«Ich machte Musik ohne Sicherheitsnetz»

Der New Yorker Folkrock-Liedermacher Don McLean, der sich mit dem Lied «American Pie» unsterblich machte, tritt im Theater 11 in Zürich auf.

Der Folkrock-Liedermacher Don McLean
Der Folkrock-Liedermacher Don McLean (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

06. September 2018
09:00

Zur Person

Der Name Don McLean ist unauflöslich mit «American Pie» verknüpft. Seine Single wurde 1971 und Madonnas Coverversion 2000 ein Nr.-1-Hit. Das Lied erreichte in den USA bei der Wahl zum besten Song des 20. Jahrhunderts Platz 5. McLean bezeichnet darin den Tag, an dem seine Rock ’n’ Roll-Idole Buddy Holly, Richie Valens und The Big Bopper ums Leben kamen, als «the day the music died». Ganz so schlimm waren die Konsequenzen des Flugzeugabsturzes glücklicherweise nicht. Deshalb kann der Singer-Songwriter am 4. Oktober im Zürcher Theater 11 auftreten.  

Don McLean, was bedeutet es Ihnen, mit 72 Jahren auf Tournee zu gehen und in die Schweiz zu kommen?

Don McLean: Ich sehe es als gros­ses Privileg, vor den Menschen dieser Welt singen zu können – und nicht nur vor Amerikanern. Ich geniesse es nun schon fast 50 Jahre, andere Länder zu besuchen. Ich freue mich immer, in die Schweiz zu kommen, da ich viele glückliche Erinnerungen an Auftritte in der Schweiz habe.

 

Woran denken Sie?

Ich gab ausser in Zürich schon in verschiedenen kleineren Orten, deren Namen ich nicht mehr weiss, Konzerte. Da war die Luft gut, und es hatte wunderschöne Berge und Seen und sowie ein Licht, wie ich es mag. Ich war nie ein Stadtmensch! 

 

Fühlen Sie sich heute auf der Bühne anders als in den Siebzigerjahren?

Meine Emotionen sind noch stärker als damals. Es ist toll, dass meine Songs Evergreens wurden. Und die Fans freuen sich, wenn ich «Vincent», «American Pie» oder «Castles In The Air» spiele, denn sie sind mit diesen Liedern aufgewachsen, vielleicht sogar alt geworden. 

 

Wie gehen Sie als Singer-Songwriter damit um, dass Donald Trump Präsident ist?

Es herrscht eine seltsame Stimmung im Land. Ich weiss nicht, was wirklich passiert, und es ist auch sehr schwierig, das herauszufinden. Die Dinge geschehen momentan an so vielen verschiedenen Fronten. Da ist man manchmal einfach überfordert. 

 

Unter welchen Umständen haben Sie 1971 «American Pie» geschrieben?

Ich arbeitete an meinem zweiten Album, als meine Plattenfirma Konkurs ging. Ich war sehr deprimiert, doch dann kaufte der Major «United Artists» das Label und zahlte mir einen sehr hohen Vorschuss. Neu motiviert schrieb ich «American Pie». Die Plattenfirma liebte meinen Song, kürzte ihn aber von neun auf drei Minuten, damit ihn die Top-40-Radios spielen. Die Single wurde zur Nummer eins. Als die Leute dann plötzlich die lange Album-Version hören wollten, begann damit die Legende um «American Pie».

 

Spürten Sie von Anfang an, dass das Lied Hit-Potenzial hatte?

Nicht wirklich. Er hatte etwas, das ich mochte, einen gewissen Klang. Aus­serdem schreibe ich die Songs für mich selber und denke nicht daran, ob sie in die Charts kommen könnten. Der Erfolg war eine grosse, aber willkommene Überraschung, nachdem ich wenige Monate zuvor schon fast raus aus dem Geschäft war. 

 

Wie radikal hat er Ihre Situation verändert?

