Rückkehr nach Birkenau – Ginette Kolinka

Auf 124 schmalen Seiten gibt die Autorin Einblick in ihre schreckliche Zeit als KZ-Häftling in Auschwitz-Birkenau. In diesem Jahr hat sich in ihrem Leben alles verändert, sie wurde zur lebendigen Toten. Und hat, im Vergleich, doch noch «Glück» gehabt und überlebte.

13. Juni 2020
09:00

«Als ich (…) nach Birkenau zurückgekehrt bin, war Frühling. Die Felder waren mit Blumen überzogen, das Gras grün. (…) Es war schön. (…) Man sollte nicht nach Birkenau zurückkehren, wenn Frühling ist.» Dies das Fazit der heute 94-jährigen französischen Jüdin. Denn nichts, aber auch gar nichts Schönes kann sie mit jenen Schreckensmonaten verbinden. Retour gekommen ist sie zudem bloss zufällig: Sie sollte als Überlebende einer Gruppe Jugendlicher authentisch über jene Zeit erzählen, weil ein anderer Deportierter unabkömmlich war. Kolinka nimmt bei ihrer Schilderung kein Blatt vor den Mund, spart unappetitliche Tatsachen nicht aus: Wie die Inhaftierten konsequent gedemütigt wurden – der Nacktheit ausgesetzt, Schläge zu jeder Zeit und Unzeit, wie nicht mal die Notdurft ordentlich erledigt werden konnte, eigener Urin als einziges «Medikament» gegen Schwären und Wunden Anwendung fand. Wie sie sich, wieder zuhause, in der Nacht in die elterliche Küche schlich und – weiterhin im Überlebensmodus – den Abfall nach noch essbaren Resten durchsuchte und sie verschlang. Aber auch, wie sie später ihren Mann kennenlernte, einen Sohn gebar und heute auf viele Jahre schönen Familienlebens zurückblicken kann.

Wer auf knappen Seiten einen Eindruck in jene menschenunwürdige Epoche werfen möchte, findet hier eine unter die Haut gehende Darstellung. Lesenswert!

 

Über die Autorin

Ginette Kolinka (*1925) lebt in Paris. Ihr Buch wurde in Frankreich umgehend zum Bestseller. 

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