günstigen Umständen in der Natur zwei bis drei Jahre. 

 

 

  • Nika Nistrinde
    Nika Nistrinde (Bild zVg/Schweizerische Vogelwarte)

Der Gartenbaumläufer nimmt gerne besonders konstruierte, künstliche Nistkästen mit einem schlitzförmigen seitlichen Einflugloch an (Bild 1 oben). Es gibt im Handel auch spezielle Nester, die der Form einer Baumrinde nachgebildet sind (Bild 2 der Schweizerischen Vogelwarte oben).

Bei der Wahl ihres Nistplatzes sind Gartenbaumläufer manchmal sehr fantasievoll. So konnten wir schon ein Brutpaar beobachten, das  sein Nest an der Wand einer Hütte hinter der Informationstafel eines  ProNatura-Schutzgebietes eingerichtet hatte. Dort waren sie doppelt geschützt durch das Dach der Hütte und die Abdeckung der Schutztafel. Die beiden Bilder zeigen auch, dass Gartenbaumläufer an verputzten Wänden problemlos klettern können.

Sie lieben es kuschelig warm

In besonders kalten Winternächten suchen oft mehrere Gartenbaumläufer gemeinsam Schlafplätze in geschützten Schlupfwinkeln auf, beispielsweise unter einem Dachvorsprung. Hier verbringen mehrere eng aneinander gekuschelte Vögel die Nacht. Sie wechseln oft ihren Platz, so dass im Verlauf der Nacht jedes Tier einige Zeit zuinnerst in der Schlafgemeinschaft verbringen kann.

 

Der Waldbaumläufer – Zwillingsart des Gartenbaumläufers

Neben dem Gartenbaumläufer gibt es in Europa eine zweite Baumläuferart, den Waldbaumläufer (Certhia familiaris). Diese beiden Arten sind sich so ähnlich, dass man von einer «Zwillingsart» sprechen kann. Im Feld sind sie optisch kaum zu unterscheiden. Lediglich auf guten Fotografien oder bei Fänglingen (z.B. für die Beringung) sind die kleinen Unterschiede erkennbar: der Garten­baum­läufer hat einen geringfügig längeren Schnabel, dafür jedoch die kürzere Hinterkralle als der Waldbaum­läufer. Im Weiteren unterscheiden sie sich in der Art der hellen Bänderung auf ihren Flügeln. Zum Glück lassen sich die beiden Arten aufgrund  ihrer Lautäusserungen eindeutig bestimmen, sowohl im Gesang als auch an ihren Rufen. Der Gesang des Gartenbaumläufers ist eine aufsteigende Strophe, die wie «tü ti tü ti roiti» klingt und zum Schluss in einem Glissando ansteigt. Man kann sich den Gesang auch mit der Eselsbrücke «I gang, i gang de Baum uuuf» merken.

Eine gewisse Bestimmungshilfe geben auch die unterschiedlichen Lebensräume der beiden Arten. Trifft man einen Baumläufer in einem dichten Nadelwald oder in einem Bergwald über 800 m.ü.M., so handelt es ich eher um einen Wald- als um einen Gartenbaumläufer. Es gibt aber durch­aus Waldgebiete im Schweizer Mittelland, wo beide Arten nebeneinander vorkommen.  Da haben es beispielsweise Ornithologen in Grossbritannien einfacher: dort gibt es nur den Waldbaumläufer.

Das nachfolgende Bild zeigt einen Waldbaumläufer, fotografiert (und gehört) in einem Bergwald oberhalb von Leuk VS.

 

Schutzanpassungen im Tierreich

Die im Artikel erwähnte Schockmauser wie auch das Abwerfen des Schwanzes bei den Eidechsen gehören zu den sogenannten Schutzanpassungen. Hierbei handelt es sich um Anpassungen von Pflanzen und Tieren, die ausschliesslich dem Schutz vor (Fress-)Feinden oder auch vor Witterungsein­flüssen dienen. Pflanzliche Schutzanpassungen sind oft primär gegen Witterungseinflüsse ausgerich­tet (Austrocknungsfähigkeit, Frostresistenz) und sekundär gegen Fressfeinde, z.B. Dornen, Nesselhaare.  Im Tierreich werden passive und aktive Verteidigung als Schutzanpassungen unterschieden.

