Panikmacher unter den Entenvögeln

Fischadler sind bei uns im Spätherbst regelmässig auf dem Durchzug zu beobachten. Bei Wasservögeln sind die schönen Greifvögel nicht sehr willkommen.

Fischadler am Flachsee (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog

25. September 2019
11:00

Vogelbeobachtung am Klingnauer Stausee an einem schönen Septembertag. Die nachmittägliche Wärme macht die Vögel träge. Die Enten dümpeln vor sich hin, die Brachvögel haben die Schnäbel eingesteckt und schlafen. Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Wie durch einen Alarm aufgeschreckt fliegen die Entenvögel auf und in wilder Panik davon. Nun heisst es: den Himmel absuchen nach dem Verursacher des Aufruhrs. Oft ist es ein Fischadler, der majestätisch und ruhig über den Stausee dahinzieht oder – was seltener vorkommt – langsam Richtung Wasserfläche hinuntergleitet. Doch «seine Majestät» hat es nicht immer einfach. Grosse Mittelmeermöwen und mutige Krähen verfolgen den Eindringling, attackieren ihn und versuchen ihn aus ihrem Luftraum zu vertreiben.

Nur langsam kehrt wieder Ruhe ein unter den Wasservögeln. Eigentlich müsste keiner von ihnen den Fischadler fürchten, denn dieser ist – wie es sein Name verrät – fast ausschliesslich an Fischen interessiert. Seine Jagdtechnik ist voll und ganz auf diese Hauptbeute fokussiert. Nur ausnahmsweise «vergreift» er sich an verletzten oder geschwächten Vögeln sowie kleinen Säugetieren, Fröschen oder Krebsen. Doch bereits das Auftauchen der «Adler-Silhouette» am Himmel versetzt die Wasservögel in Angst und löst ihren Fluchtinstinkt aus.

Fischadler sind bei uns Durchzügler, die meisten brüten im Norden und Osten Europas. Zwischen August und Oktober fliegen sie in ihre Überwinterungsgebiete im Mittelmeerraum oder in Afrika. Dabei tauchen sie regelmässig, wenn auch nicht jeden Tag, am Klingnauer Stausee wie auch an anderen Schweizer Gewässern auf. Hin und wieder holen sie sich dabei einen Fisch als «Reiseproviant».

 

Vor über 100 Jahren ausgerottet …

Als Brutvogel sind die Fischadler in der Schweiz schon vor über 100 Jahren ausgestorben resp. wurden durch Abschüsse ausgerottet, weil die Fischer ihre Konkurrenz fürchteten. Wilderer, Eiersammler und später das Umweltgift DDT setzten dem Fischadler in ganz Europa zu. Die Bestände gingen dramatisch zurück und erreichten in den 1970er-Jahren einen Tiefststand. Seither nehmen die Zahlen durch Schutzbemühungen in verschiedenen Ländern Europas wieder zu. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Fischadler auch in der Schweiz wieder brütet. Uneinig ist man sich unter Fachleuten, welcher Weg zu diesem Ziel führen soll. Möglich ist die aktive Wiederansiedlung durch Aussetzen von Jungvögeln, wie sie etwa beim Bartgeier zum Erfolg führte. Oder man schafft durch künstliche Nisthilfen und weitere Fördermassnahmen optimale Bedingungen und wartet, bis die Vögel von sich aus mit dem Brutgeschäft beginnen.

 

… und heute kurz vor der Rückkehr in die Schweiz

Fischadler benötigen einen Brutplatz mit hohen Bäumen in Gewässernähe und mit genügendem Nahrungsangebot. Sie reagieren empfindlich auf Störungen in der Umgebung des Brutplatzes. In der dicht besiedelten und intensiv genutzten Schweizer Landschaft sind solch geeignete Neststandorte rar. Der Westschweizer Vogelschutzverband «Nos Oiseaux» hat sich für die Wiederansiedlung entschieden und hierfür einen speziellen Platz gefunden. Auf dem 350 Hektar grossen – und natürlich für die Öffentlichkeit gesperrten – Landwirtschaftsareal der Strafanstalt Bellechasse in der Region Murtensee hat die Organisation seit 2015 insgesamt 27 junge Fischadler aus Schottland, Deutschland und Norwegen ausgesiedelt. Gleichzeitig wurden Nistplattformen in einem grösseren Umkreis in der Region der drei Jurarandseen installiert. Nachdem im letzten Jahr einer der beringten Jungadler wieder zurückgekehrt ist, steigt die Hoffnung auf eine erfolgreiche Wiederansiedlung des Fischadlers in der Region. Denn dieser Vogel wird mit hoher Wahrscheinlichkeit versuchen, am Ort seines Erstfluges zu brüten – so haben es Beispiele früherer Wiederansiedlungen in anderen Ländern gezeigt.

