Osterhase im Schenkenbergertal gesichtet

Video | Osterhasen müssen schnell unterwegs sein, um alle wartenden Kinder mit Schoggihasen und -eiern beliefern zu können. Zum Ostersymbol wurden die Hasen wegen ihrer Fruchtbarkeit.

Osterhase entdeckt
Osterhase entdeckt (Bilder: bhe)

15. April 2020
09:00

Kurz vor Ostern auf Vogelbeobachtungstour in den Rebbergen im Schenkenbergertal. Auf einer extensiv genutzten Hangwiese tauchen zwischen den Hecken zwei lange Ohren auf: ein Hase – ein seltener Anblick in unserer Region. Ist es der Osterhase? Dazu fehlen ihm allerdings der Tragkorb mit den Eiern und auch die Corona-Schutzmaske, wie sie einige seiner «Schoggi-Artgenossen» in diesem Jahr tragen. Die Abstand­sregel hält er aber strikt ein, zumindest zum menschlichen Beobachter. Unter ihresgleichen pflegen Hasen jedoch gerne enge soziale Kontakte. So verwundert es nicht, dass alsbald ein Artgenosse auftaucht und später noch zwei weitere. In wilder Verfolgungsjagd rasen die vier Langohren hinter­einander den Hang rauf und runter, um gleich wieder friedlich nebeneinander im Gras zu «mümmeln».

 

Symbol der Fruchtbarkeit

Warum ist eigentlich der Hase zum Sinnbild für Ostern geworden? Eier und Hasen galten seit der Antike als Fruchtbarkeitssymbole. Daher ist es naheliegend, dass beide mit dem Frühlingsfest Ostern assoziiert wurden. Während bei uns der Osterhase eher mit dem Feldhasen in Verbindung gebracht wird, ist im englisch­sprachigen Raum mit dem «Easter Bunny» das kleinere Wildkaninchen gemeint. Das hat damit zu tun, dass der Feldhase – im Gegensatz zum Wildkaninchen – auf der Insel ursprünglich gar nicht verbreitet war, er wurde erst später durch den Menschen eingebürgert.

Die Fruchtbarkeit der Feldhasen ist sprich­wörtlich. Die Häsin bringt drei- bis viermal im Jahr bis zu vier Junge zur Welt. Die Paarungszeit erreicht jetzt im Frühling ihren Höhepunkt. Während Feldhasen normalerweise dämme­rungs- und nachtaktiv sind, treffen sie sich in dieser Zeit auch tagsüber in Gruppen von mehreren Männchen und Weibchen zu ihren temperamentvollen Paarungsspielen.

Die Männchen kämpfen um empfängnisbereite Weibchen, dabei jagen sie sich und «boxen», d.h. sie schlagen auf den Hinterläufen stehend mit den Vorderpfoten aufeinander ein (siehe YouTube-Video). Nach neueren Untersuchungen weiss man, dass es auch boxende Weibchen gibt, die auf diese Weise allzu aufdringliche Rammler abwehren.

YouTube-Video: Boxing hares in slow motion - boxende Hasen (Leporidae) von mbhsug

 

Feldhasen graben keine unterirdischen Bauten wie die Wildkaninchen. Sie rasten in geschützten Mulden, den sogenannten Sassen (erstes Bild in der Galerie). In diesen Vertiefungen bringen sie auch ihre Jungen zur Welt. Bei Gefahr springt der Feldhase blitzschnell aus seiner Sasse auf und rennt mit Geschwindigkeiten von bis zu 75 Stundenkilometern seinen Feinden davon (zweites Bild in der Galerie).

Drastische Bestandsrückgänge

Bei den hohen Reproduktionsraten des Feldhasen müsste man meinen, dass es überall nur so von Hasen wimmelt. Das Gegenteil ist der Fall. Wie fast überall in Europa haben die Bestände der Feldhasen auch in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Die Gründe liegen in der starken Intensi­vierung und Mechanisierung der Landwirtschaft mit grossflächigen Monokulturen. Auch die Lebensraum­­zerschneidung und das dichte Strassennetz machen den Feldhasen zu schaffen.

