Vogel des Jahres hat Nachwuchs

Junge Neuntöter lernen die Jagd im Anschauungsunterricht von ihren Eltern. Auf dem Flug in ihre Winterquartiere sind sie auf sich gestellt.

Ein spannender Vogel: der Neuntöter, hier als Jungtier. (Bilder: bh)

13. August 2020
09:24

Eine blumenreiche und von Hecken gesäumte Magerwiese im Schenkenbergertal ist Ende Juli das «Jagdrevier» einer Neuntöter-Familie. Die Wiese wurde bereits im Juni gemäht, einzelne Streifen aber stehengelassen. Dort tummeln sich zahlreiche Insekten wie Schmetterlinge, Heuschrecken und Käfer – auf sie haben es die Neuntöter abgesehen. Neuntöter sind geschickte Insektenjäger und erhaschen ihre Beute von einer Sitzwarte aus, entweder im Flug oder am Boden. Seltener erbeuten sie auch kleinere Eidechsen und Mäuse.

Anfang Mai sind die Neuntöter aus ihren Winterquartieren im südlichen Afrika zurückgekehrt. Wahr­schein­lich wussten sie nicht, dass sie der Schweizer Vogelschutz/BirdLife Schweiz zum Vogel des Jahres 2020 kürte. Wie jedes Jahr wurden zuerst die Reviere bezogen. Dann folgte die Phase der Balz, bei der das Männchen singend um das Weibchen wirbt und ihm Brautgeschenke in Form von Insekten übergibt. Wenn sich die Paare einig sind, suchen sie geeignete Nistplätze und bauen ihre Nester. Unser Neuntöter-Paar brütete in einem Wildrosenbusch. Ab Anfang Juni sitzt das Weibchen auf den Eiern, das Männchen lässt sich so selten wie möglich direkt beim Nistplatz blicken, um diesen nicht zu verraten. Die meisten Vögel sind ausgesprochene Heimlichtuer, wenn es um ihren Brutplatz geht. Rund zwei Wochen später konnte man beide Altvögel immer häufiger mit Futter im Schnabel im Wildrosenbusch verschwinden sehen. Ab Anfang Juli verliessen die Jungvögel das Nest und wurden von den Eltern weitergefüttert, immer gut versteckt in Asthaufen oder dichten Hecken.


Altvögel sind Lehrmeister und Aufpasser
Mit der Zeit lernten die Jungvögel den Jagdflug direkt im Anschauungsunterricht von ihren Eltern. Diese behielten ihre Jungmannschaft dabei immer im Auge und warnten vor auftauchenden Feinden – seien es Greifvögel, Katzen oder aufdringliche Beobachter. Die erste Rebreihe des angrenzenden Rebbergs bot guten Sichtschutz zum Beobachten und Fotografieren. Einer der Jungvögel stiess vom untersten Ast eines Apfelbaums immer wieder auf die Wiese hinunter und wenn er zurückkehrte, hatte er im Schnabel – meistens nichts. Doch einmal erwischte er einen kleinen Falter, den er umständlich zerlegte (Bilder unten). Hier zeigt sich der Unterschied zum routinierten Altvogel. Dieser würde sich mit so kleiner Beute kaum abgeben. Ausserdem hatte er den Fotografen im Versteck längst entdeckt. Immer wieder warnte er seinen Nachwuchs mit keckernden Rufen, doch dieser war zu sehr im Jagdfieber und liess sich nicht ablenken. Das kann bei anderen «Feinden» schon mal zum Verhängnis werden.

 

 

Im Laufe des Monats August wird sich die Familie auflösen und die Altvögel machen sich auf den Weg ins Winterquartier. Die Jungen haben noch etwas Zeit, um ihre Jagdtechnik zu optimieren. Sie folgen den Eltern später selbstständig nach. Unterwegs sollten sie das Insektenjagen perfekt beherrschen, müssen sie doch  bei Zwischenhalten immer wieder ihre Energiereserven für den Weiterflug auffüllen.


Botschafter für die Ökologische Infrastruktur
Die Ökologische Infrastruktur aus Kerngebieten und Vernetzungsgebieten für die unterschiedlichsten Arten ist entscheidend, wenn der massive Biodiversitätsverlust in unserem Land gestoppt werden soll. Bereits 2012 hat der Bundesrat beschlossen, für die Sicherung und Stärkung der Biodiversität eine Ökologische Infrastruktur einzurichten. Nun sollten Taten folgen. Die neue BirdLife-Kampagne 2020-2024 ist der Ökologischen Infrastruktur gewidmet. Der Neuntöter benötigt Dornbüsche in Hecken als Nistplatz sowie Magerwiesen mit vielen Insekten für die Nahrungssuche. Um eine ganze Neuntöter-Population zu erhalten, müssen diese Elemente in der Landschaft in genügendem Umfang und Qualität vorhanden und vernetzt sein. Der Neuntöter ist deshalb ein guter Botschafter für die Ökologische Infrastruktur und für eine Landwirtschaft, die mit der Natur im Gleichgewicht ist. Daher wurde er von BirdLife Schweiz zum Vogel des Jahres 2020 gewählt.

