Jetzt trommeln sie wieder

Gemeint sind hier nicht die Trommler an den vielen Fasnachtsumzügen, sondern die Spechte im Wald – sie sind zurzeit sehr aktiv.

Der Buntspecht ist der häufigste und bekannteste unter unseren Spechten
Der Buntspecht ist der häufigste und bekannteste unter unseren Spechten (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

14. März 2019
09:00

Wer im Vorfrühling im Wald unterwegs ist, wird früher oder später das Trommeln von Spechten vernehmen. Das Trommeln ersetzt bei Spechten den Gesang der Singvögel, es dient zum Anlocken des anderen Geschlechts und zur Reviermarkierung. Für ihre Darbietung wählen die Spechte meist einen dürren oder hohlen Ast mit guter Resonanz. Daher sind die Trommelwirbel recht weit herum zu hören. Manchmal benutzen sie auch metallische Resonanzkörper wie Dachrinnen oder Blechabdeckungen. Nicht alle Spechte trommeln gleich häufig. Am meisten zu hören ist der Buntspecht – er ist der häufigste und bekannteste unter unseren Spechten. Auch Klein- und Schwarzspecht sind «passionierte» Trommler, während Grün- und Grauspechte seltener und Mittelspechte fast nicht trommeln. Mit etwas Übung lassen sich die Trommelwirbel  der verschiedenen Spechtarten unterscheiden. So klingen etwa die verhaltenen, aber langen Trommelwirbel des Kleinspechts anders als die kurzen und heftigen «Salven» des Buntspechts.

  

Rasante Verfolgungsjagden im Wald

Die Spechte starten schon früh mit der Vorbereitung zum Brutgeschäft. Bereits ab Ende Dezember beginnen sie zu trommeln und ihre Reviere zu verteidigen. Im Februar und März sind die Spechte besonders aktiv, die Balzzeit ist in vollem Gang. Vor allem die Männchen von Bunt- und Mittelspecht sind sehr gereizt und aggressiv. Sie vertreiben einander aus ihren Revieren und liefern sich temperamentvolle Verfolgungsjagden zwischen den Bäumen. Hierbei kann es recht lautstark zugehen. Die Weibchen inspizieren in dieser Zeit die Reviere und Bruthöhlen der Männchen. Dabei geraten sie oft auch in die Streitereien der Rivalen und werden vertrieben. Erst ab Mitte März beruhigt sich die Szene langsam, die Paare finden sich und die eigentliche Brutzeit beginnt.

  

Wohnungsbau für andere Tiere

Spechte bauen immer mehrere Höhlen gleichzeitig, die sie als Schlaf- und Bruthöhle nutzen. Dabei entstehen viele «Altwohnungen», die von anderen Vogelarten verwendet werden. Diese haben nicht das geeignete Werkzeug, sprich einen starken Schnabel, um sich selber eine Nisthöhle zu meisseln. Typische Nachmieter von Spechthöhlen sind Meisen, Stare und Kleiber. Aber auch Siebenschläfer, Waldmaus und Fledermäuse bis zu hin zu Hornissen und Wildbienen schätzen das von den Spechten zur Verfügung gestellte Wohnungsangebot. Der Schwarzspecht baut die grössten Höhlen und erschliesst damit den Wald für andere grössere Höhlenbrüter wie Waldkauz, Hohltaube und Dohle sowie für den Baummarder.

  • Blaumeisen, Stare sowie andere Vögel und weitere Tierarten nutzen alte Spechthöhlen
    Blaumeisen, Stare sowie andere Vögel und weitere Tierarten nutzen alte Spechthöhlen

Gewinner und Verlierer

Den Spechten geht es insgesamt gut in unseren Wäldern. In einem geeigneten Spechthabitat, wie etwa dem Umiker Schachen oder dem Gippinger Grien, kann man mit etwas Glück alle sechs in unserer Region vorkommenden Spechtarten beobachten. Gemäss den neuen Erhebungen der Vogelwarte haben die Bestände von Bunt-, Mittel- und Kleinspecht sowie Schwarz- und Grünspecht schweizweit in den letzten 15 Jahren mehr oder weniger zugenommen. Das hat mit der verbesserten ökologischen Waldbewirtschaftung und dem vermehrten Alt- und Totholzanteil zu tun. Nur einer gehört zu den Verlierern: der Grauspecht hat Terrain eingebüsst und seine Rufe sind immer seltener zu hören.

