Ein spezieller Gast im Nistkasten

Laubfrösche sind gute Kletterer. Einer hat sich im Brugger Auschachen, einem der letzten Refugien des Laubfrosches im Kanton Aargau, vorübergehend in einem Nistkasten einquartiert.

Leuchtend grüner Laubfrosch (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

07. November 2019
09:00

Immer im Oktober reinigen Mitglieder des Vereins BirdLife Brugg – so wie dies alle Natur- und Vogelschutzvereine tun – die Nistkästen im Vereinsgebiet, in diesem Fall im Auschachen und Geissenschachen in Brugg. Hierbei wird auch kontrolliert, welche Vögel den Nistkasten während der Brutzeit  benützt haben. Das lässt sich anhand des Nistmaterials und anderer «Spuren» feststellen. Im erwähnten Gebiet sind es vor allem Kohl- und Blaumeise, Feldsperling, Kleiber und Trauerschnäpper. Manchmal trifft man dabei auf andere tierische «Bewohner». Meistens sind es Siebenschläfer, die ab dem Spätsommer den nicht mehr benutzten Nistkasten als Schlafquartier verwenden. Hin und wieder ziehen Siebenschläfer auch ihren Nachwuchs im Nistkasten auf. Ab November verlassen sie jedoch diese Schlafplätze, um sich in Erdhöhlen oder menschlichen Behausungen (Estriche, Scheunen etc.) zum Winterschlaf zurückzuziehen, der bis zum nächsten Mai dauert.

  • Siebenschläfer verwenden Nistkästen im Sommer als Schlafquartier
    Siebenschläfer verwenden Nistkästen im Sommer als Schlafquartier (Bilder: zVg | G. Hauenstein)

In diesem Jahr überraschte ein spezieller Gast die «Nistkastenreiniger»: Ein Laubfrosch hatte sich hoch oben im Baum in einem der Nistkästen eingerichtet. Dies ist für Laubfrösche nicht aussergewöhnlich, denn sie sind gute Kletterer, Bäume und Sträucher sind Teil ihres Lebensraumes. Dank rundlichen Haftballen an den Finger- und Zehenspitzen können Laubfrösche sogar an spiegelglatten Oberflächen wie Glasscheiben hochklettern. So war es für den Laubfrosch kein Problem, an der glatten Wand des Nistkastens kletternd das Einflugloch zu erreichen.

  • Ein Laubfrosch hat sich im Nistkasten einquartiert!
    Ein Laubfrosch hat sich im Nistkasten einquartiert!
  • Der Laubfrosch kann seine Farbe je nach Untergrund und Stimmung verändern
    Der Laubfrosch kann seine Farbe je nach Untergrund und Stimmung verändern

Stabiles Laubfrosch-Vorkommen

Ebenfalls nicht überraschend ist der Fundort, denn der erwähnte Nistkasten befindet sich direkt neben den Tümpeln oberhalb der Fussgängerbrücke bei der ARA Wasserschloss und somit in einem gut besetzten Laubfrosch-Habitat. An lauen Sommerabenden rufen hier um die hundert Laubfrosch-Männchen um die Gunst der Weibchen. Das lautstarke Spektakel darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Laubfrosch im Aargau zu den vom Aussterben bedrohten Arten gehört. Dank der Zusammenarbeit von Naturschutz und Waffenplatz Brugg wurde in den 1990er-Jahren ein Mosaik von Armee-Ausbildungsplätzen, Standorten für Pionierpflanzen und Laichgewässern für Laubfrösche und andere Amphibienarten geschaffen. Durch regelmässige Verschiebung der Ausbildungsplätze wird die Dynamik einer Flussaue recht gut nachgebildet. So entstand mit der Zeit im Wasserschloss ein stabiles Laubfrosch-Vorkommen, das einzige an der Aare zwischen Bielersee und Koblenz. Bessere Laubfrosch-Standorte gibt es im Aargau nur noch in der Reussebene zwischen Mellingen und Sins.

Die Amphibienteiche im Auschachen Brugg sind Laichgewässer u.a. für den Laubfrosch.
Die Amphibienteiche im Auschachen Brugg sind Laichgewässer u.a. für den Laubfrosch.

 

Jetzt im Spätherbst ist es still geworden um die Amphibientümpel im Auschachen. Laubfrösche und die noch zahlreicheren Wasserfrösche ziehen sich zurück in ihre Überwinterungsplätze. Die Laubfrösche benötigen hierfür frostgeschützte Orte wie Erdhöhlen, Bodenlücken im Wurzelbereich von Bäumen, grosse Laubhaufen sowie Stein- und Bodenspalten. Gelegentlich werden auch Gänge von Wühlmäusen und Maulwürfen genutzt.  Dort verbringen sie die kalte Jahreszeit in einer Kältestarre. So dürfte auch für «unseren» Laubfrosch der Nistkasten nur ein temporärer Aufenthaltsort gewesen sein. 

