«Wir leben in einer Wellness-Zone»

Stiller Has treten mit «Endosaurusrex» im Nordportal auf. Frontmann und Mundart-Legende Endo Anaconda erklärt, wie die aktuelle CD zustande gekommen ist.

Mundart-Legende Endo Anaconda von «Stiller Has»
Mundart-Legende Endo Anaconda von «Stiller Has» (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

30. November 2017
09:00

Andreas Flückiger

Andreas Flückiger alias Endo Anaconda wird am 6. September 1955 als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizer Polizisten in Burgdorf geboren. Nach dem Tod seines Vaters besucht er im zweiten Teil seiner Jugend ein Internat in Klagenfurt und verbringt die Sommerferien weiter bei seinen Grosseltern im Emmental. Nach seiner Lehre als Siebdrucker in Wien kehrt er in den 80er-Jahren in die Schweiz zurück und wirkt in verschiedenen Berner Musikgruppen mit, ehe er 1989 mit Balts Nill das Duo Stiller Has gründet. 1996 schaffen sie mit dem Album «Moudi» den Durchbruch. Zu den bekanntesten Liedern zählen «Walliselle», «Znüni näh», «Aare» und «Hündeler». Von der aktuellen CD «Endosaurusrex» wurde die melancholische Liebesballade «Flieder» am häufigsten im Radio gespielt. Anaconda hat drei Kinder von drei verschiedenen Frauen.

Im Titelsong bezeichnen Sie sich als letzten Ihrer Art. Fürchten Sie momentan mehr den eigenen Tod oder das Aussterben der gesamten Menschheit?

Mein Ansatz ist schon universell. Wir leben in der Schweiz in einer Wellnesszone, einem kleinen geschützten Rahmen, während die Gesamtsituation der Welt – ökologisch und politisch – hochbrisant ist. Und je grösser die globalen Probleme werden, desto mehr sind wir in unserer Panik auf den eigenen Bauchnabel fixiert. 


Überlegten Sie schon, wie in «Zwärge» aus dem Land hinter den Bergen, wo Cowboys zu Gartenzwergen werden, zu fliehen?

Mir geht es nicht ums physische Auswandern, sondern um die geistige Haltung. Statt zu protestieren und sich zu engagieren, ziehen sich die Menschen ins Private zurück, sind mehr daheim, backen Cupcakes oder kaufen Kochbücher, obwohl sie nicht kochen. 


Weshalb hat der «Endosaurusrex» sein Jagdrevier vor einem Jahr aus Bern nach Trub verlegt?

Als Landei fühle ich mich im Emmental wohl und konnte dort an den Texten für die Lieder meines neuen Albums schreiben, ohne dauernd gestört zu werden. 


Im träfen und eingängigen Sittenbild «Hung» singen Sie «dr Mönsch sehnt sich nach Katastrophe, Hauptsach me isch nid betroffe» ...

Wir sind bereits daran gewöhnt, dass Klima und Finanzen global funktionieren, aber unser Mitgefühl ist noch national oder regional begrenzt. 


Haben Sie das Lied nicht auch unter dem Eindruck der Terroranschläge in Paris geschrieben?

Ich war natürlich geschockt, mehr als wenn in Kabul eine Autobombe explodiert. Besonders betroffen war ich, weil ausgerechnet ein Musikclub ins Visier genommen wurde. Schliesslich wollen wir Kulturschaffenden die Menschen zusammenbringen und nicht aufhetzen wie so manche Politiker, welche die Burka-Debatte für ihre Propaganda missbrauchen, obwohl diese fast nur von muslimischen Frauen in Saudi-Arabien getragen wird oder von zahlungskräftigen Touristinnen in Interlaken. Wir haben auch keine Flüchtlingskrise, die Flüchtlinge stecken in einer Krise!


Was fasziniert Sie an Lee Van Cleef so, dass Sie ihm das gleichnamige Lied gewidmet haben?

Vielleicht ist es die Sehnsucht nach Helden, die mit ihrem Peacemaker auf faire Weise und ohne grosse Kollateralschäden das Böse aus der Welt schaffen, gegenüber dem man sich oft so hilflos fühlt. Als Western-Fan dachte ich sofort an Lee Van Cleef, würde aber auch von König Arthus Hilfe annehmen …


Wie viel entsteht in Ihrer Kunst aus dem Moment, wie viel ist harte Knochenarbeit?