Der vermehrte Alt- und Totholzanteil in unseren Wäldern hilft den Spechten

 

Spezielles zu den Spechten

Die richtigen Werkzeuge zum Klettern 

Spechte sind für ihr Leben auf und an den Bäumen bestens ausgerüstet. Sie verfügen über kurze, kräftige Beine und Kletterfüsse mit vier Zehen, zwei sind nach vorne gerichtet, zwei nach hinten. Eine Wendezehe kann je nachdem, ob der Vogel hinauf- oder hinunterklettert, gewendet werden. Keine Regel ohne Ausnahme: der Dreizehenspecht, eine Spechtart der Berggebiete, hat nur drei Zehen – wie es der Name sagt. Die nadelspitzen Krallen werden wie Steigeisen eingesetzt. Alle Spechte besitzen einen starken Stützschwanz mit besonders harten Federn. Dieser ist so etwas wie ein dritter Fuss, das gibt dem Specht am Stamm Sicherheit und Halt.

Kletterfüsse und Stützschwanz geben den Spechten am Stamm Sicherheit und Halt

 

Trommeln ohne Kopfschmerzen

Spechte setzen ihren kräftigen Meisselschnabel nicht nur beim Trommeln ein, sondern auch bei der Suche nach Käfern und Larven unter der Holzrinde sowie beim Bau von Nisthöhlen. Hierbei hacken sie kraftvoll auf das Holz ein und reissen Stück um Stück heraus. Dass sie dabei keine Kopfschmerzen kriegen, hat sie die Natur mit einigen Besonderheiten ausgestattet. Schnabelbasis und Kopf sind federnd miteinander verbunden, dazwischen liegt eine Knorpelschicht, die als Stossdämpfer dient. Die Schädeldecke ist besonders stabil und dick, um das Gehirn zu schützen. 

  

Spechtschmiede

Der Buntspecht ernährt sich während der wärmeren Jahreszeit hauptsächlich von Insekten und deren Larven, die er mit kräftigen Schnabelhieben unter der Borke hervorholt. Während der Winterzeit stellt er seine Ernährung um, er frisst dann vorwiegend Nüsse, Beeren und Samen. Dabei erscheint er auch mal am Winterfütterungsplatz für Singvögel. Für die Bearbeitung von Fichtenzapfen legt er eine sogenannte «Spechtschmiede» an. Er wählt eine geeignete Spalte in einem Ast oder arbeitet sie selber mit dem Schnabel nach. Dort kann er die Fichtenzapfen einklemmen, um die nahrhaften Fichtensamen mit dem Schnabel herauszuholen. Wenn hunderte geöffneter Fichtenzapfen unter einem Baum liegen, ist das ein sicheres Zeichen für die Arbeit des Buntspechts.

Für die Bearbeitung von Fichtenzapfen legt der Specht eine sogenannte «Spechtschmiede» an.

 

Woher kommt der Name Schluckspecht?

Diese Bezeichnung für eine Person, die gerne allzu viel Alkohol trinkt, hat folgenden Hintergrund: Im Frühjahr, wenn in den Baumrinden der Saft steigt, zapfen die Spechte die Saftbahnen an. Sie schlagen ringförmig angeordnete Löcher in den Baumstamm, man spricht daher von «Ringeln». Aus diesen quillt der Baumsaft heraus und den trinken sie. An warmen Tagen laufen bei Birken oder Ahorn ganze Ströme den Stamm hinab, diese sind süss wie Zucker. Übrigens mögen auch Eichhörnchen den Ahornzucker und eine ganze Reihe anderer Tiere finden sich zum «Trinkgelage» ein: Meisen, Sperlinge, verschiedene Insekten, sogar Hirsche trinken gelegentlich Ringelsaft. Der Baumsaft wird aber süss genossen, nicht vergoren. Geschichten von betrunkenen Spechten gehören daher eher ins Reich der Legenden.