 

Der Neuntöter braucht eine Ökologische Infrastruktur aus insektenreichen Flächen für die Nahrungssuche (rot) und Hecken oder Buschgruppen mit Dornbüschen (gelb) über die ganze Landschaft verteilt. (Bild: BirdLife Schweiz)

 

Der Neuntöter (Lanius collurio) …

 … gehört zur Familie der Würger (Lannidae). Der Name tönt nicht gerade sympathisch, aber der Neuntöter ist ein sehr hübscher Singvogel und der einzige aus dieser Familie, der noch in der Schweiz brütet. Weltweit gibt es 64 Würgerarten. Würger verdanken ihren Namen einer besonderen Eigenschaft. Unverdaute Nahrungsreste würgen sie in Form von kleinen Gewöllen hoch und speien diese aus (Bild unten).

 

 

Auf dem Speiseplan stehen Fluginsekten, grosse Käfer, Spinnen,  Heuschrecken, Eidechsen, Mäuse und manchmal auch Kleinvögel. Wie alle Würger besitzt der Neuntöter einen Hakenschnabel und wirkt deshalb wie ein kleiner Greifvogel. Beutetiere spiessen sie oft auf Dornenbüsche oder Stacheldraht auf und zerlegen sie mit dem Schnabel in mundgerechte Stücke. Die aufgespiessten Beutetiere dienen dem Neuntöter auch als Nahrungsdepot, was ihm fälschlicherweise den Ruf eingebracht hat, er töte immer zuerst neun Beutetiere, bevor er mit Fressen beginne.

Das Neuntöter-Männchen (Bild unten links) fällt besonders durch seine schwarze «Zorro-Augenmaske» auf. Seine Kehle ist weiss, die Brust hell und leicht rosa überhaucht, das Grau des Oberkopfes zieht sich bis in den Nacken. Sein Rücken ist kastanien- bis rotbraun, deshalb ist er auch noch unter dem Namen Rotrückenwürger bekannt. Die Schwanzunterseite ist auffällig schwarz-weiss gefärbt.

Das Gefieder des Weibchens (Bild unten rechts) ist bräunlich, die Unterseite cremeweiss. Brust und Flanken weisen eine Schuppenzeichnung auf. Die Augenmaske ist nur schwach ausgeprägt und zeigt sich meist hinter dem Auge in einem Braunton. Junge Neuntöter (Einstiegsbild) sehen den Weibchen sehr ähnlich, haben aber eine Wellenzeichnung (Schuppenzeichnung) auf Rücken, Brust, Flanken und Flügeln und zusätzlich eine feine dunkle Querbänderung auf ihrem braunen Scheitel.


Neuntöter sind Langstreckenzieher …
…und kehren im Mai aus den Savannen im südlichen Afrika zurück. Dann beginnt die Phase der Balz, bei der das Männchen singend um das Weibchen wirbt und ihm Brautgeschenke in Form von Insekten übergibt. Während der Balzzeit ist der Gesang relativ laut, ansonsten erstaunlich leise. Darin sind imitierte Elemente von Gesängen anderer Vogelarten enthalten. Gemeinsam baut das Paar ein Nest aus Gräsern und Halmen in einer mit Dornenbüschen durchsetzten Hecke, es kann auch ein einzelner Wildrosenbusch sein. Die Innenpolsterung des Nests ist Sache des Weibchens.

Das Weibchen legt vier bis sechs Eier und bebrütet diese während rund 15 Tagen. Das Männchen versorgt während der Brutzeit das Weibchen mit Nahrung. Es unternimmt aber auch ab und zu eigene Jagdausflüge. Nach dem Schlüpfen der Jungen erhalten diese Futter vom Vater. Später beteiligt sich die Mutter ebenfalls an der Nahrungssuche. Beide Eltern jagen in dieser Phase von früh bis spät nach Insekten, damit die Nestlinge gut gedeihen. Ab und zu werden Bienen oder Wespen verfüttert, vorher reissen sie diesen mit dem Schnabel den Stachel aus. Nach 14 bis 16 Tagen verlassen die Jungen das Nest, sind aber noch unselbstständig, können noch nicht richtig fliegen und kraxeln in der Hecke herum.

