Verborgene Schönheiten

Auf einer Wanderung entlang der Reuss lassen sich zurzeit einige botanische Frühlingsboten entdecken.

Wohlriechendes Veilchen (Bilder: bhe)

von
Beni Herzog mit botanischen Erläuterungen von Silke Amrein

04. März 2020
10:00

Der Ausfall vieler Grossveranstaltungen an den kommenden Wochenenden bietet vielleicht die Gelegenheit, wieder einmal eine Wanderung in der Region zu unternehmen. Dabei lässt sich das Frühlingserwachen der Natur unmittelbar miterleben, das sich im Wald in der zunehmenden Gesangsaktivität der Vögel und dem häufigen Trommeln der Spechte äussert. Gleichzeitig spriesst es auf dem Waldboden, welcher sich nun vielerorts mit Bärlauch bedeckt, der seinen unverwechselbaren Duft verbreitet. Frühblüher nutzen den Umstand, dass wegen des noch fehlenden Blätterdachs in dieser Jahreszeit genügend Sonnenlicht auf den Waldboden fällt. Durch den feucht-warmen Februar haben sie in diesem Jahr etwas Wachstumsvorsprung gegenüber «normalen» Jahren.

Bärlauch bedeckt in dieser Jahreszeit grosse Teile des Waldbodens und verströmt seinen unverwechselbaren Duft.

 

Der Duft des Frühlings

Im Gegensatz zum meist pompöseren Sommerflor zeigen die Frühblüher dem Betrachter ihre Schönheit eher verhalten und bescheiden. Dass sie meist kleinwüchsig sind, unterstreicht die Verkleinerungsform in vielen deutschen und umgangssprachlichen Namen. Beispiele sind das Leberblümchen, das Buschwindröschen oder – die Frühlingsblume schlechthin – das Veilchen. Es galt in der Biedermeierzeit als eigentliches Sinnbild der Bescheidenheit, damals eine der grössten Tugenden. Für den aufmerksamen Betrachter oder den Makro-Fotografen offenbart es jedoch seine verborgene Schönheit und seine intensive Farbe. Und wer es von ganz nahe beschnuppert, erlebt seinen umwerfenden Duft, der jedes Parfum in den Schatten stellt – sofern es sich um das Wohlriechende Veilchen (Viola odorata) handelt.

 

Unsere «botanische» Wanderung…

…in der Region Brugg startet beim Sportplatz Dägerli in Windisch, wo es neben genügend Parkplätzen auch eine Haltestelle der Postautolinie Brugg-Mülligen gibt. Wanderzeit: ca. 2 ½ Stunden, Achtung: Nach Regenfällen sind die Wege stellenweise aufgeweicht – Rutschgefahr!

Wir folgen dem Wanderweg durch den Wald Richtung Birmenstorf, der bald hinunter zur Reuss zum «Finschter­bödeli» führt. Nach einer Weile steigt der Weg wieder an zur Mülligerstrasse. Kurz bevor er auf diese trifft, führt ein Privatweg hinunter zu einer Fischerhütte an der Reuss. An dieser Stelle blühen zahlreiche Märzenbecher. Der Wanderweg geht nun steil hinunter zur Reuss. Dort zeigen sich die ersten Schlüsselblumen. Der nun folgende Wegabschnitt bis Mülligen ist sehr malerisch, es geht vorbei an vielen kleinen Bächen und den Ruinen der alten Gipsmüli. Möglichkeit zur Einkehr bietet das Restaurant Müli direkt am Weg. Gleich nach dem Überqueren der Reussbrücke folgt man dem Wanderweg reussabwärts Richtung Gebenstorf. Bald steigt der Weg an einem Südhang an, wo man auf das Wohlriechende Veilchen trifft. Die hier westwärts fliessende Reuss macht bald eine markante Kehre Richtung Nordosten. Hier gilt es gut Ausschau zu halten nach dem blühenden Seidelbast. Auf der Höhe des «Maierislischache» – der Insel in der Reuss – zeigen sich zwischen Moos und Laub die kleinen blauen Blüten des Leberblümchens. Der Wanderweg folgt nun immer der Reuss, bis man beim Restaurant Asia (ehemals Zoll) in Gebens­torf auf die Hauptstrasse trifft. Dieser nach Windisch folgend, gelangt man in der Fahrrainkurve links den Hangweg hinauf zurück zum Ausgangspunkt.