  

Ein häufiger Irrtum ist es…

…dass das Trommeln bei der Nahrungssuche oder beim Bau der Bruthöhlen erzeugt wird. Zwar klopfen und hämmern die Spechte auch dann auf das Holz ein, aber es tönt ganz anders als das Trommeln.

 

 

Kurzporträts der sechs regionalen Spechtarten

Der Buntspecht (Dendrocopos major)…

…ist die häufigste und am weitesten verbreitete Spechtart der Schweiz. Er brütet von den Niederungen bis zur Waldgrenze, mit Schwergewicht in Lagen unter 1000 Metern.

Bestand in der Schweiz*: 70'000 – 90'000 Brutpaare, Trend stabil

Wichtigste Merkmale: Das Gefieder ist vorwiegend schwarz und weiss mit roten Unterschwanzdecken. Das Männchen ist am Hinterkopf karminrot, das adulte Weibchen ohne Rot am Kopf. Bei den Jungvögeln haben beide Geschlechter einen roten Scheitel.

Verhalten: Ausgesprochen wellenartiger Flug. Beide Geschlechter trommeln.

*gemäss Brutvogelatlas 2013-2016 der Schweizerischen Vogelwarte

 

Der Mittelspecht (Dendrocopos medius)…

…hat eine starke Bindung an totholzreiche Laubwälder mit alten Bäumen grobborkiger Arten. In Mitteleuropa beheimatet in Auenwäldern, Eichen- und Buchenwäldern in der Zerfallsphase sowie in artenreichen Laubmischwäldern mit lückigem Bestand. Früher auch in Hochstammobstgärten.

Bestand in der Schweiz*: 1700 – 2100 Brutpaare, Trend stark steigend, gilt aber noch immer als «potenziell gefährdet».

Wichtigste Merkmale: In Grösse und Färbung dem Buntspecht ähnlich. Vollständig roter Scheitel, zarte, dunkle Strichelung an der Seite und rosa Unterschwanzdecken. Beide Geschlechter sehr ähnlich.

Verhalten: Der Mittelspecht ist ein «Suchspecht». Die Zunge ist bedeutend länger und der Schnabel feiner als bei den Hackspechten. Trommelt nur selten. 

 

Der Kleinspecht  (Dendrocopos minor)…

…ist der kleinste europäische Specht und hat nur etwa die Grösse eines Sperlings. Besonders angetan haben es ihm Pappeln, Weiden und andere Laubbäume. Gerne haust er deshalb in Auenlandschaften, am Rand von Feuchtgebieten oder in Parks.

Bestand in der Schweiz*: 1500 – 3000 Brutpaare, Trend steigend, aber regional auch rückläufig z.B. in unserer Region, gilt als «nicht gefährdet».

Wichtigste Merkmale: Gefieder schwarz und weiss. Flügel und untere Rückenpartie gebändert, Flanken zart gestrichelt. Unterseite ohne Rot. Scheitel beim Männchen karminrot, beim Weibchen dunkel.

Verhalten: wie der Mittelspecht ein «Suchspecht». Zimmert aber seine Nisthöhlen selber, meistens in morschem oder totem Holz.

 

Der Schwarzspecht (Dryocopus martius)…

…braucht ausgedehnte Wälder, besonders in mittleren Höhenlagen, mit vielen alten, starken Stämmen. Beansprucht meist mehr als einen Quadratkilometer pro Brutpaar.

Bestand in der Schweiz*: 6000 – 9000 Brutpaare, Trend steigend, nicht gefährdet.

Wichtigste Merkmale: Grösste europäische Spechtart, etwa krähengross. Gefieder schwarz, Männchen mit rotem Scheitel, Weibchen mit rotem Genickfleck. Schnabel und Iris hell.

Verhalten: Rufe weit tragend. Flug im Gegensatz zu anderen Spechten nicht wellenförmig. Trommelt oft.