Seit 1991 werden in der Schweiz Feldhasenzählungen durchgeführt, diese erfolgen im Spätwinter mittels «Scheinwerfer-Flächentaxation». Dabei werden die Zählflächen nachts von einem langsam fahrenden Fahrzeug seitlich mit Scheinwerfern ausgeleuchtet und alle im Lichtkegel reflektierenden Augenpaare von Feldhasen gezählt. Im Kanton Aargau hat sich der Bestand allein in den Jahren zwischen 2001 bis 2010 von rund 3000 auf 1500 gezählte Hasen halbiert. Die Dichte liegt heute bei rund drei Hasen pro Quadrat­kilometer, was in etwa dem schweizweiten Durchschnitt entspricht. Es geht aber auch anders: In Gebieten mit gezielten Biodiversitäts­förderflächen, wie etwa im schaffhausischen Klettgau (Bild unten), werden heute wieder Bestandsdichten bis zwölf Tieren pro Quadratkilometer erreicht.

 

Der Feldhase (Lepus europaeus)…

… kurz auch Hase genannt, ist ein Säugetier aus der Familie der Hasen (Leporidae). Die Art besiedelt offene und halboffene Landschaften. Das natürliche Verbreitungsgebiet umfasst weite Teile Europas und  Vorderasiens bis in die zentralasiatischen Steppen. Dank Einbürgerungen durch den Menschen kommt der Feldhase heute jedoch auf fast allen Kontinenten (ausser Afrika) vor. Aufgrund der starken Intensivierung der Landwirtschaft ist der Bestand des Feldhasen in vielen Regionen Europas rückläufig.

Feldhasen ernähren sich wie alle «Echten Hasen» pflanzlich. Sie fressen grüne Pflanzenteile, aber auch Knollen, Wurzeln und Getreide sowie vor allem im Winter die Rinde junger Bäume. Trotz den Nagezähnen sind Feldhasen keine Nagetiere. Sie gehören einer eigenen Ordnung an, den Hasenartigen. Die Kopf-Rumpf-Länge des Feldhasen beträgt 420 bis 680 Millimeter, die Schwanzlänge 60 bis 130 Millimeter, die Länge der Hinterfüsse 95 bis 185 Millimeter und die Ohrlänge 85 bis 129 Millimeter. Ausgewachsene Tiere wiegen 2,5 bis 6,4 Kilogramm.

Die Fortpflanzungszeit dauert in Mitteleuropa von Januar bis Oktober, die Weibchen bekommen pro Jahr drei- bis viermal Junge. Die Tragzeit beträgt etwa 42 Tage. Die Würfe umfassen ein bis vier, ausnahmsweise bis sechs Junge. Die frisch geborenen Junghasen wiegen 100 bis 150 Gramm. Sie kommend behaart und sehend auf die Welt und sind ausgesprochene «Nestflüchter». Als solche leben die Junghasen allein, aber nicht verlassen, und sollten von Menschen weder angefasst noch mitgenommen werden. Die Häsin kommt nur etwa zweimal am Tag zum Säugen. Deutsche Forscher konnten zeigen, dass Häsinnen sogar zweimal gleichzeitig schwanger sein können. Bei dieser sogenannten Superfötation oder Doppelträchtigkeit wird das Weibchen in einer späten Phase der ersten Trächtigkeit ein zweites Mal befruchtet und trägt so zwei Würfe gleichzeitig aus.

Die nächsten Verwandten sind der Schneehase (Lepus timidus)  und das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus). Der Schneehase kommt in Sibirien, Skandinavien, Schottland und in den Alpen vor. Bekannt ist sein Fellwechsel von einem graubraunen Sommerkleid zu einem schneeweissen Winterkleid. Das Wildkaninchen (Bild unten) ist kleiner als der Feldhase und hat kürzere Ohren.

 

Die ursprüngliche Verbreitung des Wildkaninchens beschränkte sich auf den grössten Teil der Iberischen Halbinsel, Südfrankreich und Nordafrika. Durch den Menschen wurde es in ganz Europa verbreitet, aber auch in Teilen Südamerikas und in Australien. Dort ist es wegen fehlender natürlicher Feinde zu einer eigentlichen Plage geworden.

