Fürsorgliche Vogeleltern

Jungvögel werden von ihren Eltern auch nach dem Verlassen des Nests noch gefüttert. Dieses Verhalten hat bei den verschiedenen Vogelarten unterschiedliche Ausprägungen.

Blässhuhn mit seinen Küken am Flachsee
Blässhuhn mit seinen Küken am Flachsee (Bilder: Beni Herzog)

von
Beni Herzog

27. Juni 2017
11:00

Wer die Natur mit offenen Augen wahrnimmt, kann zurzeit vielerorts Jungvögel beobachten, die von ihren Eltern ausserhalb des Nests mit Futter versorgt werden. In Gärten, auf Hecken und Bäumen, aber auch auf Hausdächern oder an Strassenrändern sitzen die eben flügge gewordenen Jungvögel und warten geduldig, bis ein Elternteil mit gefülltem Schnabel zurückkehrt. Dann entsteht kurz Hektik: Laut piepsend, mit den Flügeln flatternd und weit aufgerissenem Schnabel zeigen die Jungen, wohin die Ladung Futter gehört.

Die junge Bachstelze konnte ich Ende Mai im Seenger Moos am Hallwilersee fotografieren. Sie sass allein auf einem hohen Ast, weitere Geschwister waren nicht auszumachen. Dabei zeigte sie bei Annäherung der Altvögel nicht das übliche fordernde Verhalten, sondern liess sich eher zweimal von diesen bitten, das mitgebrachte Futter anzunehmen. Letztendlich verschlang sie die mitgebrachten Kleininsekten und Käfer aber mit Heisshunger.


Nesthocker…

Bachstelzen gehören wie alle Singvögel zu den «Nesthockern». Diese schlüpfen noch relativ schwach entwickelt aus dem Ei und werden während der Nestlingszeit von den Eltern im Nest gefüttert, wo sie schnell heranwachsen und sich entwickeln. Bei den Bachstelzen dauert die Nestlingszeit 14 Tage. Dann sind die Jungen flügge, d.h. sie können das Nest verlassen und fliegen, wenn auch noch nicht in der vollendeten Art ihrer Eltern. Nun werden sie ausserhalb des Nests weitergefüttert. Diese Phase ist meist relativ kurz und dauert bei den Bachstelzen vier bis sieben, seltener bis zu zehn Tagen. In dieser Zeit müssen sie ihre Flugtechnik weiterentwickeln und lernen, selbstständig an Futter zu kommen. Denn irgendwann hat die Fürsorge der Eltern ein Ende.

  • Eine junge Bachstelze wird vom Altvogel mit Insekten gefüttert
    Eine junge Bachstelze wird vom Altvogel mit Insekten gefüttert

…und Nestflüchter

Ganz in der Nähe im Schilfgürtel des Hallwilersees zog eine Blässhuhn-Familie ihre Jungen auf. Im Gegensatz zu den Bachstelzen sind die Blässhühner ‒ im Volksmund oft als «Taucherli» bezeichnet – so genannte Nestflüchter. Die Küken können zwar nach dem Schlüpfen mit ihren kurzen Stummelflügeln noch nicht fliegen, jedoch bereits ab dem ersten Tag schwimmen und laufen. Sie bleiben meist noch zwei bis vier Tage im Brutnest. Dann werden sie während vier bis fünf Wochen von den Eltern im Familienverband behütet und gefüttert. Dies ist nicht bei allen Nestflüchtern so: junge Enten und Gänsesäger beispielsweise werden zwar von der Mutter noch geführt, müssen sich aber ihre Nahrung von Beginn an selber suchen.

  • Blässhuhn-Küken werden während 4 bis 5 Wochen von den Eltern gefüttert
    Blässhuhn-Küken werden während 4 bis 5 Wochen von den Eltern gefüttert

Vom Nestling zum erwachsenen Tier

Als Nestlinge werden Jungtiere bezeichnet, die als so genannte Nesthocker im Nest ihrer Eltern leben. Nesthocker kommen relativ schwach entwickelt zur Welt und sind daher nach dem Schlüpfen bzw. nach der Geburt durch ihre Hilflosigkeit wochen- oder monatelang an das Nest gebunden. Sie geniessen durch das Instinktverhalten der Eltern eine lange Zeit der Brutpflege. Der Begriff «Nestling» wird sowohl auf den Nachwuchs von Vögeln angewandt als auch auf den Nachwuchs von Nagetieren, also zum Beispiel junge Mäuse oder Kaninchen, die in den ersten zwei Wochen nach der Geburt nur versehentlich das Nest verlassen.