 

Der Grünspecht (Picus viridis)…

…lebt am Rand geschlossener Laub- und Mischwälder, im Bereich von Lichtungen, in Parkanlagen, Gärten und Feldgehölzen. Meidet dichte Nadelwälder. Ebenfalls in halboffener Kulturlandschaft mit Weiden, Wiesen und Hochstammobstgärten zuhause.

Bestand in der Schweiz*: 10'000 – 17'000 Brutpaare, langfristig zunehmend, nicht gefährdet.

Wichtigste Merkmale: Nach dem Schwarzspecht die zweitgrösste Spechtart Mitteleuropas. Gesamteindruck grün. Oberseite moosgrün, Bürzel gelbgrün, Unterseite graugrün. Leuchtend roter Scheitel. Schwarzer Bartstreif, beim Männchen mit rotem Zentrum. Wie schallendes Lachen klingender, lauter Ruf.

Verhalten: gehört zu den Erdspechten, d.h. er sucht seine Nahrung wie Ameisen vor allem am Boden. Trommelt selten

 

Der Grauspecht (Picus canus)…

…zählt strukturreiche und ausgedehnte Laubwälder wie Auen-, Eichen- und Buchenwälder zu seinen typischen Habitaten. Im Gegensatz zum Grünspecht besiedelt er überwiegend das Innere der Wälder. Er ist in seinen Habitatsansprüchen wesentlich anspruchsvoller als der Grünspecht.

Bestand in der Schweiz*: 300 – 700 Brutpaare, deutlich rückläufig, gilt in Roter Liste als «verletzlich». Es wird vermutet, dass der Grauspecht seinen Lebensraum langfristig in Richtung Nordosteuropa (Polen, Baltikum, Schweden) verlagert, wo seine Bestände zunehmen.

Merkmale: auf der Oberseite einheitlich matt olivgrün. Über den Nacken zum Kopf hin geht diese Färbung in ein helles Grau über, der Kopf wirkt hellgrau. Die Gesichts- und Scheitelzeichnungen sind klein und nicht sehr auffallend. Das Männchen hat einen kleinen roten Fleck im Stirnbereich.

Verhalten: gehört zu den Erdspechten, d.h. er sucht seine Nahrung vor allem am Boden. Trommelt selten.

 

Neben den beschriebenen Spechten gibt es in der Schweiz noch drei weitere Spechtarten, die aber in unserer Region nicht oder sehr selten vorkommen. Es sind (v.l.n.r) der Dreizehenspecht (nur in Berggebieten), der Weissrückenspecht (nur in Teilen Graubündens) und der Wendehals (nur als seltener Brutvogel und Durchzügler im nördlichen Mittelland).

www.benifoto.ch

Kommentare (2)

  1. Thomas
    Thomas am 03.04.2019
    Wie würde J. W. Goethe Dir, Beni, wohl danken? Etwa so: «Sie schwirrt und schwebet, rastet nie! Doch still, sie setzt sich an die Weiden. Da hab ich sie! Da hab ich sie! Und nun betrachte ich sie genau. So geht es Dir, Du teilst mit uns deine Freuden!»
    Antworten

    Neue Antwort auf Kommentar schreiben

  2. Maggie Desteffani
    Maggie Desteffani am 17.03.2019
    Wieder ein toller, lehrreicher Bericht und fantastische Fotos!
    Antworten

    Neue Antwort auf Kommentar schreiben

«Man muss auch Grösseres wagen»

Der Verein «inBrugg» hat jüngst mit einer Plakatkampagne Aufsehen erregt. Nun... Weiterlesen

«Der Abschied fällt nicht leicht»

Aus einer spontanen Ein­gebung wurde ein Herzensprojekt: Der Musiker Beda... Weiterlesen

gemeinde

KW 25 | 2019

Informationen zu den Öffnungszeiten an Fronleichnam, zur Kehrichtabfuhr vom 22.... Weiterlesen

gemeinde

KW 25 | 2019

Informationen zur Mahngebühr Steuern, zur Auszeichnung der Texaid für eine... Weiterlesen

gemeinde

KW 25 | 2019

Informationen zu Ehrendingen aus Social Media, zur Schulwegkampagne «Ich kann... Weiterlesen