«Wir sahen uns nicht als politische Band»

Michi Beck der Fantastischen Vier spricht über die Politisierung des Albums «Captain Fantastic», Generationenkonflikte und Ambitionen der Band.

Die Fantastischen Vier: Michi Beck, Thomas D., Smudo, And.Ypsilon (von links) (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

27. Dezember 2018
09:00

Die Fantastischen Vier

Die Fantastischen Vier, die den deutschsprachigen Rap mit humorvollen Hits wie «Die da», «Sie ist weg» und «MfG» in den Neunzigerjahren populär machten, haben sich in ihrer zweiten Dekade zur einer der spannendsten europäischen HipHop-Formationen weiterentwickelt. Das ungleiche Quartett Smudo, Thomas D, Michi Beck und Produzent And.Ypsilon bringt abwechslungsreiche Alben hervor, die ebenso zugänglich wie künstlerisch ambitioniert sind, kritische Töne anschlagen und und an-

steckende Lebensfreude vermitteln. Der Titel des  zehnten Studioalbums «Captain Fantastic» ist nur eine leichte, in dieser Musikgattung absolut übliche Übertreibung, denn die Schwaben begeistern einmal mehr mit dem, was sie stark gemacht hat, und setzen dank der Zusammenarbeit mit jüngeren Koautoren neue Akzente. 

diefantastischenvier.de

Ihr habt mit der letzten Tour euer 25-Jahr-Band-Jubiläum gefeiert. Ist «Captain Fantastic» davon beeinflusst?

Michi Beck: Wir fanden, beim zehnten Studioalbum können wir uns erlauben, vermehrt rappend auf den Putz zu hauen, quasi «back to good old classical rap». Da wir zu Ironie und Sarkasmus neigen, wollten wir kein Loblied auf uns selber singen. So brauchten wir den Input von Koautoren wie Samy Deluxe, Curse und unserer tollen Neuentdeckung Damion Davis. Dabei kamen Huldigungsreime raus, die wir uns nie getraut hätten, selber zu schreiben. Diese modelten wir dann nach unserer Sprechweise um. Die andere Geschichte ist, dass wir keinen Bock mehr hatten aufs klassische Storytelling.

 

Weshalb?

Wir finden es nicht mehr zeitgemäss. Bei unseren letzten Alben gefielen mir immer diejenigen Sachen am besten, die eine Aussage oder veritable Punchlines hatten. Was interessiert uns überhaupt, fragten wir uns in der Band? Die Dinge, die in der Welt passieren, Politik, war die einhellige Meinung. Wir hatten zwar mit der Beteiligung an der Initiative «Laut gegen Nazis» ein politisches Statement abgegeben, sahen uns aber bisher nicht als politische Band. 

  

Die vielen Konflikte haben etwas ausgelöst ...

Es schwelte was im Untergrund, und plötzlich war die erste Strophe von «Endzeitstimmung» da. Der Reim «Es wär ’ne wunderschöne Welt ohne Religion, Michi Beck is on the motherfuckin‘ microphone» hat nur noch quasi den Nagel reingehauen, aber lange Diskussionen in der Band nach sich gezogen. Thomas D. fand sofort, wir lebten in einer Zeit der Schlagzeilen, Aussagen, Statements. Bei Smudo dauerte die Überzeugungsarbeit länger, meinte er doch, Texte wie diese seien kontrovers. Am Ende war auch er überzeugt, es sei richtig, Klartext zu reden und nicht einen künstlichen Filter einzubauen. Das hat uns extrem beflügelt, weil es Neuland für uns war.

  

Glaubt man dem Making-of über das Video von «Zusammen» im Internet, gibt es diese Mischung aus klassischen Fanta-Vier- und moderneren Hip-hop-Elementen, weil euer Manager ein Machtwort gesprochen hat ...

Genau so war es! Er zitierte uns in sein Büro und setzte uns diesen merkwürdigen Sänger vor. Da drehte ich durch, weil plötzlich einer in der Band jünger und besser aussah als ich! (Lacht.) Aber Spass beiseite: So inszenierten wir das, um allfälliger Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Unglaublich, wie viele Menschen im Netz das ernst nahmen! 

 

Wie kamt ihr auf Clueso?

