Herbst ist Zeit zum Ernten

Verblühte Sonnenblumen und Wildstauden bieten im Herbst wertvolle Nahrung für die Samen- und Körnerfresser unter den Vögeln. Zu ihnen gehören die farbenfrohen Stieglitze.

Stieglitz auf verblühten Sonnenblumen
Stieglitz auf verblühten Sonnenblumen (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

01. November 2018
09:00

Am vergangenen Wochenende erfolgte mit der Umstellung auf die Winterzeit auch eine Wetterumstellung. Schneefälle in höheren Lagen brachten einen Hauch von Winter und die Temperaturen verharrten im einstelligen Bereich. Die beiden ersten Herbstmonate entsprachen eher dem Typus «Altweibersommer» - kaum Niederschläge, keine Herbststürme und Temperaturen weit über 20 Grad Celsius bescherten uns eine Fortsetzung des trockenen und warmen Sommers.

Herbst ist Zeit zum Ernten. Das gilt für uns Menschen wie für Tiere - wenn man sie denn lässt. Bei den Sonnenblumen in Nachbars Garten war dies der Fall. Ihre prächtigen Blüten erfreuen im Sommer das Auge. Verblüht sind sie wertvolle Nahrung für die Samen- und Körnerfresser unter den Vögeln. Hierzu zählen alle Vogelarten der Finken-Familie, zu denen auch die Stieglitze oder Distelfinken (Carduelis carduelis) gehören. Die farbenfrohen und sehr geselligen Vögel sind fast immer in kleinen Gruppen unterwegs, auch während der Brut- und Jungenaufzucht. Ihr Gesang ist ein fröhliches Gezwitscher, darin eingebaut sind die typischen «stiglit»-Rufe, aus denen sich der Name Stieglitz ableitet. Der wissenschaftliche Name «Carduelis» kommt von «carduus», dem lateinischen Wort für Distel, und weist auf ihre Lieblingsnahrung hin. Daneben schätzen Stieglitze Samen von Wildstauden, Wiesenpflanzen und Bäumen, beispielsweise Karden, Ampfern, Wegerich, Mädesüss, Kiefernzapfen, Birkensamen und eben – Sonnenblumen. 

Wie die meisten Finken haben Stieglitze einen recht kräftigen Schnabel, um die teils harten Samenschalen zu öffnen. Dabei hat sich die Schnabelform und -grösse der jeweiligen Arten ihren Nahrungspräferenzen angepasst. So haben beispielsweise Birkenzeisige kleine spitze Schnäbel, da sie kleine Sämereien bevorzugen. Beeindruckend ist hingegen der Schnabel des Kernbeissers, mit dem er selbst Kirschkerne knacken kann. 

 

Wildstauden als Winternahrung

Gartenbesitzer können den Stieglitzen sowie allen Finkenvögeln einen Gefallen tun, wenn sie zumindest in einer «verwilderten Ecke» einige Disteln, Wilde Karden, Königskerzen und andere Wildstauden pflanzen und diese im Herbst stehen lassen. Im Winter wird man dafür möglicherweise mit der Beobachtung von Erlenzeisigen, Hänflingen und anderen Finkenvögeln belohnt, die sich normalerweise nicht in Siedlungsgärten zeigen. Die verblühten Pflanzenstängel haben aber noch einen anderen positiven Effekt. Sie dienen als Brutstandort für spezielle Wildbienenarten, welche die üblicherweise angebotenen  waagrechten Niströhrchen in «Insektenhotels» verschmähen und nur in vertikal stehenden Stängeln brüten.  Wegen der Entwicklungszeit der Wildbienen sollte man die verblühten Stängel dann mindestens 3 Jahre stehenlassen. 

  • Im Winter schätzen Stieglitze die Samen von verblühten Karden.

Fotografieren nur mit Tarnung möglich

Stieglitze sind recht scheue Vögel und man kann sich nicht einfach mit dem Fotoapparat in den Garten stellen. Damit sie nicht flüchten und bei ihrer Nahrungsaufnahme natürlich wirken, waren ein paar Tricks notwendig. Aus dem Auto auf dem Vorplatz neben den Sonnenblumen sowie aus dem Tarnzelt – je nach Sonnenstand – liessen sie sich ohne Störung aus relativ kurzer Distanz fotografieren, während sie auf den Sonnenblumen «herumturnten» und die Samen aus den Blüten holten. 