Die nachfolgende Aufstellung zeigt anhand einer kleinen, unvollständigen Auswahl, welch vielfältige Schutzanpassungen im Laufe der Evolution im Tierreich entstanden sind:

 

Schockmauser

Die Schreckmauser oder Schockmauser ist ein Phänomen, das für Wildvögel lebensrettend sein kann. In Angstsituationen können Vögel einzelne oder sämtliche Schwanz- oder Schwungfedern abwerfen. Dies kann vor allem beobachtet werden, wenn ein Wildvogel von einem Beutegreifer, beispielsweise einer Katze, bedroht oder festgehalten wird. Der Abwurf der Federn lässt den Vogel dann oft doch noch entkommen. In aller Regel wachsen die Federn relativ schnell wieder nach, jedoch sind manche Vögel nach einer Schreckmauser vorübergehend flugunfähig.

 

Autotomie

Als Autotomie (griech. für Selbstverstümmelung) wird die Fähigkeit einiger Tierarten bezeichnet, bei Verletzung oder Gefahr Körperteile abzuwerfen und im Anschluss wieder zu regenerieren. Autotomie erfolgt immer an vorgeformten Sollbruchstellen, die mit Schliessmuskeln versehen sind, so dass der Blutverlust möglichst gering bleibt. Beispiele für die Autotomie sind das Abwerfen von Beinen bei Krebstieren und des Schwanzes bei Eidechsen, Chamäleons und Schleichen. Auch einige Mausarten können Teile ihres Schwanzes abwerfen.

 

Sich tot stellen

Das Totstellverhalten ist die umgangssprachliche Beschreibung eines bei vielen Tierarten vorkommenden Verhaltens der Feindvermeidung: In einer Situation, in der die Flucht nicht möglich ist, oder bei einem Tier, das nicht flüchten kann oder sich durch die Flucht nur in Gefahr bringen würde, verfällt es in bewegungslose Starre (Akinese) oder bleibt mit völlig erschlaffter Muskulatur liegen (Totstellreflex). Beispielsweise lassen sich viele Käfer bei Berührung von ihrem Sitzplatz fallen und bleiben dann regungslos mit angezogenen Beinen liegen. Sie erschweren damit ihren Hauptfeinden – den Vögeln – die Jagd, während jedes Bewegen diese nur aufmerksam machen würde. Auch bei Säugetieren (z.B. Opossums, afrikanische Erdhörnchen) wurden ähnliche Reaktionen beobachtet.

 

Wehrsekrete

Eine Art der Verteidigung vor Fressfeinden sind Wehrsekrete. Es handelt sich um Ausscheidungen vieler Tiere, die an den verschiedensten Körperstellen produziert werden und mannigfaltige chemische Zusammensetzungen und Wirkungen haben. Ein bekanntes Beispiel sind die Pfeilgift- oder Farbfrösche. Sie besitzen hochwirksame Alkaloide in ihrer Haut, welche schon in geringer Konzentration auf Fressfeinde tödlich wirken. Etwas harmloser sind die Hautsekrete einheimischer Kröten und Feuersalamander, die beim Menschen allenfalls zu Hautirritationen oder Entzündungen der Schleimhäute führen.

 

Mimikry…

… beruht vereinfacht erklärt auf der «Vorspiegelung falscher Tatsachen». Ein Tier will  auf potenzielle Feinde gefährlicher wirken, als es in Wirklichkeit ist. Eine der häufigsten Formen von Mimikry zeigen jene in Wirklichkeit harmlosen Arten, welche die grell gefärbten Warnmuster von Arten tragen, die aufgrund ihrer tatsächlichen Gefährlichkeit von potenziellen Feinden gemieden werden. Beispiele hierfür sind ungiftige Schlangen, die die Farbmuster von Giftschlangen besitzen.

 

Mimese …

… oder Tarnung wird durch eine Anpassung der Färbung, Zeichnung und Körperform an die Umgebung erreicht. Beispiele hierfür sind Insekten, die Blätter oder Zweige imitieren wie die Gespenstschrecken. Eine Form der Tarnung ist auch der jahreszeitliche Farbwechsel, der sich in Zusammenhang mit Häutung, Mauser oder Haarwechsel vollzieht. Er dient der optischen Tarnung durch Anpassung an die sich farblich verändernde Umgebung, beispielsweise  Sommer-/Winterkleid bei Hermelin oder Schneehühnern. Das nachfolgende Bild zeigt ein Alpenschneehuhn im Übergang vom Sommer- zum Winterkleid. Im Winterkleid ist das gesamte Gefieder schneeweiss.

 

 

www.benifoto.ch

Kommentare (2)

  1. Urs Heinz Aerni
    Urs Heinz Aerni am 23.02.2018
    Großes Kompliment, habe es mit Genuss gelesen!
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  2. Thomas
    Thomas am 22.02.2018
    Lieber Beni,
    Einfach wunderbar - Deine Berichte im Bog sind bewunderswert - immer wieder schmöckere ich durch die Berichte und lerne dabe immer soviel Neues
    Herzlichst Thomas
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