Ins Winterquartier auf Umwegen

Fischadler sind bei uns im Herbst regelmässig auf dem Durchzug zu beobachten. Einer dieser Vögel hatte vor seiner Entdeckung am Klingnauer Stausee bereits eine grössere «Odyssee» hinter sich.

(Bild: bh)

01. Oktober 2020
09:56

Am 7. September konnte Autor Beni Herzog am Klingnauer Stausee zusammen mit einer Gruppe von Ornithologen einen Fischadler beobachten. Dieser drehte zuerst einige Runden in grosser Höhe, flog dann im Tiefflug über den Stausee und hielt über dem Wasser rüttelnd Ausschau nach Fischbeute. Dabei gelangen einige schöne Flugaufnahmen und mehr noch – dank der geringen Flughöhe war es möglich, die Ringnummer auf den Fotos abzulesen. Der Vogel trug einen schwarzen Ring mit der Identifikation BT12  (Bild unten). Diese wurde an die Beringungszentrale der Schweizerischen Vogelwarte Sempach gemeldet, und bereits am nächsten Tag kamen die Informationen über den Fischadler «Black BT12» an den Beobachter zurück. Diese eröffneten eine fast unglaubliche Vorgeschichte.

 

  • (Bilder: bh)

 

Von Hiddensee nach Rheinsulz
Der junge Fischadler wurde am 24. Juni 2020 auf der Ostseeinsel Hiddensee (Bundesland Brandenburg) beringt. Irgendwann im Lauf des Sommers machte er sich von dort auf in sein Winterquartier im südlichen Afrika. Hierbei überflog er den Rhein und erspähte aus der Höhe das Fischergut in Rheinsulz bei Laufenburg. Die mit Forellen gefüllten Fischteiche übten wohl eine unwidersteh­liche Anziehungs­kraft auf den hungrigen Fischadler aus. Im Protokoll der Beringungszentrale fand sich jedenfalls der Hinweis, dass der Fischadler bereits am 18. August in Rheinsulz gefunden wurde. An diesem Morgen entdeckte Peter Kepa, Mitarbeiter des Fischerguts, bei einer Routinekontrolle den offenbar erschöpften Fischadler in einem der Teiche schwimmend. Er sprang beherzt ins Wasser und holte den Vogel ans Trockene. Die aufgebotene Polizei verständigte die Vogelwarte, und diese informierte die Greifvogelstation in Berg am Irchel. Ein Fahrer des Tierrettungsdienstes Zürich brachte den Fischadler in einer Holzkiste und mit einigen Forellen als Reiseproviant in die Greifvogelstation. «Der junge Fischadler war unverletzt», meinte deren Leiter Andi Lischke, «er war aber erschöpft und etwas ausgehungert. Vermutlich ist er zu tief in den Fischteich eingetaucht, wobei sich sein Flaumgefieder mit Wasser vollsog.» Wenn ihn der Mitarbeiter nicht gefunden hätte, wäre er möglicherweise ertrunken, da er sich nicht mehr selber aus dem Wasser erheben konnte, so wie dies routinierte Fischadler nach jedem Fischzug tun. Nachfolgend zwei Bilder der «Eintrittsuntersuchung» des Fischadlers.

 

  • (Bilder: zVg | PanEco)

 

In der Greifvogelstation wieder fit gemacht
Die Greifvogelstation Berg am Irchel gehört zur Umweltstiftung PanEco. Seit der Gründung 1956  ist ein weitherum anerkanntes Kompetenzzentrum für die Greifvogelpflege entstanden. Verletzte oder geschwächte Greifvögel und Eulen werden artgerecht und professionell gepflegt, bis sie wieder gesund genug sind, um in die Freiheit entlassen zu werden. Die langjährige Erfahrung der Station und die enge Zusammenarbeit mit dem Tierspital der Universität Zürich ermöglichen die grossen Pflegeerfolge der Greifvogelstation.

Auch Fischadler «Black BT12» wurde durch Andi Lischke und seine Mitarbeiter wieder fit gemacht und konnte in der grossen Voliere ein Flugtraining absolvieren. Wie bei vielen der Patienten wurde für ihn eine Greifvogel-Paten­schaft übernommen. Der Pate gab ihm zu Ehren seines Retters den – etwas persön­licheren – Namen «Peter». Nachdem feststand, dass er voll flugfähig war, konnte ihn sein Pate am 1. September im Naturschutzgebiet Thurauen in Anwesenheit vieler Zuschauer freilassen. Nachfolgend einige Bilder der Freilassung. Zuvor wurde Fischadler «Peter» nochmals gründlich untersucht.