 

Neuer Lebensraum im Reisfeld

Eine neue Möglichkeit für die Ausweitung ihres Lebensraums hat sich für die Laubfrösche in diesem Sommer eröffnet. In der Nähe der bestehenden Habitate im Auschachen wurde das grösste und nördlichste Versuchsfeld in der Schweiz für den Reisanbau angelegt (Artikel im GA vom 31. Oktober 2019). Als ökologischer Nebeneffekt haben sich im wassergefluteten Reisfeld viele Feuchtgebietsarten angesiedelt. Neben 26 Libellenarten konnten Vogelarten wie Flussregenpfeifer, Waldwasserläufer und Bekassinen beobachtet werden. Auch zahlreiche Wasser- und Laubfrösche stellten sich ein. Besonders als Metamorphose- und Reifehabitat für den Nachwuchs schätzen Laubfrösche vegetationsreiche Flach- und Wechselwasser­zonen mit Seggen, Binsen und Röhrichten. Ein Reisfeld kommt diesen Habitats-Ansprüchen sehr nahe. Der Versuch mit dem Reisanbau im Auschachen soll im nächsten Jahr fortgesetzt werden – eine gute Perspektive für das Laubfrosch-Vorkommen im Wasserschloss.

Im Versuchsfeld für Reisanbau im Auschachen Brugg wurden bereits im ersten Jahr Laubfrösche und sehr viele Wasserfrösche beobachtet.
Im Versuchsfeld für Reisanbau im Auschachen Brugg wurden bereits im ersten Jahr Laubfrösche und sehr viele Wasserfrösche beobachtet.

 

Der europäische Laubfrosch (Hyla arborea)…

…ist ein sehr auffälliger Frosch, der sich in vielfacher Hinsicht deutlich von anderen in der Schweiz vorkommenden Froscharten unterscheidet. Seine Oberseite ist leuchtend grün gefärbt und glatt. Ein schmaler schwarzer Streifen entlang der Körperseite trennt die Oberseite vom weisslichen Bauch. Das Männchen hat eine Schallblase an der Kehle, die beim Rufen zur Schallverstärkung auf Körpergrösse aufgeblasen wird (im Gegensatz zum Wasserfrosch mit zwei seitlichen Schallblasen). Im Ruhezustand bildet sie ein bräunliches, faltiges «Doppelkinn». Das Weibchen hat keine Schallblase. Der Laubfrosch ist mit seiner Körperlänge von rund 4 cm die kleinste einheimische Froschart.

  • Der Laubfrosch unterscheidet sich in Aussehen und Lebensweise deutlich…
    Der Laubfrosch unterscheidet sich in Aussehen und Lebensweise deutlich…
  • …vom verwandten Wasserfrosch.
    …vom verwandten Wasserfrosch.

Das Chamäleon unter den Fröschen

Der Laubfrosch kann seine Farbe wie ein Chamäleon ändern, wenn auch nicht in der gleichen Intensität wie dieses. Die Farbe ist einerseits abhängig vom Untergrund (Tarnung), andererseits von seiner Stimmung. Je nachdem ist er knallgrün, blassgrün oder bräunlich gefärbt.

Seine Finger- und Zehenspitzen sind zu scheibenförmigen Haftballen geformt. Ein klebstoffartiges Sekret wird bei Anspannung der Muskeln abgesondert und unterstützt das Haften. Die Tiere können deshalb hervorragend klettern und leben meist auf Hochstauden, Sträuchern und Bäumen. Dort sind sie gut getarnt und haben mit ihren hervorstehenden Augen einen weiten Rundblick. Tagsüber dösen sie an Blätter und Äste geschmiegt. Oft setzen sie sich direkt ins Sonnenlicht, da sie im Gegensatz zu anderen Lurcharten dank einem speziellen Hautsekret und ihrer Körperhaltung nur wenig Wasser verlieren. Nachts begeben sie sich auf Jagd nach Insekten, Spinnen oder Schnecken.

Die Männchen finden sich zur Laichzeit (April bis Anfang Juli) zu nächtlichen Rufchören an Gewässern ein. Grosse Bestände sind dank der lauten Rufe aus mehr als 1 km Entfernung zu hören. Mit ihrem meckernden «Äp-äp-äp-äp» locken sie die Weibchen an, die nur für eine einzige Nacht ans Laichgewässer kommen. Zur Paarung umklammert das Männchen das Weibchen von oben in der Achselgegend. Dieses klebt insgesamt 500 bis 1000 Eier an Wasserpflanzen, verteilt auf mehrere Eipakete, die vom Männchen fortlaufend besamt werden. Bereits nach 4 bis 8 Tagen schlüpfen die Kaulquappen. Ihre Entwicklung ist von der Wassertemperatur abhängig. Bei Idealtemperaturen von 25 bis 28 °C wandeln sich die kiemenatmenden Kaulquappen in 40 bis 60 Tagen zu landlebenden und lungenatmenden Jungfröschen um. Die meisten Laubfrösche sind erst nach zwei Jahren geschlechtsreif.

