«James Brown liess seine Wut an mir aus»

Schlagzeuger Bernard «Pretty« Purdie (77) hat für Legenden wie Miles Davis und James Brown gespielt. Nun spielt er am 34. «JazzAscona».

Bernard Purdie
Bernard Purdie (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

12. Juni 2018
09:45

Sie treten bald zum 3. Mal in Ascona auf. Verbinden Sie damit besondere Erinnerungen?

Bernard «Pretty» Purdie: Ich freue mich schon, da wir jedes Mal viel Spass hatten und weil die Unterbringung im Hotel Ascona, von dem ich immer noch jede Weihnachten einen schönen Wandkalender bekomme, ausgezeichnet war. 

 

Sie sind eine sehr vielseitiger Musiker. Was kann das Publikum diesmal von Ihnen erwarten?

Viel Soul und R&B und es wird ziemlich funky sein! (Lacht) Die Band ist eingespielt und wir haben ein grosses Repertoire. 

 

Sie werden für Ihr Lebenswerk mit dem Ascona Jazz Award ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen solche Preise?

Es ist toll, dass die Leute immer noch schätzen, was ich mache. Aber vor allem bin ich dankbar, dass ich weiter machen kann, was ich liebe. Ich geniesse mein Leben in meinem fortgeschrittenen Alter sogar mehr als früher und spiele noch mehr live. Ich werde dieses Jahr in einem Dutzend Ländern auftreten. 

 

Ärgert es Sie, dass jemand wie Sie nie einen Grammy erhalten hat?

Ich finde es schade, aber mir ist auch bewusst, dass manche Künstler aus Gründen übersehen werden, über die ich mich nicht weiter auslassen möchte. Die Zeit, in der ich darüber gekränkt war, habe ich weit hinter mir gelassen. 

 

Hängt es auch damit zusammen, dass die Bedeutung des Schlagzeugers oft unterschätzt wird?

Das ist wahr. Aber ich mag meinen Beruf und meine Position trotzdem. Meine Aufgabe ist es, jedem in der Band das zu geben, was er braucht und ihn gut aussehen lässt. Wenn ich meinen Job erledigt habe, kann ich schauen, was für ein Level ich selbst als Solist erreiche. So ist mir das beigebracht worden. Und so habe ich im Laufe meiner Karriere mit etwa 2500 Musikern zusammengearbeitet.

 

Sie sind das 11. von 15 Geschwistern. Hatten Sie zuhause eine Big Band?

Nein, sechs meiner Geschwister habe ich nicht einmal kennengelernt. Ich habe aus eigenem Antrieb Schlagzeug zu spielen begonnen - mit drei Jahren auf den Töpfen und Pfannen meiner Mutter! Drei Jahre später kaufte sie ich ein neues Set und sagte mir: «Das sind jetzt ganz allein meine, die verbeulten kannst du behalten!»

 

Haben Sie sich alles selbst beigebracht?

Meine Mutter hatte kein Geld für einen Schlagzeug-Lehrer, aber glücklicherweise gab es einen um die Ecke. Mir blieb nichts anderes übrig, als daneben zu sitzen, zuzuschauen und zuzuhören, wenn er andere Schüler unterrichtete.

 

War für Sie immer klar, dass Sie bei den Drumsticks bleiben würden (stick with the sticks)?

Für mich schon, aber mein Musiklehrer an der Highschool zwang mich, zusätzlich Trompete und Querflöte zu lernen. Es war ein Desaster! Später habe ich begriffen, dass es ihm nur darum ging, dass ich mir auch Musiktheorie aneignete. Dank ihm kann ich heute auf der ganzen Welt Vorlesungen halten sowie Seminare und Masterclasses geben. 

 

Die einen schreiben, Sie wären 1939 geboren worden, die anderen 1941. Was stimmt?

Ich bin erst 77! (Lacht) Die widersprüchlichen Angaben haben damit zu tun, dass man 1961, als ich nach New York kam, dort mindestens 21 Jahre alt sein musste, um eine Lizenz zu bekommen, mit der man in Nachtclubs auftreten durfte. Der Vizepräsident der Künstlergewerkschaft ging mit mir zur zuständigen Amtsstelle und übernahm das Reden für mich. Er behauptete, ich wäre schon 22.

 

Sie haben in den Seventies mehrere Jahre mit Aretha Franklin gearbeitet. Was macht sie sie so speziell?

Ihre Stimme, ihre Interpretation, ihr Klavierspiel – diese Frau ist in jeder Hinsicht einzigartig. Bei ihr geht es ums Gefühl, aber auch um eine positive Einstellung. Tu, was du tun musst, aber halte dich an die Regeln – oder noch bessser: ändere die Regeln, damit du das tun kannst, was zu dir passt. Das macht dich unvergleichlich.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit so schwierigen Charakteren wie James Brown und Miles Davis gemacht?

James Brown war sehr perfektionistisch. Trotzdem machte auch er Fehler, aber was er nie tat, war Fehler zuzugeben. Lieber liess er seine Wut an den Musikern aus, einmal auch an mir. Er gab mir die Schuld und belegte mich noch auf der Bühne mit einer Strafe von 25 Dollar, was einem Fünftel meines Einkommens entsprach. Ich wehrte mich, warnte ihn, dass ich in zwei Wochen weg bin, wenn er sie nicht zurücknimmt, doch er beharrt auf ihr. Als ich zwei Wochen später meine Drums aus dem Tourbus holte und ging, fiel er aus allen Wolken. 

 

Stimmt es, dass Sie die Hamburger Aufnahmen der Beatles mit Tony Sheridan für den amerikanischen Markt überarbeiteten?

Ich habe im Auftrag von ihrer Plattenfirma 21 Tracks repariert, von denen ich nicht wusste, von welcher Band oder aus welchem Studio sie stammten. Ich habe einfach diesen Job gemacht, den ich drei Jahre bei Les Paul, dem Erfinder der Mehrspur-Tonaufnahme, gelernt hatte. Später hat man mich öfters bedroht, weil die Fans es nicht für möglich hielten, dass einer, der «schwarze Eier» hat, wirklich die Aufnahmen ihrer Idole verbessert hatte. Ich kam in der Branche vorübergehend auf eine schwarze Liste, weil ich das ausgeplaudert hatte. Darum spreche ich eigentlich gar nicht mehr darüber ...

 

Woher kommt eigentlich der Spitzname «Pretty»?

Zu Beginn meiner Laufbahn konnten viele meinen Nachnamen nicht aussprechen und nannten mich deshalb Bernard Pretty! (Lacht) 

 

Bernard «Pretty» Purdie tritt vom 28. bis 30. Juni mit seiner R&B-Soul-Funk-Band und dem Sänger und Bassisten Roy Bennett als Special Guest am 34. «JazzAscona» auf und wird am 30. Juni mit «JazzAscona» Award ausgezeichnet.

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