«Flöhe sind krasse Tiere – sie jucken»

Angetrieben von der Musik, ist Vollblutmusiker Dino Brandao alias Frank Powers immer auf Achse. Aktuell arbeitet er in einem Atelier in Paris. Ein Whatsapp-Chat.

Dino Brandao machte sich einen Namen als Frank Powers (Bild: zVg/Lukas Maeder)
Dino Brandao machte sich einen Namen als Frank Powers (Bild: zVg/Lukas Maeder)

von
Annabarbara Gysel

25. Januar 2018
11:50

Dino Brandao, 26

machte sich einen Namen als Stras­senmusiker «Frank Powers». Seine Auftritte in der Badener Bahnhofsunterführung erregten schnell mediale Aufmerksamkeit. Der Brugger absolvierte die KV-Lehre und ist mittlerweile als freischaffender Musiker tätig. 2016 spielte er mit seinem Album «Laisser Faire » schweizweit über 70 Konzerte. Im Frühjahr 2017 tourte er durch England und trat im Sommer am blues’n’jazz Festival in Rapperswil, am Montreux Jazz Festival und am Moon & Stars in Locarno auf. Im Herbst eröffnete er die Konzerthallen von Faber in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im September erschien die Single «Free Mooves», die es auch auf der neuen EP «Flohzirkus» zu hören gibt.

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Dino Brandao, in Brugg regnet es gerade in Strömen. Wie ist es in Paris?

Die Sonne kämpft gegen schwarze Wolken. Herrlich!


Da wird man direkt neidisch. Was verschlägt dich in die Stadt der Liebe?

Der Kanton hat hier auf Dauer ein Atelier gemietet und ich habe das Glück, dass ich für ein halbes Jahr darin wohnen und arbeiten darf. Es sind mehrere Häuser im Marais mit über 300 Ateliers – Platz für die Lege­hennen der Kunst.


Musst du das Atelier mit anderen Musikern teilen?

Normalerweise habe ich den Raum für mich alleine. Die letzten Tage waren wir allerdings zu fünft, da die ganze Band hier war zum Proben.


Und ihr habt von früh morgens bis spät am Abend Musik gemacht?

Das mit den Proben war etwas kompliziert … Wir sind laut und die Wände dünn. Also musste ich umdisponieren. Einen Tag lang haben wir «gemässigt» im Atelier geprobt und später «richtig» in einem Studiokomplex. Das war toll! 


Haben sich die Nachbarn beschwert?

Ich glaube, vom Proberaum nebenan gab es Reklamationen. Das ist aber verständlich. Ich könnte auch keine Chopin-Klaviersonaten üben, wenn es ständig durch die Wände dröhnt.


Das klingt nach einem abenteuerlichen Aufenthalt. Mitte Woche geht es für dich zurück nach Brugg. Ein krasser Unterschied?

Das schon, aber es ist auch toll. Ich mag beides.


Andere Musiker zieht es nach L.A., London oder Berlin. Was hält dich seit Jahren in der Provinz?

Meine Mama. Sie ist so lieb! Früher wollte ich schnellstmöglich weg. Aber ich habe in diesem Kaff so viele tiefe Freundschaften geknüpft. Trotzdem verspüre ich wieder stärker den Drang. Wahrscheinlich ist es bald Zeit zu gehen. 


Wohin?

Leben könnte ich wohl überall. Aber ich glaube, die Musik nimmt mich irgendwohin mit. Ich finde es schön, ein Zuhause zu haben. Aber ich brauche ebenso das Nomadentum. – Jetzt regnets auch hier in Strömen …


Sesshaftigkeit versus Nomadentum. Das klingt nach einem Lebensmotto. Findet sich dieses auch auf deiner neuen EP «Flohzirkus»?

Im Lied «CCC» geht es genau darum. Das klingt jetzt vielleicht trügerisch-süss. Ich glaube aber, Nomadentum und Sesshaftigkeit sind zwei grundlegend verschiedene Dinge, die sich nicht gleichzeitig vereinbaren lassen.


Muss man sich also entscheiden?

Ich denke nicht. Es entsteht jedoch Reibung, wenn man beides gleichzeitig versucht.


Präsentierst du im Lied eine Lösung für dieses Dilemma?

Nein. Dieses Dilemma gehört mit zu den fatalen Urproblemen der Menschheit. Am Schluss sterben wir aber alle einmal im Welt-Zirkus. 


Heisst die EP deshalb «Flohzirkus»?

Unsere Konzertagentur hat uns einmal Flohzirkus genannt. Das fand ich schön. Flöhe sind krasse Tiere. Niemand sieht sie wirklich, trotzdem spürt man sie über die Masse – sie jucken. Dieses Bild passt gut zu unserem Status Quo.


Wie meinst du das?