Wir entdeckten ihn Ende der 90er-Jahre, hatten aber noch nie etwas Kreatives zusammen gemacht. Aber dann hatten wir diesen Track, an dem fast alle Koautoren mitgearbeitet haben. Damion brachte uns auf die Idee, Clueso für den Chorus anzufragen. Als dieser unser Anliegen hörte, stimmte er voller Begeisterung zu. So gesehen ist «Zusammen» ein Manifest für das ganze Album.

  

Hätten Sie sich vor 25 Jahren vorstellen können, dass Sie mit 50 noch rappen?

Natürlich nicht. Bereits Ende 20 behauptete ich, mit 30 nicht mehr auf der Bühne zu stehen. Thomas D. wird Ihnen bestätigen, dass ich bereits «Lauschgift» als meine letzte Platte ankündigte. Und jetzt sitze ich immer noch hier.

  

Und in 25 Jahren sind Sie so alt wie Mick Jagger …

Schon mit 25 Jahren fragte ich mich, was alte Knacker wie die Stones noch wollen. Aber es ist mir auch bewusst, dass die Kids von heute uns 50-jährige Rapper hassen werden. Und das ist völlig in Ordnung.

  

Besteht nicht die Gefahr, dass ihr mit «Captain Fantastic» viele junge Fans dazu gewinnt?

Alle sind willkommen – auch diejenigen, die uns hassen. Das Leben, die Kunst, die Kreativität sind einem ständigen Perspektivenwechsel unterzogen. Deswegen ist es völlig okay, wenn junge Künstler alte Kacke finden und alte Künstler sich selber geil.

 

Drückt die zweite Single «Tunnel» den Wunsch aus, zu euren Anfängen in den Untergrund zurückzukehren?

Nein, der Song hat ganz andere Wurzeln: Ich besitze ein Ferienhaus in Spanien und sagte zu meinen Nachbarn scherzhaft, falls Trump die Wahl gewinnen sollte, würde ich zwischen unseren Häusern einen Tunnel mit einem riesigen Club in der Mitte graben. Auf diese Art müssten wir nie mehr raus, weil draussen eh alles am Arsch ist. So entstand ein humorvoller Titel mit sozialkritischem Hintergrund.

 

Das Video zu «Tunnel» wirkt sehr aufwendig...

Ja, sehr aufwendig und sehr, sehr, sehr teuer, aber wir haben‘s ja! (Lacht.) Wir sind seit dreissig Jahren eine erfolgreiche Band, und es geht uns gut. Wir haben eine gut laufende Konzertagentur, wir haben da und dort Beteiligungen, und wir haben eine erfolgreiche Fernsehshow. Das ist beruhigend. 

 

Was motiviert Sie?

Ein Album wie dieses machen wir nicht des Geldes wegen, sondern weil wir Tracks brauchen, die wir live spielen können. Das ist unser Handwerk, nichts können wir besser als Musik machen und nichts in der Welt machen wir lieber als zu spielen. Das treibt uns an.

 

Ein solches Video ist also ein Luxus, den Sie sich leisten?

Ja, weil wir damit angeben wollen, wieder einmal Pioniere zu sein. Es gibt uns einen Kick und macht uns stolz, dass wir mit dieser Augmented-Reality-App die Ersten waren. Die hohen Kosten mussten wir zum Glück nicht alleine stemmen – die Plattenfirma hat uns unterstützt.

 

Sie wohnen schon lange in Berlin. Dort stöhnen die Preussen, dass die Stadt von Schwaben überschwemmt wird ... 

Dabei funktioniert sie doch nur dank uns überhaupt noch! (Lacht.)

  

Was führte Sie nach Berlin?

Als Four Music Stuttgart auf der Suche nach Talenten abgegrast hatte, zog ich 2001 mit meiner Frau, die ich kurz zuvor kennengelernt hatte und auch eine Veränderung wollte, und unserem Label nach Berlin. Ich gründete eine Familie und blieb, obwohl wir es vier Jahre später verkauft haben. Im Sommer liebe ich die Stadt, im sibirischen Winter hasse ich sie! (Lacht.)

 

Ist Ihre Beziehung zu Zürich, wo die Fanta Vier am 6. Januar wieder im Hallenstadion auftreten, eine rein musikalische?

Ich hatte einmal eine Freundin in Zürich. Aufgewachsen in Stuttgart, verbrachte ich auch viele Ferien in der Schweiz, weil meine Eltern lieber wanderten als im Meer zu schwimmen. Ich komme immer noch oft zum Skifahren her.

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