Neben den vier hier gezeigten kann man am Weg noch weitere Frühblüher entdecken, wie etwa Buschwind­röschen, Scharbockskraut, Lerchensporn oder Märzenblümchen. Möglicherweise lassen sich einzelne dieser Blumen nicht auffinden. Macht nichts – der Weg hat auch so vieles an Naturschönheiten und Erlebnissen zu bieten, folgt er doch einem der ursprünglichsten Flussabschnitte der Reuss im Kanton Aargau.

 

Nachfolgend die Beschreibungen zu den erwähnten Frühblühern:

Der Märzenbecher (Leucojum vernum), auch Märzenglöckchen oder Frühlings-Knotenblume genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Amaryllisgewächse, zu denen beispielsweise auch die Narzissen gehören. Die Verwandtschaft mit dem Schneeglöckchen ist augenfällig und drückt sich auch im Namen «Grosses Schneeglöckchen» aus. Auffällig sind die sechs Blütenblätter mit ihren zipfelig auslaufenden und verdickten Spitzen, die eine gelbgrüne Färbung aufweisen.

 

Die Waldschlüsselblume oder Hohe Schlüsselblume (Primula elatior) blüht bereits ab Ende Februar als einer der ersten Frühlingsboten auf feuchten Wiesen, an Bachrändern und im Auenwald und ist in der nördlichen Schweiz weit verbreitet. Sie wird 10 bis 30 cm hoch. Die Blüten sind schwefelgelb, wodurch sie sich von der dottergelben Frühlings- oder Wiesen­schlüsselblume (bei uns auch «Mattetänneli» genannt) unterscheidet. Diese blüht etwas später als die Waldschlüsselblume und praktisch ausschliesslich auf nährstoffarmen Wiesen.

Für die beiden Arten der Schlüsselblume existieren in der Schweiz über 80 Mundartnamen. Ein interessanter Beitrag dazu findet sich in einer Radiosendung von SRF1. Bei manchen Arten sind die Mundartnamen etwas verwirrend. So wird die Waldschlüsselblume in einigen Gegenden als «Händscheli» bezeichnet. Unter dieser Bezeichnung versteht man aber im Kanton Aargau das Lungenkraut, ebenfalls ein Frühblüher.

 

Der Echte Seidelbast (Daphne mezereum), auch Gewöhnlicher Seidelbast oder Kellerhals genannt, ist die einzige Pflanze nördlich der Alpen, die aus dem verholzten Spross direkt aus der Rinde kleine rosa- bis purpurfarbene und stark duftende Blüten treibt. Die im Spätsommer reifenden Früchte sind hübsche, leuchtend rote und hochgiftige Beeren. Für Erwachsene gelten 10–12 Beeren, für Kinder sogar 4–5 Beeren als tödlich. Vögel sind immun gegen das Gift. Die Beeren werden z.B. von Amseln gern gefressen. Die harten Samen werden ausgeschieden, was für die Verbreitung der Pflanze sorgt.

 

Das Leberblümchen (Hepatica nobilis) gehört in Mitteleuropa zu den bekannten, heimischen Frühblühern. Man kann es in lichten Laubwäldern sowie an Wald- und Wegrändern antreffen. Es gehört zu den Hahnenfussgewächsen und  bevorzugt lichte bis sonnige, nicht zu trockene, kalkhaltige Böden mit hohem Lehmanteil. Der Gattungsname Hepatica wie auch der deutsche Trivialname beziehen sich auf die Gestalt der Laubblätter, die im Umriss an die Form einer Leber erinnern. Die 6 bis 10 Blütenblätter sind meist leuchtend blau, können aber auch seltener rosa bis weiss gefärbt sein.

Das Buschwindröschen (Anemone nemorosa), bei uns oft «Guguggerli» genannt, ist eine ausdauernde Krautpflanze, die zu den Hahnenfussgewächsen gehört. In unseren Laubwäldern bilden sie im Frühjahr oft wahre Blütenteppiche. Die Pflanze besitzt einen horizontal wachsenden, unterirdischen Wurzelstock. Von dessen Spitze strebt in jedem Frühjahr ein Blütentrieb an die Oberfläche. Die drei sich entwickelnden grünen Blätter sind tief eingeschnitten. In deren Mitte befindet sich die Blütenknospe. Diese öffnet sich mit meist 6 strahlend weissen Blütenblättern. Als typischer Frühblüher verschwindet das Pflänzchen meist noch vor dem Sommer. Die Nährstoffe für die nächste Vegetationsperiode werden im Rhizom gespeichert. Auch zu den vielen Mundartnamen dieser Pflanze gibt es eine Radiosendung von SRF1.