  • Im Trupp der ca. 10 Stieglitze war auch ein diesjähriger Jungvogel dabei, erkennbar am braun-grauen Gefieder und der fehlenden rot-weissen Gesichtsmaske
    Im Trupp der ca. 10 Stieglitze war auch ein diesjähriger Jungvogel dabei, erkennbar am braun-grauen Gefieder und der fehlenden rot-weissen Gesichtsmaske

Der Stieglitz (Carduelis carduelis)…

…auch Distelfink genannt, gehört zur Familie der Finkenvögel, was gut am kräftigen Schnabel zu erkennen ist. Dieser ist kegelförmig, aber ziemlich lang und spitz und elfenbeinfarben. Die Färbung des Vogels kommt besonders schön im Sonnenlicht zur Geltung, er kann eigentlich mit keiner andern Vogelart verwechselt werden. Das Rot am Kopf wirkt wie eine Gesichtsmaske, der übrige Kopf ist schwarz-weiss. Rücken und Flanken sind goldbraun, Bauch und Bürzel weiss. Der gekerbte Schwanz und die Flügel sind schwarz mit weissen Punkten. Auffällig ist die leuchtend gelbe Flügelbinde, die im Flug sehr gut zu sehen ist. Jungen Stieglitzen fehlt die farbige Kopfzeichnung, ihr Gefieder ist braun-grau, jedoch sind die weissen Punkte auf den schwarzen Flügeln und die gelbe Flügelbinde bereits vorhanden.  

  • Bei den geselligen Stieglitzen gibt es am Futterplatz oft kleine Streitereien.

Der farbenfrohe Finkenvogel liebt abwechslungsreiche Landschaften wie artenreiche Wiesen, halboffene Landschaften mit Bäumen und Hecken, naturbelassene Gärten, alte Friedhöfe, Weinberge, Parks, aber auch Schuttplätze und Kiesgruben. Wichtig sind Vorkommen von Samen tragenden Pflanzen, wie sie beispielsweise auch in Buntbrachen und an Strassenrändern vorkommen. Leider geht die heimische Artenvielfalt durch die intensive Landwirtschaft immer mehr verloren, auch Randstreifen mit Blumen und Wildkräutern an Feldern und Wegen werden immer weniger. Sogar in Siedlungen ist der gleiche Trend zu verzeichnen, der Wildkrautvielfalt wird mit Pestiziden zu Leibe gerückt, auch in vielen privaten Gärten. Stieglitze besiedeln Eurasien von Westeuropa bis Zentralasien und Mittelsibirien sowie Nordafrika. In Südamerika und auf Neuseeland wurden sie vom Menschen eingeführt. Sie kommen bis in höhere Lagen von 1500 Metern vor. Samen von Erlen, Birken und Kiefern bilden eine willkommene Nahrungsquelle, vor allem in der kälteren Jahreszeit. Zur Brutzeit fressen sie allerdings auch kleine Insekten.

Im Februar/März beginnt das Männchen mit seinem Balzgesang, den es gut einüben muss. «Stieglitzdamen» sind sehr wählerisch und zeigen sich erst paarungsbereit, wenn die Sangeskünste perfekt sind. Generell sind die Weibchen während der Balz- und Paarungszeit ziemlich dominant, sie singen auch, allerdings in abgeschwächter Form. Generell kann man sagen, dass es bei viel mehr Vogelarten singende Weibchen gibt als allgemein angenommen wird. Gemäss der Schweizerischen Vogelwarte Sempach sind es bei uns 22 Singvogelarten, bei denen auch die Weibchen singen, dazu gehört beispielsweise auch das Rotkehlchen.

Stieglitze brüten in der Regel zweimal pro Jahr und führen eine monogame Saisonehe. Das Weibchen bestimmt den Zeitpunkt der Kopulation. Es hat aber nicht nur bei der Paarung das Sagen, sondern übernimmt auch den Nestbau und das Brüten, das zwischen Anfang April und Ende Juli erfolgt. Das Weibchen baut ein napfförmiges Nest aus Stängeln, Grashalmen, kleinen Wurzeln und Moos, gut geschützt auf Bäumen und hohen Sträuchern. Das Nest platziert es zwischen Astgabelungen oder auf Astenden, wichtig ist auch ein guter Ausblick. Für den Nestbau benötigt es rund vier bis sechs Tage. Das Gelege umfasst vier bis sechs weisse Eier, die rotbraun gesprenkelt sind. Das Stieglitzweibchen brütet während 12 bis 14 Tagen und wird in dieser Zeit vom Männchen mit Nahrung versorgt. Nach dem Schlüpfen der Jungvögel hudert und füttert das Weibchen den Nachwuchs aus dem Kropf. Die Nahrung besteht aus dem, was ihr das Männchen gebracht hat. Das Stieglitzweibchen bildet also keine Kropfmilch, wie wir das von Tauben kennen. Nach rund zwei Wochen verlassen die Jungen das Nest. Die Elternvögel versorgen ihre Sprösslinge aber weiterhin mit Nahrung. Nach ungefähr vier Wochen sind die jungen Stieglitze selbstständig.

