«Ich bin meiner Musik ausgeliefert»

Anfang Februar verwandelt das OOAM Baden in ein Festival. Einer der Acts ist Odd Beholder. Mit ihren Songs bringt sie die Stadt zum Träumen.

Daniela Weinmann tritt als Odd Beholder am One Of A Million Festival auf (Bild: zVg)

von
Annabarbara Gysel

31. Januar 2019
09:00

Daniela Weinmann, 35

ist in Dietikon aufgewachsen und wohnt mittlerweile in Zürich. Musik macht sie unter dem Künstlernamen Odd Beholder (deutsch: Seltsamer Beobachter). Ihr Atelier hat sie im Oederlin-Areal und verbringt dadurch sehr viel Zeit in Baden. «Ich bin zwar keine Badenerin, aber ich fühle mich hier zu Hause», so die Musikerin.

Daniela Weinmann, am OOAM aufzutreten, ist für Sie praktisch ein Heimspiel. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein internationales Festival, daher empfinde ich es nicht als Heimspiel. Ich schätze das Line-up sehr und fühle mich geehrt, in diesem Rahmen auftreten zu dürfen. Die Organisatoren, die ich persönlich kenne, leisten grossartige Arbeit. Es geht ihnen nicht um Mainstream, sondern um die Kunst – sprich um die Musik. Das macht das OOAM zu einem so ehrlichen Festival.

 

Was verbindet Sie persönlich mit dem OOAM?

Das begann vor zwei Jahren. Damals durfte ich als DJ auflegen. Eine tolle Erfahrung! Und mein erstes DJ-Set überhaupt. Ein Jahr später führte ich im Rahmen des OOAM im Museum Langmatt eine eigene Kunstperformance über Datenhandel auf. Das hat mir sehr viel bedeutet. Ich lud die Leute ein, mir ihre Geheimnisse zu erzählen. Aus diesen machte ich dann Songs. Quasi Gratis-Musik im Austausch gegen die Geheimnisse. Nun kehre ich ans OOAM zurück und werde ein Konzert geben. 

  

Sie treten in der Druckerei auf, keine an sich typische Konzertlokalität. Lässt sich trotzdem damit arbeiten?

Dass mir die Druckerei zugeteilt wurde, finde ich sehr passend. Ich interessiere mich sehr für Journalismus und finde es schön, in solch einer Atmosphäre spielen zu dürfen. Diese speziellen Lokalitäten sind eine Qualität des OOAM und machen das Festival so besonders. Ganz Baden wird hineingezogen. 

 

Jeder Teil von Baden kann also Bestandteil vom Festival werden. 

In Baden wird anspruchsvolle Popmusik umfassend wahrgenommen und gelebt. Auch stadtpolitisch. Es geht nicht einfach darum, grosse Partys zu schmeissen. Das fasziniert mich an der Badener Szene.

 

Seit wann machen Sie Musik?

Musik hat in meinem Leben sehr lange ohne Öffentlichkeit stattgefunden. Meine ersten Songs veröffentlichte ich erst 2016, als ich 30 Jahre alt war. Also spät. Bewiesenermas­sen mache ich aber Musik seit meinem zehnten Lebensjahr. Damals habe ich für meine Primarschule ein Lied über die Reppisch, unseren Fluss in Dietikon, geschrieben. Anschliessend brachte ich dieses allen Kindern bei und haben es gemeinsam gesungen. 

  

Gibt es einen speziellen Grund, dass Sie erst so spät die Öffentlichkeit gesucht haben?

Ich war ein sehr privater und introvertierter Mensch. Dann veränderte sich innerlich etwas, und ich wollte mit anderen Menschen in Kontakt treten. Grund war sicher, dass ich angefangen hatte, mit Musikern zusammenzuarbeiten. Das konfrontierte mich damit, dass Musik ein Beruf sein könnte. 

  

Haben Sie Vorbilder, die Sie in Ihrem musikalischen Entwicklungsprozess prägten?

Meine wichtigsten Vorbilder waren drei Frauen: Björk, PJ Harvey und Beth Gibbons. Sie verstanden sich ganz selbstverständlich als Künstlerinnen und hatten eine Haltung. Sie verkörperten Selbstbewusstsein und verfolgten als Künstlerinnen ihre eigenen Visionen. Das hat mich schwer beeindruckt. 

  

Haben sie auch Ihren Musikstil beeinflusst?

