«Wir streiten noch nicht miteinander»

Schriftsteller Martin Suter und Musiker Stephan Eicher haben mit «Song Book» den ersten grossen gemeinsamen Wurf gelandet.

von
Reinhold Hönle

14. Januar 2018
09:00

Stephan Eicher und Martin Suter, beide wie gewohnt stilvoll gekleidet, der Berner im Künstler-Outfit und der Zürcher in Schale, sind noch im lockeren Gespräch mit ihrem Verleger Philipp Keel, als wir sie im Diogenes-Verlag zum Interview treffen. Während Eicher die Gesprächspartner gerne mit mehrdeutigen Antworten amüsiert oder verunsichert, wirken sie bei Suter verbindlich, aber nicht steif. Auch bei ihrem ersten ausgewachsenen Gemeinschaftsprojekt «Song Book», die aus einer CD, einem Buch mit Liedtexten und dazu fabulierten Geschichten sowie einer Tournee ab 27. Februar besteht, finden sie in Musik und Text eine passende und vielfältige Tonalität. Aus den 14 ganz neuen Liedern und 3 neuen Versionen bekannter Kollaborationen ragen manche heraus. Ein zweites «Weiss nid, was es isch» ist zwar nicht darunter, aber einen so magischen Song schreibt man vielleicht auch nur einmal im Leben. Dessen Banjo-Variation wirkt nun deutlich heiterer als das Original. Eine spezielle Magie strahlen jedoch auch das philosophische «Driissg Jahr» aus, das Liebeslied «Für immer» mit folkloristisch angehauchtem Chor und die Ballade «Gang nid eso», die klassische Elemente enthält und nach Zirkus klingt. 


Was haben Sie empfunden, als Sie vor bald 12 Jahren die erste Frucht Ihrer Zusammenarbeit gehört haben?

Martin Suter: Ich lag auf Ibiza mit einer Erkältung oder Grippe im Bett, als «Weiss nid was es isch», dass ich am Vortag geschrieben und gemailt hatte, vertont und gesungen zurückkam. Ich dachte: «Genauso muss es klingen!» Diesen Gedanken habe ich nicht jedes Mal, aber immer wieder, wenn wir zusammenarbeiten.

Stephan Eicher: Meine Erfahrung ist jüngeren Datums, da ich mich immer von seinen Texten inspirieren liess. Bei den letzten beiden Liedern auf «Song Book» war es erstmals umgekehrt. Als er mir den Text «Ds alte Paar» zu meinem Stück schickte, habe ich vor Rührung geweint. Ich habe sofort daran gedacht, wie meine Eltern aus ihrem Haus ins Altersheim zogen. Das hat mich ziemlich umgehauen. Auf diesen schwierigen Schritt wird man weder in der Sekundarschule noch an der Uni vorbereitet.


Welche Ideen liefern Sie dem Koautor mit?

Eicher: Es ist nicht so, dass mir Martin sagt, welche Musik er sich zu einem Text vorstellt. Oder nur selten. Er sagt ja immer, er will eine Country-Nummer! (lacht) Nein, ich glaube, wir lassen uns maximale Freiheit: Jeder macht seine Arbeit und hofft auf die bestmögliche Ergänzung des anderen, der meistens weit weg ist. Und jedes Mal ist das Produkt grösser als das, was jeder von uns allein könnte. Das erzeugt in mir ein extremes Hochgefühl – wie alle Sachen auf dieser Welt, die gelingen, weil Menschen gut zusammenarbeiten.


Wie nimmt ein Schriftsteller diese zusätzliche Dimension wahr? 