Stieglitze wurden aufgrund ihrer Farbenpracht und der Möglichkeit sie mit dem Kanarienvogel zu kreuzen, als Käfigvögel gehalten. Noch heute werden sie leider vor allem in südlichen Ländern einzeln in viel zu kleinen Käfigen eingesperrt, wo sie mit dem Gesang ihre «Besitzer» erfreuen sollen.  

 

Finkenschnäbel – auf die Nahrung abgestimmte Fresswerkzeuge

Stieglitze gehören zur artenreichen Familie der Finken (Fringillidae). Weltweit sind ca. 200 Finkenarten bekannt. Finken ernähren sich hauptsächlich von Pflanzensamen, Früchten und Knospen. Unter Samen versteht man gemeinhin die kleinen Körner, die wir aus den Briefchen aus dem Gartencenter in unserem Gemüsegarten aussäen. Das ist aber nur ein kleiner Teil des ganzen Spektrums von Pflanzensamen. Hierzu gehören u.a. Getreide- und Maiskörner, Sonnenblumen- und Kürbiskerne, Bohnen, Zapfen von Nadelbäumen, Eicheln, Steine von Steinobst (Pfirsichsteine etc.), alle Arten von Nüssen bis hin zu den Kokosnüssen. Die Coco de Mer, eine speziell geformte Kokosnuss auf den Seychellen, gilt als weltweit grösster Pflanzensamen und wird bis zu 18 kg schwer. Natürlich wird sich kein Vogel an solche Kaliber heranwagen. Doch wenn man sich die Vielfalt auch unter den kleineren Pflanzensamen vor Augen hält, wird schnell klar, warum sich bei den samenfressenden Vögeln im Laufe der Evolution eine Vielfalt von Schnabelformen und -grössen herausgebildet hat.

Vogelschnäbel sind in erster Linie Fresswerkzeuge. Daneben erfüllen sie viele weitere Aufgaben. Sie werden gebraucht zum Graben (Eisvogel) oder Ausmeisseln (Spechte) von Nisthöhlen, zum Transport von Nistmaterial, bei der Gefiederpflege, beim «Schnäbeln» – einer speziellen Art der Liebesbezeugung unter den Vögeln – und für vieles mehr. Die samenfressenden Vögel haben ihre Schnäbel dem Hauptzweck «Fressen» und jeweils ihrer Hauptnahrung angepasst, auch wenn sie daneben ein gewisses Spektrum von anderer Nahrung nicht verschmähen. Dies soll nachfolgend anhand von Schnäbeln einiger Finkenarten gezeigt werden.

 

Bergfink (Fringilla montifringilla)

Bergfinken ernähren sich im Winterhalbjahr vorwiegend von Bucherkern. Sie sind mehr noch als unsere Buchfinken auf diese Nahrung angewiesen. Fehlt sie in den nordischen Wäldern, ihrem Brutgebiet, ziehen sie im Winter in riesigen Schwärmen von mehreren Millionen Vögeln in Richtung Mitteleuropa. Bucherker sind ca. 1.5 Zentimeter grosse Nüsse. Reichen Fruchtbehang gibt es bei der Buche alle 5 bis 8 Jahre (sogenannte Buchenmastjahre).

Birkenzeisig (Carduelis flammae) 

Der Birkenzeisig ernährt sich von kleinen Sämereien, Gräsern und Knospen. Er lebt in Birken- und Erlenwäldern, deren Samen gehören auch zu seiner  Nahrung. Er hat einen relativ kleinen, spitzen Schnabel, mit dem er die Samen gut aus den Zäpfchen herauspicken kann.

Kernbeisser (Coccothraustes coccothraustes)

Der gewaltige Schnabel des «Finkenkönigs» ist besonders auffällig und eignet sich zum Knacken von Steinobst¬kernen wie Kirschen, Pflaumen, Oliven etc., obwohl er sich oft auch mit kleineren Samen begnügt. Zum Öffnen der Steinobstkerne kann er eine Kraft von ca. 500 N (50 Kilogramm) entwickeln. Damit könnte er auch den Fingerknochen eines Menschen brechen. Vogelberinger sind daher sehr vorsichtig im Umgang mit dem Kernbeisser.

Fichtenkreuzschnabel (Loxia curvirostra)

Der gekreuzte Schnabel wirkt auf den ersten Blick etwas hinderlich. Er ist jedoch ein hervorragendes Werkzeug, um die Samen aus den Fichtenzapfen zu ernten. Damit kann der Fichtenkreuzschnabel diese gut anpacken und aus dem Zapfen herausdrehen.

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