Zu jedem Songtext führe ich ein Dossier, wobei 80 Prozent der Ideen, die ich drin gesammelt habe, Müll sind. Ich finde, dass gute Texte Kon­trapunkte brauchen und vielschichtig sein müssen. Wenn Leute sich beklagen, dass sie nicht verstehen, was ich meine, antworte ich, dass sie jeder selbst deuten soll. «Auf der Blüemlis­alp ist es schön und es hat Kühe», ist eine klare Aussage, doch sie berührt mich nicht. Spannend finde ich Werke wie «Der kleine Prinz» oder «Der Fänger im Roggen». Sie haben meinen Nerv getroffen.


Hat sich der kreative Prozess durch Ihre neuen musikalischen Partner verändert?

Das Texten nicht, aber die Aufnahme der Platte schon. Während wir früher mit dem Kassettenrekorder geprobt haben, verfügen Roman Wyss und Mario Batkovic beide über moderne High End Studios. So konnten wir viel rationeller arbeiten und hatten mehr Zeit, in die Details zu ge-hen. Die Gesänge waren jedoch fast alle «first takes». 


Die Technik war aber wohl nicht der einzige Grund?

Nein, als ich mich von der Operation meines Nebennierentumors erholt hatte und viele Texte schrieb, hatte Schifer Schafer, mit dem ich seit 16 Jahren zusammen arbeitete, gesundheitliche Probleme. Ausserdem ist er keine Maschine, die auf Befehl Musik ausspucken kann. Obwohl sich nun die Zusammen­arbeit mit Roman und Mario ergeben hat, schliesse ich nicht aus, zum Konzept einer Bluesrock-Band zurückzu­kehren. Schifer Schafer und ich haben auch keinen Krach, obwohl gewisse Leute natürlich sofort Verrat witterten … 


Wie haben Sie Ihre Kollaborateure gefunden?

Roman kannte ich von seinem «Nachtfieber»-Projekt, bei dem er mit seiner Big Band und wechselnden Gästen Galakonzerte gibt. Ich durfte da schon zwei, drei Mal dabei sein. Mario habe ich zuerst um 4 Uhr nachts in der Kreissaal Bar getroffen und dann wieder gesehen, als er den Anerkennungspreis des Kantons Bern bekam. Als ich ihm erzählte, dass ich Slibowitz liebe, hat er mir eine exzellente Flasche aus Kroatien mitgebracht. Er war mir jedoch vorher schon sympathisch!


Welchen Bezug haben Sie zur slawischen Volksmusik, die er zu zwei Liedern beigesteuert hat?

Da ich in Südkärnten aufgewachsen bin und oft nach Jugoslawien und Ungarn reiste, mag ich den Csàrdàs und andere Balkan-Klänge. Bei «Julia» war es sogar so, dass diese mich zum Text inspiriert haben. 


Was hat es mit dem Moudi auf sich, der in «Witwe» wieder auftaucht?

Der Kater steht für alles, was man verdrängt oder nicht zugeben will. Er streunt durch die Stadt, betrinkt sich und risikiert eine dicke Lippe. Er symbolisiert die andere Seite unserer Seele, das Rammlige, das man manchmal auch hat. 


«Endosaurusrex» klingt zugänglicher als die Vorgänger. Auch live?

Das Quartett, mit dem ich toure, ist mehr ein Orchester als eine Band. All diese Phantasien von Sex, Drugs & Rock’n’Roll gehören für mich der Vergangenheit an. Ich kann arrangieren, habe ein gutes Rhythmusgefühl, aber ich bin kein Musiker, sondern ein Sänger, der vor allem seine Texte rüberbringen will. Dieter Meier hat dazu einmal gesagt, er bewundere, wie ich mich durch meine Geschichten rasple. Zuerst wurde ich hässig, aber dann sagte ich mir: Er hat recht. Ich bin ein Erzähler und kein wahnsinniger Sänger. Zumindest kein Stimmvirtuose …



Freitag, 1. Dezember, 20.30 Uhr
Nordportal Baden
www.stillerhas.ch 

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