 

Längerfristiges Überleben dank Hilfsprogrammen

Das Verbreitungsgebiet des Laubfrosches erstreckt sich von Griechenland bis Südschweden und von Portugal bis ans Kaspische Meer. Der Italienische Laubfrosch (Hyla intermedia) besiedelt praktisch ganz Italien und das Tessin. In der Schweiz ist der Laubfrosch wie in ganz Mitteleuropa stark gefährdet. Als typische Art des Tieflandes, die kaum in Höhen über 700 m ü. M. vorstösst, ist sein Verbreitungsareal in der Schweiz auf das Mittelland und die Ajoie beschränkt.

Der Laubfrosch besiedelt sowohl Gewässer mit Röhricht- und Unterwasservegetation als auch kahle Pioniergewässer. Neu entstandene oder nur temporär überflutete Gewässer (z.B. Reisfelder) eignen sich besonders gut, da nur wenige Wasserinsekten und nur selten Fische auf die Kaulquappen lauern. Da die Bindung des Laubfrosches an ein Gewässer nicht sehr ausgeprägt ist, vermag er neu entstandene Gewässer schnell zu besiedeln.

In den letzten 30 Jahren sind in der Schweiz viele Laubfroschstandorte verschwunden. Das Verbreitungsgebiet ist erheblich geschrumpft. Populationen kann man u.a. mit der Schaffung von Überflutungswiesen, Wanderbiotopen und Strukturen wie Hecken, Ufergehölzen, Hochstaudenfluren oder Brachen fördern.

Die besten Aussichten auf ein längerfristiges Überleben hat der Laubfrosch in grossen, gewässerreichen Flusstälern und Flachmoorgebieten, namentlich in der Region L‘Aubonne (VD), in der Ajoie (JU), im Zürcher Unterland und Thurgau, Schaffhausen und im unteren St. Galler Rheintal. Im Aargauer Reusstal und im Saanetal ist die Art dank Hilfsprogrammen wieder gut verbreitet.

(Quelle: www.karch.ch)

 

Auengebiet Wasserschloss – ein Dorado für Frösche

Auf kurzer Strecke fliesst im Wasserschloss bei Brugg das Wasser aus 40 Prozent der Gesamtfläche der Schweiz zusammen. Die drei Flüsse Aare, Reuss und Limmat bringen im Durchschnitt 555 m3 Wasser pro Sekunde, bei Hochwasser kann die Menge bis viermal grösser werden. Bereits 1989 schützte die Aargauer Regierung diese einmalige Landschaft von nationaler Bedeutung mit dem Wasserschloss­dekret. Nur vier Jahre später beschloss das Aargauer Volk, die Schaffung eines Auenschutzparks als kantonale Aufgabe in der Verfassung zu verankern. Das Wasserschloss ist das Herzstück dieses Parks. Seither ist mit dem Renaturierungsprogramm des Auenschutzparks eine ganze Reihe von Aufwertungen erfolgt. Die Ausweitung des Stränglis im Geissenschachen (1994) war sogar die erste Renaturierungsmassnahme des Auenschutzparks überhaupt. Im Auschachen bei Brugg lebt die letzte Laubfroschpopulation an der Aare zwischen Bielersee und der Aaremündung bei Koblenz. In den 90er-Jahren schrumpfte sie dramatisch.

Mit Aufwertungsmassnahmen wie Neuschaffung von Tümpeln und Auslichtung der Vegetation gelang die Trendwende: Heute zählt man pro Jahr wieder bis 100 Rufer (Laubfroschmännchen). Zu hören sind sie jeweils von April bis Juni. Auf dem Waffenplatz Brugg lernen Genierekruten ihr Handwerk. Auf Zwischenflächen des Ausbildungsgeländes befinden sich Wasserstellen, in denen der Laubfrosch und andere Amphibien leben. Durch regelmässige Unterhaltsarbeiten muss der Verbuschung dieser Flächen Einhalt geboten werden, damit die seichten Tümpel sich schnell erwärmen können.

Ein weiteres bedeutendes Laichgewässer sind die «Fröschegräben» im Windischer Schachen. Die temporär wasserführenden Gräben befinden sich mitten im Wald und bieten einen idealen Lebensraum für Molche und Kröten. In diesem national bedeutenden Laichgewässer ertönt im Frühjahr jeweils ein eindrückliches Unkenkonzert.

Gelbbauchunke
Gelbbauchunke

 

www.benifoto.ch

Kommentare (2)

  • Margrit Senn
    Margrit Senn
    vor 6 Tagen
    Lieber Beni
    Danke für den guten Artikel und die Fotos.
  • René Wagner
    René Wagner
    vor 1 Woche
    Lieber Beni, ein toller, informativer Artikel!

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