Jöh, es Eichhörnli…

…das ist meist unsere Reaktion, wenn wir eines entdecken. Eichhörnchen gehören zu den Sympathieträgern unter den Tieren. Wir Menschen haben sie ins Herz geschlossen.

Beliebte Eichhörnchen
Beliebte Eichhörnchen (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

07. Februar 2019
09:00

Winterzeit bedeutet für viele Tiere Ruhezeit. Kleinsäuger wie Igel, Siebenschläfer oder Murmeltiere machen einen Winterschlaf. Sie reduzieren Herzfrequenz und Temperatur auf das absolute Minimum, zehren dabei von ihren Energievorräten in Form von Körperfett und dämmern im Tiefschlaf dem Frühling entgegen. Eichhörnchen dagegen halten nur eine Winterruhe. Sie schlafen viel und schränken ihre Aktivitäten stark ein. Dennoch verlassen sie auch im Winter fast täglich ihr Schlafnest, den sogenannten Kobel, um auf Nahrungssuche zu gehen. Ihre Strategie ist es, Wintervorräte anzulegen. Wie der Eichelhäher, ihr «Verwandter» unter den Vögeln, sammeln Eichhörnchen im Herbst verschiedene Baumsamen wie Bucheckern, Hasel- und Walnüsse, aber auch Tannen- und Kiefernzapfen. Sie verstecken diese als Nahrungsdepots im Boden im weiteren Umkreis ihres Kobels. Dadurch erfüllen sie eine wertvolle ökologische Funktion, indem sie zur Ausbreitung dieser Baumarten beitragen. In der Forstwirtschaft wird dies als «Versteckausbreitung» bezeichnet. Eichhörnchen – wie Eichelhäher – finden oder nutzen immer nur einen Teil der versteckten Samen und Nüsse. Die übrigen treiben im Frühling aus an Orten, wo sie ohne die «tierische Unterstützung» nicht hingelangen. Die Versteckaus­breitung ist genauer beschrieben im Beitrag über den Eichelhäher. Übrigens: Im Gegensatz zum Eichelhäher fressen Eichhörnchen keine Eicheln, da diese für sie unverträgliche Gerbstoffe enthalten. 

Vom Wald in die Siedlungen

Ab und zu erscheinen Eichhörnchen auch an den Winterfütterungsplätzen für Singvögel. Mit viel Geschick und akrobatischen Einlagen machen sie sich über die Sonnenblumenkerne im Futterhäuschen her oder holen sich ihren Anteil von Meisenknödeln. 

Daher sind Eichhörnchen im Winter öfters zu beobachten. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass sie von ihrem ursprünglichen Lebensraum, dem Wald, immer mehr in den Siedlungsraum kommen – ein Phänomen, das bei vielen Tierarten zu beobachten ist. Hier finden sie oft bessere Nahrungsbedingungen und sind sicherer vor ihren natürlichen Fressfeinden, namentlich Fuchs, Baummarder, Habicht und andere Greifvögel. Menschliche Siedlungen sind aber alles andere als nur eichhörnchenfreundlich. Hier treffen sie auf neue Fressfeinde wie Hauskatzen und Hausmarder. Allzu viele enden auch auf viel befahrenen Strassen.

 

Eichhörnchen geniessen unsere Sympathie

Gefahr droht den Eichhörnchen jedoch aus den eigenen Reihen. Das vom Menschen aus Nordamerika eingeschleppte Grauhörnchen stellt eine mögliche Bedrohung für die bei uns vorkommenden Eurasischen Eichhörnchen dar. Amerikanische Grauhörnchen sind grösser und kräftiger. Sie tragen zudem ein Pockenvirus in sich, eine Ansteckung verläuft für die europäischen Eichhörnchen tödlich. In Grossbritannien haben die «Amerikaner» die «Europäer» vielerorts verdrängt – und das nicht erst seit dem Brexit. Hierzulande ist das Problem noch weit weg und es ist fraglich, ob Grauhörnchen jemals den Weg in die Schweiz finden werden. Das Thema wurde in einer «Netz Natur»-Sendung ausführlich behandelt.

Bei den Menschen geniessen Eichhörnchen uneingeschränkte Sympathie. Mit ihren grossen Haarbüscheln an den Ohren, die sie übrigens nur in der Winterzeit tragen, sowie mit ihrem treuherzigen Blick haben wir sie einfach ins Herz geschlossen. Verletzte Tiere werden oft in spezielle Eichhörnchen-Pflegestationen gebracht – ein Privileg, das nur wenige andere Wildtiere geniessen. Oft fallen junge Eichhörnchen aus dem Nest. Solche Tiere können in eine Pflegestation gebracht werden, wo sie liebevoll aufgezogen werden. Aber Vorsicht: immer zuerst beobachten, ob die scheinbar verwaisten Jungtiere von der Mutter zurückgeholt werden. Findet man ein ausgewachsenes, verletztes Tier, ist ebenfalls Vorsicht geboten, denn Eichhörnchen können kräftig zubeissen, wenn sie verängstigt sind. Zum eigenen Schutz sollte man wenn möglich Arbeitshandschuhe anziehen. Pflegestationen finden sich beispielsweise in Buttwil und in Bülach.