 

Das Scharbockskraut (Ficaria verna) gehört ebenfalls zu den Hahnenfussgewächsen (Ranunculaceae). Sein deutscher Trivialname leitet sich von Scharbock (Skorbut) ab, da seine Vitamin-C-haltigen Blätter gegen diese Mangelerkrankung  eingenommen wurden. Auffallend sind die einzeln stehenden und lang gestielten, goldgelben und sternförmigen Blüten, die einen Durchmesser von 1,5 bis 6 cm besitzen. Bei uns vermehrt sich diese Pflanze kaum über Samen, sondern über Brutknöllchen, die sich an den Trieben bilden, was manchen Gartenliebhaber nicht so sehr erfreut.

 

Der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava) wird auch Hohlknolliger Lerchensporn genannt. Hohlknollig, weil er eine hohle Knolle bildet und darin gleich noch eine Tochterknolle. Die spornartige Ausformung der Kronblätter erinnert an die gespornte Zehe einer Haubenlerche (griech. Corydalis). Er ist ein echter Frühblüher. Diese treiben aufgrund der im vorherigen Jahr in die Über­dauerungsorgane eingelagerten Reservestoffe früh aus. Sie bilden Blüten, Früchte und Blätter. Solange das Blätterdach des Waldes noch nicht geschlossen ist, sammeln die Pflanzen über die grünen Teile mittels Fotosynthese Nährstoffe, die sie in die Überdauerungsorgane im Boden einlagern. Danach ziehen sich die meisten Pflanzen gänzlich ein. Die Samen sind ausgestreut. Manche überdauern jedoch auch mit Blättern zum Schutz der nahe am Boden befindlichen Erneuerungsknospen.

 

Der Huflattich (Tussilago farfara), bei uns auch Märzenblümchen genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Korb­blütler, zu denen z.B. alle Arten von Astern gehören. Er ist eine der ersten Frühjahrsblumen, deren Blüten vor der Entwick­lung der Laubblätter erscheinen. Ein Kranz von weiblichen Zungenblüten umgibt die kleinen männlichen Röhrenblüten. Der Huflattich besiedelt trocken-warme Standorte auf durchlässigen Böden. Daher tritt er oft auf Dämmen, in Kiesgruben, Ruderalflächen und an unbefestigten Wegen auf. Im Gebirge kommt er bis in Höhenlagen von etwa 2300 Metern vor. Der Huflattich gilt seit alters her als Heilpflanze bei Hustenreiz und wirkt schleimlösend.

 

Apropos Veilchen: Neben dem Wohlriechenden Veilchen gibt es in der Schweiz noch viele weitere Veilchen-Arten, wie beispielsweise das Waldveilchen (Viola sylvestris), welches ein wenig später im Jahr blüht, jedoch nicht duftet.

www.benifoto.ch 

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Kommentare (2)

  • Rita Staubli
    Rita Staubli
    am 08.03.2020
    Dieses Jahr bietet uns der Frühling einzigartige Schönheiten im Versteckten, an Böschungen, auf Waldböden, zwischen Büschen, dazu zwitschern die Vögel.
    Beim Morgenlauf in der Natur kann uns, mich das Coronavirus nicht anstecken.
    Die Freude an jeder Blüte, jedem Büschel Blütenkelchen stärkt das Immunsystem. Danke für die Animation und botanischen Erklärung.
  • Silke Amrein
    Silke Amrein
    am 06.03.2020
    Wir sind diesen Weg gegangen, haben uns viel Zeit gelassen und sind allen Frühblühern begegnet. Sie berühren uns, so tapfer sie doch den frischen Temperaturen widerstehen. Daneben hat man noch manch anderes Naturerlebnis. So kann man sehr alte, mächtige und auch skurril gewachsene Bäume entdecken, die Spechte hören und die schier unglaubliche Schaffenskraft des Bibers bewundern. Vielen Dank für den Wandervorschlag. Es lohnt sich wirklich, diesen Weg zu gehen. Wie beschrieben, ist gutes Schuhwerk sehr zu empfehlen.

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