Jungfalken blicken in eine hoffnungsvolle Zukunft

Turmfalken leben schon seit langer Zeit in der Nähe des Menschen und brüten heute auch gerne in Nistkästen. In Schinznach-Dorf hat ein Turmfalken-Paar fünf Jungvögel hochgebracht, die demnächst ausfliegen.

Schinznacher Turmfalken beim Kieswerk (Bilder: bhe)

24. Juni 2020
09:00

Der Brutplatz der Turmfalken auf dem Gelände des Kieswerks Amsler in Schinznach-Dorf ist nicht gerade das, was man gemeinhin als «idyllischen Ort» empfindet. Der Nistkasten ist an der blechverkleideten Wand eines Kiesaufbereitungsgebäudes in rund fünf Metern Höhe angebracht (siehe Bild unten). Wenn die Anlage in Betrieb ist, erzeugt sie einen ziemlichen Lärm. Auf der Zufahrtsstrasse vor dem Gebäude fahren die schweren Kies- und Beton­transporter praktisch im 5-Minuten-Takt ein und aus, was ebenfalls mit Lärm und Staub verbunden ist.

 

Die fünf fast flüggen Jungfalken im Nistkasten scheint das nicht im Geringsten zu stören. Im Gegenteil – von ihrer hohen Warte aus beobachten sie neugierig und interessiert das emsige Treiben um sie herum und folgen mit den Augen jeder Bewegung, sei es ein vorbeifahrender Caterpillar, ein am Nistkasten landendes Insekt oder ein unten vorbeigehender Mitarbeiter. So überbrücken sie die Wartezeit, bis ihre Eltern den nächsten Futterhappen vorbeibringen und lernen viel für ihr künftiges Leben. Die Anflüge der Altvögel laufen in dieser Phase der Brut sehr rasch ab. Eine tote Maus wird einfach in den Nistkasten geworfen, eine Heuschrecke in den erstbesten entgegengestreckten Schnabel gesteckt. Das war am Anfang nach dem Schlüpfen der Nestlinge nicht so. Da haben die Eltern die Beutetiere sorgfältig in schnabelgerechte Stücke zerlegt und an die Jungvögel verteilt.

  • «Flügelsalat» – bei den Anflügen der Altvögel, ganz links das Männchen, entsteht jeweils Unruhe im Nistkasten.
  • Das Weibchen verfüttert ein Heupferd.

Hauptsache viele Feldmäuse

Bei der Wahl des Brutplatzes spielt das Kriterium «hübsche Umgebung» eine eher untergeordnete Rolle. In erster Linie muss die Nahrungsverfügbarkeit in der Umgebung stimmen. Im Kulturland und im Umland des Kieswerks finden die Turmfalken genügend Feldmäuse – ihre Hauptnahrung – aber auch Eidechsen und grosse Insekten wie Heuschrecken, Käfer und Regenwürmer. Zwischendurch verschmähen sie auch Singvögel nicht, wenn sie diese erwischen. Als ehemalige Felsenbewohner bevorzugen Turmfalken hochgelegene Nistplätze. Sie haben schon früh die Nähe des Menschen gesucht und benutzten Mauernischen an Kirchtürmen, Burgen und hohen Gebäuden im Siedlungsraum als Brutplatz – daher ihr Name. Sie sind aber vielseitig und brüten auch auf Bäumen in verlassenen Krähen-, Elstern- oder Bussardnestern. Da moderne Wohnbauten wenige Nischen aufweisen, sind Turmfalken später auch auf andere Hochbauten wie Strommasten (siehe Bild unten), Kamine oder Industriebauten ausgewichen.

 

In den letzten Jahrzehnten haben Natur- und Vogelschutzvereine begonnen, spezielle Nistkästen für die Turmfalken bereitzustellen. Insbesondere Landwirte schätzen die Nähe der Turmfalken, da sie während der Brutzeit einen beträchtlichen «Verbrauch» an Feldmäusen haben. So sind Turmfalken-Nistkästen oft an Scheunen zu finden, viele werden während mehreren Jahren vom immer gleichen Brutpaar benutzt. Turmfalken erreichen übrigens bei guten Bedingungen ein Alter von bis zu 18 Jahren.