 

Das Eurasische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris)…

…ist der einzige natürlich in Mitteleuropa vorkommende Vertreter aus der Gattung der Eichhörnchen und wird zur Unterscheidung von anderen Arten wie dem Kaukasischen Eichhörnchen (Sciurus anomalus) und dem in Europa eingebürgerten Amerikanischen Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) auch als Europäisches Eichhörnchen bezeichnet. Die Färbung variiert zwischen braun, schwarz, grau und meistens rötlich. Die Kopfrumpflänge beträgt 20 bis 25 Zentimeter. Der buschige Schwanz ist 15 bis 20 Zentimeter lang. Er dient beim Klettern als Balancierhilfe und beim Springen als Steuerruder. 

  • Vergleich Europäisches Eichhörnchen…
    Vergleich Europäisches Eichhörnchen…
  • …und Kaukasisches Eichhörnchen (aufgenommen in Lesbos, Griechenland)
    …und Kaukasisches Eichhörnchen (aufgenommen in Lesbos, Griechenland)

Ursprünglicher Lebensraum des europäischen Eichhörnchens ist der Wald. Sie leben heute auch in Siedlungen und sogar in Parkanlagen von Städten, wo sie Baumalleen und Baumreihen als «Verkehrswege» benutzen. Eichhörnchen sind perfekt an die Lebensweise auf Bäumen angepasst. Ihre Kletterkünste sind legendär, leichtfüssig «schweben» sie in der Horizontalen und in der Vertikalen. Ihr Universum sind die Baumkronen, wo sie sie ihre Nahrung in Form von Baumsamen, Nüssen und Beeren, aber auch Baumrinde und Pilze (erstes Bild in folgender Bildergalerie) finden. Hier bauen sie ihr Schlafnest, den  Kobel. Dieser wird aus kleinen Ästen und Zweigen erstellt und mit Moos und Gräsern vom Waldboden gut ausgepolstert. Den Winter verbringen Eichhörnchen im Kobel, manchmal allein, manchmal auch in kleinen Gruppen, zum Beispiel junge Geschwisterpaare. Die europäischen Eichhörnchen können kaum Körperfett ansetzen. Ein warmes Winterquartier ist enorm wichtig, der gut isolierte Kobel schützt vor dem Erfrieren.

Im Winter leben Eichhörnchen von ihren im Herbst versteckten Futtervorräten. Krähen und Eichelhäher beobachten sie dabei und plündern gerne ihre Verstecke. Im Februar knabbern Eichhörnchen an den Nadeln von Fichtenzweigen, die eine schnelle Energiequelle darstellen. Aber auch Samen von Fichtenzapfen sind in dieser Zeit besonders beliebt (zweites Bild in folgender Bildergalerie).

Verfolgungsjagden und Paarläufe

Bereits im Spätwinter kommen die Eichhörnchen in Paarungsstimmung. Spezielle Duftstoffe (Pheromone) eines Weibchens locken die Männchen an. Diese jagen sich in wilden Verfolgungen um die Baumstämme herum und bis in die äussersten Zweige der Bäume. Jeder versucht, dem Weibchen nahe zu sein und die andern Männchen abzudrängen. Derjenige, der das Rennen macht, jagt nun hinter dem Weibchen her. Erst das führt zum Eisprung und zur Paarungsbereitschaft des Weibchens. Diese «Paarläufe» können zwei bis drei Stunden dauern.

Nach etwa 40 Tagen bringt das Weibchen im Kobel bis zu sieben Junge zur Welt. Spätestens dann wird es das Männchen nicht mehr in seiner Nähe dulden, denn Eichhörnchen sind Einzelgänger. Junge Eichhörnchen wiegen keine 20 Gramm. Geboren werden sie haarlos, die Augen öffnen sich nach etwa einem Monat, sie sind in dieser Zeit völlig wehrlos. Geht die Mutter auf Futtersuche, versteckt sie die Kleinen im Nestmaterial. Bei Gefahr durch Nesträuber, beispielsweise Baummarder, Krähen oder Schlangen, platziert die Eichhörnchen-Mutter ihre Jungtiere oft in einen Ersatzkobel um. Dabei darf nicht vergessen werden, dass auch Eichhörnchen gelegentlich die Nester von Singvögeln ausrauben und sowohl Eier als auch Jungvögel gerne verspeisen.

www.benifoto.ch

Kommentare (1)

  1. Thomas
    Thomas am 09.02.2019
    Lieben Dank Beni. Einfach so gut, wie Du das immer wieder beschreibst. Haben in Kanada die Eichhörnchen auch in den abgelegensten Orten gefüttert - mit Bananen verführt man diese Tiere im Nu.
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