Die Zeit, die die Nestlinge im elterlichen Nest verbringen (bei Vögeln also die Zeit vom Schlüpfen bis zum Flüggewerden), bezeichnet man als Nestlingszeit. Wenn ein Nestling alt genug ist, um auch ausserhalb des Nestes seine Flugfähigkeiten und die selbstständige Nahrungsaufnahme zu trainieren, beginnt für ihn eine neue Phase seines Lebens. In der ersten Zeit wird er dabei meist noch von den Eltern gefüttert und begleitet. Besonders spektakulär ist die Fütterung bei jungen Rauchschwalben. Die Eltern schieben ihnen das Futter im Flug in den offenen Schnabel.

  • Ein junger Hausrotschwanz bettelt seinen Vater um Futter an
    Ein junger Hausrotschwanz bettelt seinen Vater um Futter an
  • Junge Rauchschwalben werden im Flug gefüttert
    Junge Rauchschwalben werden im Flug gefüttert

Manchmal braucht es besondere Anstrengungen, damit die Jungvögel ihr Nest verlassen. Bei Buntspechten konnten wir schon beobachten, dass die Altvögel ihre «Jünglinge» mit verschiedenen Lockbewegungen dazu animierten, die behagliche Nisthöhle zu verlassen.

Ein Buntspecht-Weibchen versucht, ihr Junges aus der Nisthöhle zu locken
Ein Buntspecht-Weibchen versucht, ihr Junges aus der Nisthöhle zu locken


Eine besondere Form hat sich in dieser Lebensphase bei Eulen ausgeprägt. Bei ihnen wird der Nestling zunächst zum Ästling. Ästlinge können zwar noch nicht fliegen, verlassen aber trotzdem das Nest oder die Bruthöhle. Sie sind geschickt zu Fuss unterwegs und können recht gut klettern. Auf Ästen sitzend werden sie von den Altvögeln weiterversorgt.

Waldkauz-Ästlinge warten auf die Fütterung durch die Altvögel
Waldkauz-Ästlinge warten auf die Fütterung durch die Altvögel


Nestflüchter kommen relativ weit entwickelt zur Welt. Sie können sofort nach dem Schlüpfen bzw. nach der Geburt ihre Augen öffnen, können sehen, hören und sich fortbewegen. Sie sind in der Lage,  sich schon am ersten Lebenstag selbstständig ein Stück vom Nest zu entfernen und finden sich in der Umgebung zurecht. Säugetiere, die Nestflüchter sind, etwa Huftiere wie Rehe, Gämsen etc. werden gesäugt, stehen aber schnell auf eigenen Beinen. Sie können bereits am ersten Lebenstag mit der Mutter mitlaufen. Die Vögel unter den Nestflüchtern werden in den ersten Lebenswochen von den Eltern beschützt und teilweise auch gefüttert (Beispiel Blässhühner).

Blässhuhn-Küken werden von den Eltern im und ausserhalb des Nests beschützt und gefüttert
Blässhuhn-Küken werden von den Eltern im und ausserhalb des Nests beschützt und gefüttert


Von anderen Nestflüchter-Küken werden bereits in den ersten Stunden ihres Lebens wahre Mutproben gefordert. Gänsesäger brüten in teils hoch gelegenen Baumhöhlen. Da die Eltern nach dem Schlüpfen der Küken kein Futter zur Baumhöhle bringen, müssen sich die Kleinen schnellstmöglich zum Futter begeben. Den Rufen ihrer Mutter am Boden folgend, springen sie «todesmutig» nacheinander aus der sicheren Höhle. Sie benutzen beim Sprung ihre Flügelstummel als Fallschirm, ihr leichter Körperbau verhindert Verletzungen beim Aufprall auf dem Boden. Das Weibchen führt die Jungen dann zum Gewässer und betreut sie in den nächsten Wochen. Dabei dürfen die Jungen auch ab und zu auf ihrem Rücken mitreiten, wobei immer ein Gerangel um die besten Plätze entsteht. Aktiv gefüttert werden sie allerdings nicht, sie müssen sich ihre Nahrung von Beginn weg selber suchen.

Gänsesäger-Küken reiten gerne auf dem Rücken ihrer Mutter
Gänsesäger-Küken reiten gerne auf dem Rücken ihrer Mutter


Auch wenn die Jungvögel schon voll entwickelt sind, kann man sie noch an ihrem Jugendkleid von den erwachsenen Vögeln unterscheiden. Dieses verlieren sie bei der ersten Mauser. Im folgenden Frühjahr tragen die meisten Vögel ihr «Erwachsenenkleid». Bei einzelnen Vogelarten dauert diese Entwicklung länger: Grossmöwen erhalten ihr endgültiges Federkleid erst im vierten Lebensjahr, beim Bartgeier dauert dies gar sechs Jahre. 


www.benifoto.ch

Kommentare (2)

  • Senn Margrit
    Senn Margrit
    am 10.07.2017
    Lieber Berni
    wie immer wieder ein super Beitrag. Deine Fotos sind immer sensationell.
    Ich freue mich auf weitere Beiträge von dir.
    Gruess Margrit
  • Flurin
    Flurin
    am 28.06.2017
    Sehr interessanter Artikel und wunderschöne Fotos.

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