Wo sind sie geblieben?

Insekten haben in den letzten 20 Jahren einen massiven Rückgang erlitten. Direkt davon betroffen sind die Vögel. Doch auch für den Menschen kann diese Entwicklung negative Folgen haben.

Hufeisen-Azurjungfer
Hufeisen-Azurjungfer (Bild: zVg/Insect Respect)

von
Beni Herzog

22. November 2018
09:00

«Sag mir wo die Blumen sind», so heisst ein Antikriegslied von Pete Seeger (1955), das von vielen Interpreten, u.a. Marlene Dietrich und Joan Baez, gesungen wurde. Es handelt von Blumenfeldern, von Blumenpflückerinnen und Soldaten, die der Krieg dahingerafft hat. Wo sind sie geblieben? Das muss man sich heute auch bei unzähligen Insektenarten fragen. In der modernen, intensiven Landwirtschaft tobt nämlich ein «chemischer Vernichtungskrieg» mit jährlich über 2000 Tonnen Pflanzenschutzmitteln. Hinzu kommen Pestizid-Einsätze in Privatgärten und immer mehr Monokulturen ohne Brachland, Hecken und Blumenwiesen, was Insekten das Leben schwer macht. 

Das Resultat (gemäss Roten Listen des Bundesamts für Umwelt): 40% aller Insektenarten sind in ihrem Bestand gefährdet, 5.5% aller Insekten, das sind 1100 Insektenarten, sind in den letzten 20 Jahren ausgestorben, bei den Bienen sind es knapp 12%. In Deutschland sind 75% der Insekten-Biomasse verschwunden. Das sind erschreckende Zahlen. Jeder merkt es selber: nach sommerlichen Autofahrten bleibt die Windschutzscheibe sauber, früher war sie «zugepflastert» mit toten Insekten.

 

Keine Hamburger und keine Schokolade

Zu kaum einer anderen Ordnung im Tierreich haben Menschen ein solch ambivalentes Verhältnis wie zu den Insekten. Jeder schätzt die Nützlichkeit von Bienen als Bestäuber und als Lieferant des wertvollen Honigs. Niemand würde einem schönen Schmetterling ein Haar krümmen.

  • Zu den «Sympathieträgern» im Insektenreich zählen Schmetterlinge (Roter Scheckenfalter), Libellen (Vierflecklibelle) und Wildbienen
    Zu den «Sympathieträgern» im Insektenreich zählen Schmetterlinge (Roter Scheckenfalter), Libellen (Vierflecklibelle) und Wildbienen (Bilder: bhe)

Aber wie steht es mit den lästigen Wespen, Fliegen und Mücken? Oder gar mit den gefährlichen Zecken oder den Heuschreckenschwärmen, die ganze Kulturen von Nutzpflanzen vernichten, mit dem Zünsler, der unsere Buchsbaumhecken kahl frisst? Und, und, und…, je nach Standpunkt empfinden wir Insekten als nützlich oder schädlich. Bei einigen Arten ist die Einordnung klar, bei anderen weniger, weil wir ihren Nutzen gar nicht kennen. Die Bartmücken beispielsweise sind blutsaugende Insekten, aber auch wertvolle Bestäuber. Die Tiere sind so winzig und einmalig geformt, dass sie die kleinen und engen Blüten des Kakaobaumes besonders gut bestäuben können – ohne sie gäbe es keine Schokolade. Auch Entrecôtes und Hamburger könnten wir vergessen, denn Rinder ernähren sich grösstenteils von insektenbestäubten Pflanzen.

Doch nicht nur wir Menschen sind auf Insekten angewiesen. Für zahlreiche Tiere stehen sie am Anfang der Nahrungskette – allen voran die Vögel. Auch sie leiden unter dem voranschreitenden Insektensterben. 60 Prozent aller insektenfressenden Vögel im Kulturland sind in den letzten 25 Jahren verschwunden. Wann haben Sie zum letzten Mal eine singende Feldlerche oder einen Kuckuck gehört? Dass Landwirtschaft auch anders funktioniert, zeigt die immer grössere Zahl von Landwirten, die biologisch produzieren.