Die Eltern versorgen ihren Nachwuchs weiter mit Futter, doch schon bald verspüren die Jungvögel den Drang, ganz nach Würger-Art, exponiert zu sitzen und unternehmen die ersten Jagdversuche. Dies geschieht ab dem 26. Lebenstag, sie werden von den Eltern aber erst nach rund 37 Tagen in die Selbstständigkeit entlassen.

Neuntöter verhalten sich das ganze Jahr territorial. Zu Zusammenschlüssen kommt es auch auf dem Zug nicht. Grössere Ansammlungen, beispielsweise an beliebten Rastplätzen, entstehen nur zufällig. Nach dem Ausfliegen der Jungvögel schliessen sich manchmal nichtbrütende Männchen den Familien an, beteiligen sich an der Fütterung der Jungen oder betätigen sich als «Vorsänger». Auffällig oft kümmern sich Neuntöter-Männchen um die heranwachsenden Jungvögel (Bild unten).

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Anfang August löst sich die Familie auf und Alt- wie später die Jungvögel machen sich auf den Weg ins weit entfernte Winterquartier im südlichen Afrika. Erwähnenswert ist die Besonderheit, dass der Wegzug der Neuntöter in Mitteleuropa ostwärts über die Adria und den Balkan erfolgt, während der Heimzug im Frühjahr noch weiter östlich über die Arabische Halbinsel und die Türkei (sogenannte Bosporus-Route) zurück in die Brutgebiete führt. Dieses besondere Zugverhalten bezeichnet man als «Schleifenzug».


Förderung des Neuntöters
Anfangs des 20. Jahrhunderts waren noch vier Arten aus der Familie der Würger als Brutvögel in der Schweiz ansässig, darunter der Raubwürger (Bild unten links) und der Rotkopfwürger (Bild unten rechts), die heute nur noch als Wintergast resp. seltene Durchzügler in der Schweiz zu beobachten sind.

Geblieben ist davon nur der Neuntöter. Aber auch bei seinem Bestand geht es seit 2006 fast unvermindert bergab. Verantwortlich sind wie so oft Lebensraumverluste und der Niedergang an Grossinsekten, seiner bevorzugten Beute. Im Gegensatz zu anderen Vogelarten reagieren Neuntöter jedoch häufig rasch auf die Neugestaltung und Aufwertung von Lebensräumen. Hier hat eine gezielte Förderung Aussicht auf Erfolg.

Die Förderung und Pflege dornenreicher Hecken, Einzelbüsche und grosser Asthaufen ist eine gute Möglichkeit, um Lebensräume für den Neuntöter zu verbessern oder neu zu schaffen. Schwarz- und Weissdorn sowie Heckenrosen sind für den Neuntöter besonders wertvoll. Sie bieten Dornen zum Aufspiessen der Beute, Ansitzwarten und Versteckmöglichkeiten. Weitere einheimische Wildsträucher komplettieren die artenreiche Hecke.

Eine Hecke allein macht jedoch noch keinen Neuntöter-Lebensraum. Wichtig ist, dass im nahen Umkreis genug grosse Flächen mit Nutzungsformen wie extensiven Wiesen und Weiden vorhanden sind, die im Gegensatz zu den meisten intensiv bewirtschafteten und pestizidbelasteten Flächen ausreichend Beuteinsekten beheimaten. Auch sollte der Lebensraum nicht von Waldrändern umfasst und am besten südlich/westlich exponiert sein

Es ist ein Alarmzeichen, dass sich der Bestand des Neuntöters in den letzten 30 Jahren halbiert hat. Die Investitionen in Milliardenhöhe in die Landwirtschaft durch den Bund begünstigen grösstenteils eine Produktion, welche weder auf die Biodiversität noch auf Böden und Wasser ausreichend Rücksicht nimmt. BirdLife Schweiz fordert daher ein massives Umdenken in der Subventionspolitik für die Landwirtschaft sowie die Unterstützung und rasche Umsetzung der Ökologischen Infrastruktur.

 

 

Das Förderprojekt Farnsberg
Am Farnsberg haben BirdLife Schweiz, Landwirte und weitere Projektpartner erstmals offene Bodenstreifen in substanziellem Umfang umgesetzt. Dabei wird ein maschinenbreiter Streifen mindestens zweimal jährlich mit einer Egge bearbeitet und so die aufkommende Vegetation zurückgedrängt. Die offenen Bodenstreifen wurden vom Neuntöter bei der Nahrungssuche stark bevorzugt. Alternativ kann auch eine lückige Vegetation auf einer grösseren Fläche ausreichenden Jagderfolg bieten.

Der Vogel des Jahres 2020 und das Projekt Farnsberg werden im folgenden Video von BirdLife Schweiz ausführlicher vorgestellt.

www.benifoto.ch

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