 

Fischadler (Pandion haliaetus)

… sind mittelgrosse und schlanke Greifvögel. Mit einer Flügelspannweite von rund 1.70 Meter sind sie etwa so gross wie ein Rotmilan. Sie wirken im Flug auffallend lang- und schmalflügelig und ähneln einer Grossmöwe. Die Weibchen sind wie bei vielen Greifvögeln grösser als die Männchen. Fischadler gehören nicht wie der Steinadler oder der Seeadler zur Gattung der echten Adler (Aquila), sondern bilden eine eigene Gattung (Pandion).

Die Nahrung besteht fast ausschliesslich aus kleinen bis mittelgrossen, meist 100 bis 300 Gramm schweren See- und Süsswasserfischen. Diese werden im Normalfall lebend erbeutet, nur gelegentlich werden auch tote Fische verwertet. Seltene Zufalls- oder Gelegenheitsbeute sind andere, meist an Wasser gebundene Tiere wie kleine Säuger, verletzte oder geschwächte kleine Vögel, kleine Schildkröten und Krokodile, Frösche und Krebse. Fische werden nicht selten von einer Warte am Ufer aus gesucht, häufiger aber aus einem niedrigen Kreisen in 10 bis 30 Metern Höhe über der Wasseroberfläche.

Wenn ein geeigneter Fisch entdeckt ist, rüttelt der Fischadler über der Stelle und stösst dann mit vorgestreckten Füssen ins Wasser. Der Sturzflug kann senkrecht, aber auch in jedem anderen Winkel zur Wasseroberfläche erfolgen. Der Fischadler landet beim Jagdversuch meist kurz im Wasser, hebt dann nach einigen Sekunden mit kräftigen Flügelschlägen wieder ab, kreist kurz und schüttelt dann im Flug das Wasser aus dem Gefieder.

Im Falle eines erfolgreichen Jagdversuchs greift der Adler bei einem grösseren Fisch um und transportiert diesen mit dem Kopf voran zum Nest- oder Fressplatz.

Der tägliche Nahrungsbedarf eines Fischadlers beträgt 300 bis 800 Gramm, der gesamte Nahrungsverbrauch einer Familie mit drei Jungen von Ankunft bis Wegzug etwa 140 Kilogramm Fisch. In Anpassung an seine hochspezialisierte Ernährung und Jagdtechnik zeigt der Fischadler einige besondere anatomische Merkmale. Die Nasenlöcher sind schräg und schlitzförmig, damit sie beim Eintauchen nicht volllaufen. Fischadler haben keine «Hosen», d.h. keine lange, herabhängende Unterschenkelbefiederung, welche den Widerstand beim Stosstauchen vergrössern würde.

 
Der Fischadler ist fast weltweit verbreitet

Das Brutgebiet reicht von den Nadelwäldern des Nordens (Asien, Europa und Nordamerika) bis zu den subtropischen Zonen. Es umfasst Teile der Karibik, die Tropen Südostasiens sowie Australien. In Europa ist die Verbreitung der Art vor allem durch intensive menschliche Verfolgung bis Mitte der 1950er-Jahre stark zersplittert und überwiegend auf den Norden und Osten beschränkt. Im Westen Europas brütet der Fischadler nur in Schottland sowie in Zentral-Frankreich und Wales. In Mitteleuropa kommt die Art nur in Deutschland und Polen vor, in Deutschland ist die Verbreitung weitgehend auf die neuen Bundesländer beschränkt. Grosse Bestände haben sich in Skandinavien halten können. Die Lebensräume des Fischadlers sind Küstenregionen, Binnenseen, Teiche, Flüsse und Kanäle. 

Fischadler werden mit drei Jahren geschlechtsreif und brüten dann als Einzelpaare. Sie bevorzugen freistehende Nistgelegenheiten – zum Beispiel alte, hohe Bäume mit starken Kronen, auf denen sie ihren Horst errichten können und einen guten Überblick über die Umgebung haben. Meistens legen sie zwischen zwei und drei Eier, die dann 38 bis 41 Tage bebrütet werden. 

Der Fischadler gilt zurzeit in Europa nicht mehr als gefährdet. Bedroht werden die Populationen hauptsächlich durch intensive Forstwirtschaft, Umweltgifte, Tourismus und Freizeitaktivitäten, da es bei Störungen zur Aufgabe der Brut kommen kann.

 
Pro und Kontra künstliche Wiederansiedlung des Fischadlers

Natürliche Wiederbesiedlung

Die natürliche Wiederbesiedlung von Gebieten durch den Fischadler kann gefördert werden, indem in geeigneten Lebensräumen Nestplattformen gebaut werden. Diese müssen auf hohen, überragenden Bäumen oder Masten angebracht werden. Wie bei Schwalbenhäusern für Mehlschwalben gibt es aber keine Garantie, dass solche Nester besiedelt werden, oder es kann längere Zeit dauern, bis es soweit ist. Diese Methode wurde z.B. mit Erfolg in Bayern und in Zentral-Frankreich eingesetzt. Der Nachteil dieser Methode ist, dass der Zeitraum der Wiederbesiedlung schwer einschätzbar ist und definitiv länger dauert als die künstliche Wiederansiedlung. Es gibt aber auch Vorteile: kontinuierliche Wiederbesiedlungsversuche des Fischadlers über eine längere Zeitspanne ermöglichen eine fundierte Sensibilisierung der Bevölkerung und betroffener Bevölkerungsgruppen. Ein durch natürliche Wiederbesiedlung gegründeter Fischadlerbestand wird eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung haben.

