Meister Adebar logierte in Veltheim

In der Vorweihnachtszeit tauchte in Veltheim eine Gruppe von elf Weissstörchen auf. Je länger, desto mehr verbringen die ehemals konsequenten «Afrika-Reisenden» den Winter in Spanien oder sogar in Mitteleuropa.

Feld in Veltheim: Störche versammeln sich zur Nahrungssuche. (Bilder: bhe)

30. Dezember 2020
18:23

Die Störche wurden erstmals am 14. Dezember auf den Feldern zwischen dem Dorf und dem Schwimmbad Schinznach gesichtet und blieben bis zum Weihnachtstag. In der Abenddämmerung flogen die Vögel dann gemeinsam Richtung Dorfzentrum und verbrachten die Nacht auf dem Dach der Kirche Veltheim oder der 5G-Antenne des Hochhauses. Beim ersten Morgenlicht ging es zurück zur Nahrungssuche auf die Felder. Vielen Leuten im Dorf fiel die Gruppe auf, und es tauchten Fragen auf: «Warum sind die Störche mitten im Winter hier, ist es nicht zu kalt für sie? Warum sind sie nicht in den Süden gezogen? Woher kommen diese Störche?»

Tatsächlich müssten Weissstörche im Dezember längst in ihren Überwinterungsgebieten in Afrika sein. Als typische Langstreckenzieher verlassen sie schon im Spätsommer ihre Brutgebiete, fliegen entweder westlich ums Mittelmeer über die Meerenge von Gibraltar und überwintern in Westafrika südlich der Sahel­zone. Wenn ihre Brutgebiete mehr im östlichen Europa liegen, wählen sie die Route über den Balkan und den Bosporus mit Ziel Südostafrika. Doch Zugvögel können ihr Zugverhalten im Laufe der Jahre ändern, beispielsweise weil sie sich dem verändernden Klima anpassen oder weil sie sich günstigere Nahrungsquellen erschliessen konnten. So endet der Zug vieler Weissstörche heute bereits in Spanien, wo sie in offenen Mülldeponien reichlich, wenn auch nicht immer artgerechte Nahrung finden, um den Winter zu überstehen. Auch Amerikanische Sumpfkrebse in den spanischen Reisfeldern gehören zu ihrer Winternahrung.


Immer mehr Störche verbringen den Winter bei uns
Der nächste Anpassungsschritt ist, dass immer mehr Störche durch die milderen Winter oder aufgrund von Fütterungen durch den Menschen ganzjährig in Mitteleuropa bleiben. In den tieferen Lagen des Mittellandes bleiben die Böden oft bis auf wenige Tage frostfrei. Das ermöglicht es den Störchen, nach Regenwürmern zu stochern, welche im Winter einen Grossteil ihrer Nahrung ausmachen. In der warmen Jahreszeit fressen sie auch Frösche, Eidechsen, Krebse, Grossinsekten oder Mäuse. Dank der Verfügbarkeit von genügend Winter­nahrung überwintern seit ein paar Jahren regelmässig  fünfzig bis hundert Weissstörche am Flachsee bei Rottenschwil. Das hat wohl auch die Gruppe in Veltheim in den milden Dezembertagen vor Weihnachten dazu bewogen, dort eine Rast einzulegen. Bei einem Kälteeinbruch ziehen die Störche einfach ein Stück weiter südwärts oder an einen Ort, wo sie einen Fütterungsplatz kennen.


Adebar – Glücksbringer und Fruchtbarkeitssymbol
Störche so kurz vor dem Jahreswechsel sind eigentlich für uns Menschen ein gutes Omen, gelten sie doch vieler­orts als Glücksbringer. In der Fabel wird der Storch als «Adebar» bezeichnet, was im übertragenen Sinn «Träger des Glücks» bedeutet. Neben seiner Rolle als Kinder bringender Klapperstorch  wurde er seit der Antike als Botschafter der Fruchtbarkeit von einigen Völkern vergöttert und geschützt. Selber ein Glücks­bringer, hatte der Storch jedoch nicht immer nur glückliche Zeiten. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Weissstorch überall in Mitteleuropa ein verbreiteter Brutvogel. Die Trockenlegung von Feuchtge­bieten, die Umwandlung von Wiesen in Felder, der Einsatz von Schädlings­bekämpfungsmitteln und der Jagd­druck in den Durchzugs- und Winterquartieren haben ihm stark zugesetzt. Nachdem der Weissstorch Anfang der 50er- Jahre in der Schweiz praktisch ausgestorben war, startete der legendäre «Storchenvater» Max Blösch in Altreu SO ein Wiederansiedlungsprojekt. Daraus entstanden überall im Land wieder stabile Brutpopulationen. Mehr als 400 Paare brüteten im Jahr 2016 auf Bäumen, Gebäuden, Leitungsmasten oder künstlichen Nistplattformen – eine Erfolgsgeschichte –, und auch in anderen europäischen Ländern gab es ähnliche Entwicklungen.


Und woher kamen die Veltheimer Störche?
Am Weihnachtstag konnte der Schreibende die Ringnummern ablesen und an die Ringzentrale der Vogelwarte übermitteln. Wegen der Feiertage erfolgte aber noch keine Rückmeldung, woher die Störche kommen respektive wo sie beringt wurden. Interessant in diesem Zusammen­hang: Auf der Meldeplattform ornitho.ch der Vogelwarte hat ein Beobachter am 26. Dezember in der Nähe von Altreu eine Gruppe von 11 Weissstörchen gemeldet…

  • Zur Nahrungssuche hielten sich die 11 Weissstörche auf dem Feld zwischen dem Dorf und dem Schwimmbad Schinznach auf.
  • Beim Einnachten traf sich ein Teil der Störche auf dem Kirchdach von Veltheim.
  • Im Flug sind die Merkmale des Weissstorchs gut erkennbar: überwiegend weisses Gefieder, schwarze Schwungfedern, kräftiger roter Schnabel und rote Beine. Er fliegt immer mit ausgestrecktem Hals.
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