Gewiss, aber es ist kompliziert. Man hat stets das Gefühl, man könnte einfach die Musik machen, die man selbst cool findet. Bei mir ist das nicht der Fall. Ich bin meiner eigenen Musik ausgeliefert und kann nicht einfach etwas Beliebiges machen. Das würde nie funktionieren. Meine Musik kommt von einem komischen, privaten und gar schrägen Ort. Ich habe nicht im Griff, was ich mache. 

  

Wie würden Sie Ihre Musik in einem Satz beschreiben?

Meine Musik ist die eines notorischen Träumers, der die ganze Zeit versucht, aufzuwachen. 

  

Welcher Entstehungsprozess steckt in Ihren Liedern?

Ich bin eine passable Sängerin, aber ich habe nie gelernt, «richtig» ein Instrument zu spielen. Ich habe keine Ahnung, und möchte es auch nicht anders. Es ist toll, vor den Tasten zu stehen und nicht zu wissen, was als Nächstes passiert. Ich drücke irgendetwas und höre, ob es mich berührt, ob es mir Spass macht. Das Hören ist das Allerwichtigste. Ich versuche, Musik aus der Perspektive einer Hörerin zu machen.

 

Entsteht zuerst die Musik oder der Text?

Zuerst ist ein Gefühl, später oft ein Satz. Diesen braucht es, damit ich mich selber überraschen oder verstören kann. Der Prozess dahinter dauert oft über Monate. Zuerst schreibt es nur in meinem Kopf. Unbewusst. Später setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe alles nieder, was ich für wichtig empfinde. Dann kommt die eigentliche Arbeit, wenn ich an den Worten feile, sie ersetze und den Rhythmus hineinbringe.

Offizielles Musikvideo zu «Loneliness» vom Album «All Reality Is Virtual» von Odd Beholder

 

Im Sommer erschien Ihr erstes Album «All Reality is Virtual». Wie war es, dieses Produkt in den Händen zu halten?

Um Werbung dafür zu machen, müsste ich sagen: «Grossartig! Ihr müsst es auch in den Händen halten, es ist genial!» Aber ehrlich gesagt bin ich kein Resultat bezogener Mensch. Für mich war der Prozess dahinter am wichtigsten. Es ist absurd, aber als ich das Album in den Händen hielt, dachte ich: «Yes, jetzt kann ich neue Songs schreiben!»

  

Wie ist der Name des Albums zustande gekommen?

Hier kommt wieder der Träumer ins Spiel, der versucht aufzuwachen. Ihm stellt sich die Frage nach der Realität. Gibt es überhaupt so etwas wie eine Realität? Diese komplexe Frage beschäftigt mich schon seit Jahren. Und es gibt so viele verschiedene Antworten dazu. Beim Album geht es speziell um die digitale Realität. Was macht das Internet mit uns, und welchen Einfluss hat das auf unsere Realität? Ich habe aber nicht versucht, dieses Thema möglichst klar in einem Song zu übersetzen. Es geht mehr um das Gefühl, das die Frage bei mir auslöst.

  

Auf Ihrer Tour waren Sie in China, England, Italien, Deutschland und in der Schweiz. Wo ging das Erlebnis besonders tief?

In Bologna. Wir spielten in einer alten Villa, in einem grossen Salon. Während des ganzen Konzertes war es mucksmäuschenstill. Die Leute haben einfach nur zugehört. Das hat mich völlig verstört, aber auch berührt. Die Wertschätzung für meine Arbeit war gross.

 

Gibt es einen Ort, wo Sie unbedingt einmal auftreten möchten?

Ich würde gerne einmal in Belgien oder in Frankreich spielen. Aber viel wichtiger als der Ort selbst sind die Menschen, die einem dort begegnen. Am besten ist es, wenn sie fühlen, was man macht, und dass dadurch ein Diskurs entsteht. 

 

Wünschen Sie sich das auch fürs OOAM?

Ich wünsche mir, dass die Leute mit viel Offenheit und Geduld ans One Of A Million kommen. Viele der auftretenden Künstler sind keine Gassenhauer. Ihre Musik ist künstlerisch und vielleicht etwas sperrig. Manchmal versteht man sie nicht sofort. Es wäre schön, wenn das Publikum mutig ist und sich darauf einlässt. 

 

One Of A Million Musikfestival
1. bis 9. Februar, Baden
Detailliertes Programm: www.ooam.ch 

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