 

Seit 2005 erfolgreich gebrütet

Für eine solche langjährige Erfolgsgeschichte steht auch der Nistkasten auf dem «Amsler-Gelände». Vor 15 Jahren rüstete der Natur- und Vogelschutzclub Bözberg (NVSC) in Sachen Nistmöglichkeiten für Turmfalken in der Region Bözberg-Schinznach auf. Hierbei wurde auch der Nistkasten beim Kieswerk Amsler in Schinznach-Dorf aufgehängt. Verantwortlich war damals NVSC-Mitglied Claudia Müller, wohnhaft in der Region und heute wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Vogelwarte Sempach. Sie ist es auch, die seit 2005 alle Jungvögel von diesem und anderen Falken-Nistkästen des Vereins beringt – das war beim «Amsler-Nistkasten» praktisch jedes Jahr der Fall. Auch in diesem Jahr hat das «Schinznacher Turmfalkenpaar» wiederum erfolgreich gebrütet und kann demnächst fünf gesunde Jungfalken in eine hoffnungsvolle Zukunft schicken. 

  • Die Jungfalken trainieren ihre Flügel am Nistkastenrand, dabei wird auf die Geschwister wenig Rücksicht genommen.

Der Turmfalke (Falco tinnunculus)

… ist der häufigste Falke in Mitteleuropa. Vielen ist der Turmfalke vertraut, da er sich Städte und Siedlungen als Lebensraum erobert hat und oft beim Rüttelflug zu beobachten ist. Der Turmfalke gehört zur Familie der Falken (Falconidae). Weitere verwandte Arten sind Rötelfalke, Merlin, Rotfussfalke, Baumfalke, Eleonorenfalke und Wanderfalke.

Männchen und Weibchen unterscheiden sich optisch. Adulte Männchen (siehe erstes Bild in der Galerie unten) haben einen hellgrauen Kopf und einen rotbraunen Rücken mit kleinen dunklen Flecken. Der Schwanz ist ebenfalls hellblaugrau mit einer schwarzen Endbinde. Die Unterseite des Körpers ist gelblich mit Längsstreifen und kleinen dunklen Tropfenflecken. Beim Weibchen (siehe zweites Bild in der Galerie unten) sind Kopf, Rücken und Schwanz rostbraun gefärbt mit dichter dunkler Fleckung und Querbänderung. Die Körperunterseite ist stärker gefleckt als beim Männchen.

Der Turmfalke ist rund 35 Zentimeter gross und gehört damit zu den kleinen Greifvögeln. Seine Spannweite beträgt 75 Zentimeter. Im Flug sind die Vögel an ihren langen spitzen Flügeln zu erkennen und natürlich an ihrem charakteristischen Rüttelflug, bei dem der Falke eine Zeit lang über einem bestimmten Ort in der Luft «steht» (siehe Bild unten). Kopf und Augen sind dabei praktisch fixiert und er sucht den Boden nach Beutetieren ab. Diese Flugform, bei der der Vogel heftig mit den Flügeln schlägt, ist energetisch aufwendig. Im Volksmund wird er deswegen häufig als «Rüttelfalk» bezeichnet.

 

Der wissenschaftliche Name Tinnunculus bedeutet «schellend, klingend» und hängt mit den charakteristischen «kikikikiki»-Rufreihen zusammen, die er vor allem im Flug ausstösst. Turmfalken ernähren sich vorwiegend von Feldmäusen und anderen Wühlmäusen. Durch die Spezialisierung entsteht eine Abhängigkeit vom Beutevorkommen. Die Bestände der Feldmäuse schwanken von Jahr zu Jahr beträchtlich, in manchen Gebieten gehen sie aufgrund der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsmethoden stark zurück. Vor allem in Zeiten, in denen Mäuse rar sind, erbeuten Turmfalken im schnellen Sturz- oder Verfolgungsflug auch kleinere Vögel. Darüber hinaus stehen Eidechsen und Insekten, vor allem Käfer und Heuschrecken, und gelegentlich Regenwürmer auf der Speisekarte. Die Zusammensetzung ihrer Nahrung lässt sich gut untersuchen, da Turmfalken, wie alle anderen Greifvögel, unverdauliche Reste der Beute im Magen zu Gewöllen zusammenpressen und dann ausspeien.

 

Turmfalken sind nicht wählerisch,…

… was ihren Lebensraum betrifft. Als ursprünglicher Felsbewohner zählt er zu den Gewinnern der Urbanisierung. Türme, hohe Häuser und Scheunen haben ihm einen zusätzlichen Lebensraum eröffnet. Da er auch viele andere Lebensraumtypen besiedeln kann, ist der Turmfalke in der Schweiz und in ganz Europa relativ häufig anzutreffen. Der einzige Lebensraum, der ihm nicht zusagt, sind dichte Wälder. Zum Jagen benötigt der Turmfalke offene Flächen mit niedriger Vegetation. Im Gebirge kommt er bis in Höhen über 2000 Metern über Meer vor. Die höchsten Nester wurden oberhalb Grimentz VS auf 2850 Metern über Meer gefunden.