 

Gefährdung und Schutz des Feldhasen

Der Feldhase kommt noch immer in der ganzen Schweiz vor, wenn auch regional sehr ausgedünnt oder ganz fehlend. Seine Bestände sind seit den 1950er-Jahren derart stark gesunken, dass er auf der Roten Liste als «Gefährdete Art» eingestuft wurde. Der anhaltende Rückgang wurde in der Schweiz, wie auch in anderen europäischen Ländern, hauptsächlich durch die Veränderung des Lebensraums verursacht. Früher erreichte der Feldhase seine grössten Dichten in der Schweiz in grossflächigen und offenen, aber gut strukturierten Feldgebieten des Mittellandes. Noch heute besteht in diesen Landschaften ein gutes Potenzial für den Feldhasen. Allerdings wurden einige dieser Gebiete in den letzten Jahren stark überbaut und fragmentiert. Umso wichtiger ist es, dass die verbleibenden offenen Kulturlandschaften über genügend naturnahe Strukturen und ökologisch wertvolle Flächen verfügen, damit der Feldhase auf Dauer erhalten bleibt.

Die Erfahrungen in verschiedenen Forschungs- und Aufwertungsprojekten im In- und Ausland zeigen, dass es äusserst schwierig ist, den Feldhasen grossflächig zu fördern. Nachhaltig funktioniert dies nur, wenn mindestens zehn Prozent der Landwirtschaftsflächen mit ökologisch wertvollen Ausgleichsflächen aufgewertet werden. Geeignet sind Bunt- und Rotationsbrachen, extensive Wiesen sowie Hecken mit Krautsaum.

Ein vielversprechendes Projekt wurde im Aargau lanciert. Im Rahmen des Programms «Landwirtschaft, Biodiversität, Landschaft (Labiola)» beteiligen sich seit 2019 in einem ersten Versuch 54 Landwirte mit einer Ackerbaufläche von 170 Hektaren an der neuen Massnahme «Getreide mit weiter Saat» (Bild unten). In den Lücken der weiten Reihen können sich Feldhasen besser fortbewegen und sichere Setzplätze für Junghasen finden. Die günstigen Auswirkungen wurden in einem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt bestätigt. Der Ertragsausfall von 10 bis 20 Prozent wird über einen Vernetzungsbeitrag entschädigt.

 

Der Feldhase ist gemäss eidgenössischem Jagdgesetz vom 1. Oktober bis 31. Dezember jagdbar. Trotzdem wird Meister Lampe im Aargau jagdlich geschont. In den letzten Jahren wurden nur vereinzelt Feldhasen erlegt (ein bis drei Tiere pro Jagdjahr). Dagegen fielen dem Strassenverkehr rund 100 bis 180 Feldhasen pro Jahr zum Opfer.

Die besten Feldhasengebiete in der Schweiz, neben dem bereits erwähnten Klettgau SH (12 Hasen pro Quadratkilometer), finden sich im Grossen Moos im Berner Seeland (21 Hasen pro Quadratkilometer) und in der Genfer Champagne (15 Hasen pro Quadratkilometer). Im Aargau ist das Reusstal oberhalb von Bremgarten mit rund fünf Hasen pro Quadratkilometer am besten besetzt.

www.benifoto.ch

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Kommentare (2)

  • Josef Wüest
    Josef Wüest
    am 20.04.2020
    Der Bericht hat mir sehr gut gefallen. Ja, Feldhasen sieht man selten. Aber immerhin habe auch ich, wie Beni Herzog, kurz vor Ostern (am 7. April 2020 morgens um 7.40 Uhr) beim Joggen einen Hasen beobachtet, und zwar dort, wo in Riniken die Ibergstrasse in Richtung Remigen in den Wald hineinführt oder dort, wo die Pflegegruppe der Natur- und Landschaftskommission Riniken in den letzten Jahren die Umgebung sichtbar aufgewertet hat. Rehe und Stockenten sieht man oft, aber den Feldhasen zuzuschauen, wie sie hoppeln, Hacken schlagen und rennen, ist immer ein besonderes Erlebnis.
  • Margrit Senn
    Margrit Senn
    am 15.04.2020
    Wow was für eine Begegnung. Ich habe vor ca. 45 Jahren den letzten Hasen in freier Natur gesehen und das buchstäblich wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Total abgelegen in Signau auf der Höhe. Es war auch zur Osterzeit und mein Sohn glaubte noch fest daran, dass er nun den Osterhasen gesehen hat.

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