 
Künstliche Wiederansiedlung

Künstlich kann der Fischadler angesiedelt werden, indem man halbwüchsige Vögel aus der Freiheit im Brutgebiet (z.B. in Ostdeutschland) entnimmt, sie über einige hundert Kilometer in die Schweiz verfrachtet, in Käfigen während mehrerer Wochen jeden Tag mit Fischen füttert und sie dann freilässt. Diese Käfige müssen vor den Leuten geschützt sein und deshalb meist in Naturschutzgebieten angelegt werden, in denen Störungen vermieden werden müssen. Es dauert etwa sechs bis acht Jahre und benötigt das jährliche Aussetzen von total mindestens 120 jungen Fischadlern, bis nach dem Start der künstlichen Wiederansiedlung mit der ersten Fischadler-Brut gerechnet werden kann. Diese Methode wird als «Hacking» bezeichnet und wurde zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten beschrieben und angewendet. Zurzeit laufen in Europa sechs Wiederansiedlungsprojekte nach der Hacking-Methode mit verschiedenen Entwicklungsstufen. Dasjenige in der Westschweiz (Strafanstalt Bellechasse) ist das jüngste Projekt (Beginn 2015).

Die Frage, ob man auf eine natürliche Wiederbesiedlung der Schweiz durch den Fischadler warten oder ihn künstlich ansiedeln will, wird von verschiedenen Gruppierungen unterschiedlich eingeschätzt. Es geht ganz zentral um die Frage der Zeit und des Umgangs mit der Natur: Wenn man innert sechs bis acht Jahren (fast) garantiert eine Fischadler-Brut in der Schweiz haben will, muss man ihn künstlich ansiedeln, wenn man etwas mehr Zeit zu geben bereit ist und Wert auf eine natürliche Wiederbesiedlung legt, muss man naturnahe Fördermassnahmen ergreifen, zuwarten und der Natur Zeit lassen.

Zwei Beispiele von künstlicher Ansiedlung von Wildtieren in der Schweiz sollen aufzeigen, dass diese sowohl sehr erfolgreich verlaufen (Bartgeier), aber auch auf Widerstand bei der Bevölkerung stossen kann, wie im Fall des Luchses: Nach der Ausrottung des Bartgeiers im 19. Jahrhundert wurde dieser ab den 1980er-Jahren im ganzen Alpenraum wiederangesiedelt. Hierbei setzte man auf die Auswilderung von jungen Bartgeiern aus Aufzuchtstationen. Da die Anwesenheit der Bartgeier niemanden stört und beeinträchtigt und die Gründe, die zu seiner Ausrottung als Fehleinschätzung unserer Vorfahren nachgewiesen werden konnten, stiess die Rückkehr des Bartgeiers auf allgemeine Zustimmung und Begeisterung (Bild 1 in der Galerie unten) bei der Bevölkerung.
 

Anders beim Luchs (Bild 2 in der Galerie oben). Er gehört zu den Raubtieren, die nebst der Regulierung des Wildtierbestandes auch ab und zu ein Schaf reissen. Daher ist er bei Schafhaltern und einem Teil der Jägerschaft nicht willkommen. Anders als beim Wolf und Bär, die dasselbe Negativimage bei einem Teil der Bevölkerung haben, ist der Luchs aber nicht natürlich eingewandert, sondern wurde gezielt künstlich wiederangesiedelt. Die Erfahrung mit dem Luchs dürfte ein wesentlicher Grund sein für die Zurückhaltung einiger Fachleute bei der künstlichen Wiederansiedlung des Fischadlers. Immerhin geht es um einen Fischjäger und damit – nebst Kormoran & Co. – um einen weiteren Konkurrenten für die Fischerei.  In der kleinräumigen und übernutzten Schweizer Natur reagieren die Interessensgruppen empfindlich auf künstliche Veränderung von Artenzusammensetzungen.

Manchmal sollte man jedoch die wirtschaftlichen eigenen Interessen im Sinne des Biodiversitäts­gedankens hinten anstellen können, handelt es sich doch beim Fischadler wie auch bei Wolf, Bär und Luchs um Wildtiere, die in früheren Zeiten als fester Bestandteil des Artenspektrums in unsere Landschaft gehörten und nicht einfach durch eine «Spinneridee» einiger Biologen und Naturschützer in der Schweiz  angesiedelt werden müssen.

www.benifoto.ch 

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