Turmfalken sind bereits nach einem Jahr geschlechtsreif. Im Spätwinter oder zeitigen Frühjahr besetzen sie das Brutrevier, das häufig auch als Winterrevier gedient hat. Ein Paar bleibt zumeist ein Leben lang zusammen. Wenn als Brutplatz nicht ein vorhandenes Nest genutzt wird, begnügt sich der Turmfalke mit einer kleinen Mulde, aus der die Eier nicht wegrollen können. Das Weibchen legt zwischen Mitte April und Mitte Mai vier bis sechs Eier und brütet 29 Tage lang. Nachdem die Jungen geschlüpft sind, werden sie gut vier Wochen lang gefüttert. Nach dem Verlassen des Nestes werden sie noch weitere vier Wochen von den Eltern begleitet und gefüttert. Danach verlassen sie ihren Geburtsort und suchen sich ein eigenes Revier.

 

Verwandte Arten

Zwei verwandte Arten des Turmfalken in Mitteleuropa sind der Wanderfalke und der Baumfalke.

Der Wanderfalke (erstes Bild in der Galerie unten) zählt zu den grössten Vertretern der Falken-Familie und ist mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu 320 Kilometern pro Stunde das schnellste Tier des Planeten. Mit dieser Geschwindigkeit ist er ein sehr effizienter Vogeljäger. Der Wanderfalke ist ein Kosmopolit und die am weitesten verbreitete Vogelart der Welt.

Der Baumfalke (zweites Bild in der Galerie unten) erinnert mit seinem eleganten Körper und seinen sichelförmigen Flügeln an einen übergrossen Mauersegler. Er ist ein sehr gewandter Luftjäger. Im rasanten Sturzflug stösst er auf fliegende Vögel, überrascht die Beute im niedrigen Jagdflug oder erbeutet spielend Grossinsekten, die er gleich im Flug verzehrt.

Kiesgruben – wertvoller Lebensraum für Uferschwalben

Die Uferschwalbe ist die kleinste der vier bei uns brütenden Schwalbenarten. Ursprünglich nisteten sie in steilen Uferwänden von Flüssen, wo sie ihre über einen Meter langen Brutröhren ins sandige Material graben. Durch die Korrektur der Fliessgewässer gingen die meisten natürlichen Uferwände verloren. Die Uferschwalben wichen auf Kiesgruben aus, wo sie in den sandigen Schichten einen Ersatz fanden. Die neuste Entwicklung sind künstliche aus Sand aufgeschüttete Brutwände. Eine der bekanntesten im Aargau befindet sich auf dem Gelände des Kieswerks Heinrich Müller in Stetten. BirdLife hat gemeinsam mit dem Aargauer Kiesverband ein Uferschwalben-Projekt lanciert. Es entstanden neue Brutwände in Nesselnbach und Tegerfelden auf dem Gelände bestehender Kiesgruben sowie weitere in Rheinfelden, Zeiningen und am Chly Rhy bei Rietheim. Dadurch konnte die Anzahl der Brutröhren seit 2010 fast verdoppelt werden. Die Beobachtung des Fütterungsbetriebs (siehe Bild unten) bei diesen Brutwänden in den Monaten Juni bis August ist ein wunderbares Spektakel. Die Brutwand beim Chly Rhy war im letzten Jahr erstmals besetzt, aber gleich mit 245 Brutröhren – ein Riesenerfolg!

www.benifoto.ch

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Kommentare (5)

  • Maggie
    Maggie
    vor 5 Tagen
    Wie immer ein sehr spannender Bericht und super tolle Bilder.
    Vielen Dank :-)
  • Maggie
    Maggie
    vor 6 Tagen
    Wie immer ein sehr spannender Bericht und super tolle Bilder.
    Vielen Dank :-)
  • Heidi Gloor
    Heidi Gloor
    vor 6 Tagen
    Lieber Beni, liebe Edith. Einmal mehr habt ihr uns mit eurem Teamwork die Natur auf eindrücklichste Art näher gebracht. Die drei Falken erinnern mich an die Kinder am Strassenrand: zuerst nach links, dann nach rechts schauen... kein Auto, d.h.Flugbahn frei – also starten! Solche Bilder gibts nur mit Benis toller Kamera. Vielen Dank.
  • ritanna
    ritanna
    vor 1 Woche
    Enorm spannend, dies zu lesen und zu verfolgen. Wir haben die Safari vor unserer Haustür. Danke den Menschen, die dies ermöglichen und uns daran teilhaben lassen.
  • Senn Margrit
    Senn Margrit
    vor 1 Woche
    Lieber Beni, wie gewohnt ein wunderbarer Beitrag und super Fotos. Es ist immer wieder spannend, Deine Beiträge zu lesen. Ich habe schon so viel erfahren, was ich ohne deine Beiträge nicht wüsste. Freue mich immer wieder .

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