Suter: Bisher war es den meisten Leuten nicht bewusst, dass ich hin und wieder einen Text für Stephan schreibe. Da es nun erstmals ein ganzes Album ist und wir gemeinsam auf Tournee gehen werden, könnte sich das nun ändern. Generell sind Songtexter aber ebenso wenig im öffentlichen Bewusstsein wie Drehbuchautoren. Es gibt nur wenige Eingeweihte. Einmal bin ich jedoch einem begegnet, als ich mit dem Zwillingskinderwagen der Limmat spazieren ging. Ein Velofahrer, in dessen Anhänger zwei Kinder sassen, hat angehalten und gefragt: «Zrügg zu mir – wem sagt er das?» Ich antworte: «Dem Neuen sagt er das über seine Ex». Worauf er aufatmet: «Gut, das habe ich mir gedacht!» [Hinweis: «Zrügg zu mir» ist ebenfalls eine Zusammenarbeit von 2007]


Wie haben Sie Ihren Auftritt bei Stephans Eichers Konzert am Zürcher «Live At Sunset» im Juli in Erinnerung?

Suter: Der Zuspruch von so vielen Leuten, die eigentlich nicht an eine Lesung gehen wollten, war für mich eine neue Erfahrung. Zumal nur wenige wussten, dass ich dort sein würde.

Eicher: Es waren schon einige mehr! Und als du auf die Bühne kamst, haben sich bei allen die Herzen geöffnet. In Anbetracht dessen ist das Lesen damals noch zu kurz gekommen. 


Wie gross ist die Streitlust, von der Martin Suter im «Songbook» erzählt, bei Ihnen tatsächlich?

Eicher: Leider meinte Martin in einem früheren Interview, wir seien dann doch nicht so gute Freunde, dass wir schon miteinander streiten würden ... (lacht) Nein, wird sind auf der Hut, dass so ein Bullshit wie das Streiten zwischen uns nicht aufkommt. Deshalb verzichten wir darauf, gemeinsam zu kochen. Da würden vermutlich die Fetzen fliegen. Auch die künstlerische Distanz ist wohlüberlegt. 


Bei einigen Zwischentexten, die Martin Suter zu den Liedern geschrieben hat, kann man sich vorstellen, dass sie von der Realität inspiriert sind. Als Strahler oder Hornusser kann ich Sie mir allerdings nicht vorstellen ... 

Suter: Als wir unser Projekt anlässlich einer Matinée im Bernhard Theater vorstellten, und ich vom Strahlen erzählte, zeigte sich die «Glanz & Gloria»-Interviewerin sehr erstaunt. Ich sagte, dass wir unser Hobby nicht an die grosse Glocke hängen würden. Als ich danach in jedem folgenden Interview auf dieses Thema angesprochen wurde, sah ich mich schliesslich zum Geständnis gezwungen, dass diese Geschichte frei erfunden ist. So warne ich zu Beginn des «Song Books», nicht alles für bare Münze zu nehmen.

Eicher: Ich glaube langsam, wir sollten alles, was im Buch beschrieben ist, wirklich einmal zusammen machen und in einem Film festhalten! (lacht)


Das Publikum scheint Ihnen beiden neben der Kunst noch einiges Andere zuzutrauen.

Eicher: Schauen Sie uns doch an, Hochstapler wie sie im Buche stehen! Aber solange man das nicht merkt ...

Suter: Unsere Lieder haben oft mit dem Ernst des Lebens zu tun. Wären die Zwischentexte auch in dieser Tonlage, ergäbe das vielleicht zu schwere Kost.


Wie können Sie als Zürcher eigentlich in Berner Mundart dichten?

Suter: Da jede Mundart andere Reime hat, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als es tun. Wenn ich unsicher bin, konsultiere ich das Berndeutsche Wörterbuch, das leider unvollständig ist. Dann rufe ich manchmal Stephan an, oft wälze ich solche Probleme jedoch zu so später Stunde, dass ich mich nicht getraue.


Sie gehen ab Februar erstmals gemeinsam auf Tournee. Was erwartet die Leute?

Eicher: Ein Abend mit uns beiden: Martin wird Geschichten lesen, während Stephan, der daneben steht, vor Freude fast vergeht. Ausserdem eine tolle Band, nicht allzu gross, doch facettenreich genug, um die Texte gut zu untermalen. Da wir noch nie zusammen auf Tour waren, wird es einige Zeit dauern, bis alles rund läuft. Gut möglich, dass sie dann fast vorbei ist. Aber wir haben auch vor dem Start noch Zeit, um an unserem Zusammenspiel zu feilen. 

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