Wir dümpeln schon seit ein paar Jahren im Schweizer Musikzirkus umher. Die kommende Tour wird vielleicht ein paar Antworten geben. Zum Beispiel, welche Akteure der Branche Lust haben, auf unseren «Rennstall» zu setzen. Der Status Quo ist, dass die Lehrabschlussprüfung mit Radau bestanden und anschliessend notgedrungen ein Geschäft gegründet wurde. Das «laisser faire» bildete die Statuten und im Herbst 2018 erscheint dann unser erstes – wie ich finde – erwachsenes Album.


Was darf musikalisch von der EP erwartet werden?

Sie ist wundervoll verspielt. Gesungen wird in englischer, deutscher und französischer Sprache. Sie klingt nach Folk, Rock, Pop, etwas Orchestergraben und Singersongwriter-Wolfsgeheul.


Ein Fotogruss von Dino Brandao per Whatsapp: «Mein einziges Selfie aus Paris»
Ein Fotogruss von Dino Brandao per Whatsapp: «Mein einziges Selfie aus Paris»


Zu welchem der neuen Lieder hast du eine ganz besondere Beziehung?

Zu allen. Hinter jedem Lied steckt ein langer Entstehungsprozess. «Contenance» war einst eine Hausaufgabe im Studium, die ich viel zu ernst genommen hatte. Zusammen mit der Gang wurde es schliesslich zu einem Wirbelsturm. «Free Moves» begann als dünnes Wanderlied, ganz für mich alleine. Die erste Skizze dazu schrieb ich auf meiner Englandtour im letzten Frühling. Anschliessend nahm ich etwa zehn verschiedene Versionen davon auf; live ist es dann nochmals anders. «Holiday Thief» besteht aus Satzfragmenten und alten Erinnerungen, angereichert mit Gotthardtunnel-Vibes und Johannes Brahms. «Dance Alone» endet mit Pariser Umgebungsgeräuschen. Ich glaube, ich finde langsam meine musikalische Sprache.


Findet vieles aus deinem Alltag Einzug in deine Lieder?

Auf jeden Fall! Ich schreibe auf, was mich beschäftigt. Zum Teil entsteht daraus ein Lied. Vieles landet aber im dunklen Loch namens «Sammelsurium»-Ordner auf meinem Computer


Wie gross ist dieser bereits?

Gross! Ich schreibe Flusstexte. Das können ganze Seiten sein, aus denen ich zu einem späteren Zeitpunkt nur einen einzelnen Satz herauspicke. 


Ist es nicht schwer, aus dieser Textflut eine Auswahl zu treffen?

Doch. Aber die wichtigsten Sachen vergesse ich nie. Zudem arbeite ich seit einigen Jahren an diesem System.


Dieses Wochenende präsentierst du die EP im Royal in Baden. Worauf freust du dich am meisten?

Aufs Spielen und auf die Menschen! Wir haben – für unsere Verhältnisse – schon länger keine Konzerte mehr gespielt als «Headliner».


Baden wird also zum Heimspiel?

Das wahre Heimspiel wäre in Brugg. Aber unsere Gang ist im weitesten Sinne irgendwo zwischen Aarau und Zürich angesiedelt. Und Baden war schon oft ein wichtiger Schauplatz für uns.


Du bist dort ja als Strassenmusiker durchgestartet.

Zudem habe ich in Baden die Lehre absolviert, bin dort früher viel Skateboard gefahren, war verliebt und habe gelernt, in Massen Bier zu trinken.


Von der Strasse – sprich von der Bahnhofsunterführung – hast du es auf die nationalen und internationalen Bühnen geschafft. Hat dich das verändert?

Im Kern hat es mich nicht verändert. Aber ich habe vieles gelernt! Zum Beispiel, wie ich meinen Sackkarren voller Instrumente beladen muss, damit er nicht auseinanderfällt und innen nichts kaputt geht.  Dieses Bild kann man auch auf mich selber projizieren. Es braucht Musse, ein paar gute Spannsets, Spannung und Entspannung.


Was steht heute noch auf deinem Programm?

Jetzt koche ich einen Pasta-Gratin, der bis übermorgen reichen sollte. Dann üben. Anschliessend muss ich noch ein Datenblatt für die kommende Tour zusammenstellen. Ich sollte mich noch beim Lichttechniker melden und die letzte Probe organisieren. Wenn das alles fertig ist, werde ich Aufnahmen von neuen Liedern fürs kommende Album editieren. Dieses soll bald gemischt werden. Und wenn die Zeit reicht, werde ich vielleicht noch mit einem Freund und Nachbarn, der morgen abreist, ein Bier trinken.




EP-Release von «Flohzirkus»
Samstag, 27. Januar, 21 Uhr, Kulturhaus Royal, Baden

Kommentare (2)

  • Thomas
    Thomas
    am 28.01.2018
    Ein toller Musiker!
  • Dorothea
    Dorothea
    am 26.01.2018
    Ist ja eine quirlige, faszinierende Persönlichkeit. Es wird Zeit, dass ich mir einmal ein Müsterchen dieser Musik anhöre. Bisher sagte mir der Name dieses Künstlers gar nichts. Danke für das packende Interview via Whatsapp Chat.

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