 

  • (Bilder: zVg | PanEco)

 

Dass er am 7. September am Klingnauer Stausee nochmals entdeckt wurde, ist ein grosser Zufall. Es ist jedoch nicht ausserge­wöhn­lich, dass er noch in der Gegend weilte. Fischadler schalten manchmal auf dem Herbstzug längere Zwischenhalte ein, vor allem, wenn sie gute Nahrungsgründe finden und nicht durch eine Schlechtwetter­lage Richtung Süden getrieben werden. 


Fischadler (Pandion haliaetus)
… sind mittelgrosse und schlanke Greifvögel. Mit einer Flügelspannweite von rund 1,70 Meter sind sie etwa so gross wie ein Rotmilan. Sie wirken im Flug auffallend lang- und schmalflügelig und ähneln einer Grossmöwe. Die Weibchen sind wie bei vielen Greifvögeln grösser als die Männchen. Fischadler gehören nicht wie der Steinadler oder der Seeadler zur Gattung der echten Adler (Aquila), sondern bilden eine eigene Gattung (Pandion).

Eine ausführlichere Beschreibung des Fischadlers sowie über das Projekt zu dessen Wiederansiedelung in der Schweiz findet sich im Blogbeitrag vom 25. Sept. 2019.    


Greifvogelstation Berg am Irchel
Ein Rotmilan ist mit einem Auto kollidiert und nicht mehr flugfähig … ein Falke ist in eine Glasfront geflogen und abgestürzt … eine Eule hat sich in einem Stacheldraht verheddert und liegt nun blutend auf dem Boden. Situationen, mit denen man im Alltag jederzeit konfrontiert werden kann, so wie die vorangegangene Geschichte gezeigt hat. Wie soll man diesen Vögeln helfen? Die beste Anlaufstelle für  verletzte oder geschwächte Greifvögel und Eulen ist die Greifvogelstation in Berg am Irchel in der Nähe von Eglisau im Zürcher Unterland. Im Notfall wende man sich direkt an die Greifvogelstation unter 052 318 14 27 oder an den Tierrettungsdienst Zürich unter 044 211 22 22. Zuerst ist die Möglichkeit des Transports des verletzten Vogels abzuklären. Vorsicht bei grossen Greifvögeln vor Schnabel und Krallen, die Tiere können auch im verletzten Zustand recht wehrhaft sein! Weitere Informationen  zum Vorgehen finden sich hier.      

Die Greifvögel, die in die Greifvogelstation kommen, werden eingangs gründlich untersucht und medizinisch versorgt. Verletzte Vögel kommen in sichtgeschützte Pflegeboxen, damit sie ruhig sitzen, bis ihre Verletzungen verheilt sind. Danach kommen sie zusammen mit Artgenossen in die Flugvolieren. Dort stärken sie ihre Flugmuskeln, bis sie wieder als gesunde Wildvögel in die Natur entlassen werden. Jungvögel, die vor dem Flüggewerden aus dem Nest fallen, werden mit möglichst wenig Kontakt zum Menschen aufgezogen. Bis ihre Federn ausgewachsen sind, werden auch sie in den Pflegeboxen untergebracht. Dann kommen sie für erste Flugübungen in kleinere Flugkammern, bevor sie in die grosse Voliere versetzt werden. Die häufigsten Verletzungen bei Greifvögeln sind Brüche der Flügel- und Schulterknochen nach einer Kollision mit Fahrzeugen oder Fenstern. Diese Patienten werden im Tierspital Zürich geröntgt und bei Bedarf chirurgisch behandelt. Danach kommen sie zur vollständigen Genesung zurück in die Greifvogelstation, wo sie weiterbehandelt und gepflegt werden. Weitere häufige Verletzungen sind Hirnerschütterungen oder Fleischwunden. Seltener sind Vergiftungen zum Beispiel durch Jagdblei.


Mehr Infos unter www.greifvogelstation.ch oder www.paneco.ch.       


Der Wert der Beringung

  • Dank der Beringung wissen wir, wohin die Zugvögel ziehen. Von den meisten Arten sind heute die Herkunfts- und Zielgebiete sowie die Zugrouten bekannt
  • Dank der Beringung kennen wir die Gefahren, denen freilebende Vögel ausgesetzt sind.
  • Dank der Beringung hat man die Höchstalter der freilebenden Vögel bestimmen können.
  • Dank der Beringung wird der anonyme Vogel zu einem für die Verhaltensforschung erkennbaren Individuum mit einem persönlichen Lebensweg.
  • Dank der Beringung erfahren wir, wo sich Jungvögel später als Erwachsene niederlassen.
  • Dank der Beringung lassen sich Ein- und Auswanderung, Bruterfolg und Sterblichkeit von Vogelbeständen messen und erklären.

Mehr Infos zur Beringung finden sich hier.          


www.benifoto.ch        

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