Vorher war ich ein armer Künstler. Ich hatte kein Geld und keine Krankenversicherung, ich machte Musik ohne ein Sicherheitsnetz irgendwelcher Art. Die Freunde, mit denen ich zur Schule ging, hatten längst geheiratet, einen festen Job und Gratifikationen. Mich kümmerte dies jedoch nicht, so lange ich mein eigenes Leben erfinden konnte und keine Befehle von blöden Chefs entgegennehmen musste! (Lacht) 

 

Hat Sie der Erfolg noch unabhängiger gemacht?

Ja, aber nur, weil ich die Kontrolle behalten habe. Wenn ich zu müde war, übernahm ich den Job nicht. Es gab Zeiten, da habe ich das Telefon gar nicht abgenommen. Als mich Herb Gart, einer der schlechtesten Manager der Welt, dauernd stresste, sagte ich ihm, dass ich immer noch selbst über mein Tempo entscheiden würde. Wenn er das nicht akzeptieren könne, wäre das sein Pech ... 

 

Es gibt Künstler, die das nicht geschafft haben.

Allerdings. Im Showbusiness versuchen sie den letzten Penny aus dir herauszupressen. Manche Kollegen wurden in den Tod getrieben. Elvis Presley liessen sie in Las Vegas bis zum Umfallen arbeiten. 60 Shows, zwei pro Abend. Da würde jeder Drogen nehmen. Meinen Freund Jim Croce hetzten sie von Konzert zu Konzert, ehe er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. 

 

Weshalb haben Sie erst einige Jahre nach der Veröffentlichung von «American Pie» gesagt, dass Sie darin Ihre Jugenderinnerungen verarbeitet haben?

Wenn ich einen Song schreibe, muss ich nicht die Interpretation dazu liefern. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass John Lennon «Strawberry Fields Forever» oder «A Day in the Life» erklärt hat. Ein Song ist einfach, was er ist.

 

Was haben Sie gedacht, als Madonna Ihr Meisterwerk vor zwanzig Jahren gecovert hat?

Ich freute mich, denn ich hatte noch nie gehört, dass Madonna je Songs anderer Künstler gesungen hat. Als sie ihn in «The Next Best Thing» sang, wurde er nochmals ein Hit, der Film nicht. Madonna versuchte sehr beharrlich, ein Filmstar zu werden, aber es hat für sie nicht funktioniert. Ich fand, dass die Presse ihr gegenüber immer sehr kühl war. Vermutlich, weil sie eine Frau und so erfolgreich ist. 

 

Gab es eigentlich schon junge Leute, die dachten, Sie würden Madonnas «American Pie» covern?

(Lacht) Well, ich kontrolliere nicht, was die Leute denken, aber die Idee ist lustig!

 

Ihr berührendster Song ist für mich «Vincent». Wie nahe fühlen Sie sich van Gogh?

Ich schreibe Songs, die persönlich sind, und ich liebe gute Geschichten. Mit geht es jedoch nicht darum, Gefühle zu wecken. Ich versuche schöne Songs zu schreiben. Wenn es gelingt, erzeugt das automatisch Gefühle. Ginge es mir nur um Emotionen, könnte das leicht seicht herauskommen. 

 

Was halten Sie vom aktuellen Folk­rock-Revival?

Es gibt tatsächlich viele tolle Sänger und grossartige Musiker, aber ich höre keine Melodien und keine Texte, die wirklich herausragen. Wenn die Beatles einen Song veröffentlichten, konnte ihn jeder mitsingen. Er hatte eine Identität – und die fehlt momentan. Es ist sehr gesichtslose Musik.

 

Woran liegt das?

Ich denke, Rap hat den Sinn der Menschen für gute Musik bis zu einem gewissen Grad ruiniert. Man sollte Bussen dafür geben, was im Hip-Hop an Bullshit erzählt wird. Das ist meilenwert von subtilem oder zumindest solidem poetischem Handwerk entfernt! 

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