  • Zu den Vögeln, die sich ausschliesslich oder mehrheitlich von Insekten ernähren gehören das Braunkehlchen, die Haubenmeise und die Bachstelze
    Zu den Vögeln, die sich ausschliesslich oder mehrheitlich von Insekten ernähren gehören das Braunkehlchen, die Haubenmeise und die Bachstelze (Bilder: bhe)

Lobby für die Insekten

Grund genug, alles erdenklich Mögliche zu unternehmen, um den gegenwärtigen Trend des Insektenrückgangs zu stoppen. Das hat vor einigen Jahren auch der Biozid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus aus Bielefeld (D) erkannt und die Offensive Insect Respect ins Leben gerufen. Nach zahlreichen konkreten Aktionen und zwei Informationsveranstaltungen in Deutschland hat am 15. November 2018 der erste «Tag der Insekten» der Schweiz in Aarau stattgefunden. Unter dem Patronat von Insect Respect und BirdLife Schweiz sowie dem Kanton Aargau, dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) und der Migros organisierte der Verband BirdLife Aargau ein abwechslungsreiches Informations- und Diskussionsforum in der Berufsschule Aarau. Namhafte Referenten wie Hans Rudolf Herren, Insektenforscher und Träger des Welternährungspreises, Vertreter des BAFU und des Kantons Aargau, des Schweizerischen Bauernverbandes sowie verschiedener Umweltorganisationen brachten ihr Wissen und Lösungsansätze zur vielschichtigen Problematik ein. Sogar Bertrand Piccard sandte eine Videobotschaft. Rund 220 Personen – von Behördenmitgliedern über Naturgärtner, Landwirte bis zu umweltbewussten und besorgten Privatpersonen – nahmen an der von Helen Issler moderierten Veranstaltung teil. Hans-Dietrich Reckhaus, der sich für die Insektenwelt vom Saulus zum Paulus gewandelt hat, gab den Teilnehmenden als Schlusswort mit: «Wir sind die Lobby für die Insekten, lasst uns die Botschaft dieser Veranstaltung in die Welt hinaustragen – und vor allem: lasst uns schnell handeln.»

  • Hans-Dietrich Reckhaus zeigt, was vom Cheeseburger ohne Insekten übrigbleibt – nur zwei Brotscheiben
    Hans-Dietrich Reckhaus zeigt, was vom Cheeseburger ohne Insekten übrigbleibt – nur zwei Brotscheiben (Bilder: zVg/Insect Respect)
  • Podiumsgespräch mit von links nach rechts: Hans Rudolf Herren, Fabienne Thomas, Schweiz. Bauernverband, Hans-Dietrich Reckhaus, Helen Issler, Werner Müller, BirdLife Schweiz, Isabelle Glanzmann, Ameisenzeit
    Podiumsgespräch mit von links nach rechts: Hans Rudolf Herren, Fabienne Thomas, Schweiz. Bauernverband, Hans-Dietrich Reckhaus, Helen Issler, Werner Müller, BirdLife Schweiz, Isabelle Glanzmann, Ameisenzeit
  • Prominenter Gast am Tag der Insekten war Hans Rudolf Herren, Insektenforscher und Träger des Welternährungspreises
    Prominenter Gast am Tag der Insekten war Hans Rudolf Herren, Insektenforscher und Träger des Welternährungspreises

Wert der Insekten für den Menschen und die Ökologie

Der Nutzen, den Insekten für die Natur und den Menschen stiften, ist ebenso vielseitig wie unschätzbar:Zehn gute Gründe, Insekten zu respektieren

  1. Resilienz: Insekten geben der Natur mehr Widerstandskraft
    Als artenreichste Tierklasse tragen Insekten massgeblich zur Biodiversität auf unserem Planeten bei. Sie halten den Kreislauf von Ernährung, Verdauung und Verwesung im Gleichgewicht.
  2. Bestäubung: Insekten halten die Pflanzenwelt am Leben
    Nicht nur die fleissigen Bienen, auch Mücken, Fliegen und viele weitere Insekten tragen durch Bestäubung oder Samentransport zur Fortpflanzung der Flora bei. Bis zu 75% unserer Kulturpflanzen und bis zu 90% aller Wildpflanzen sind auf Insekten angewiesen. Diese Leistung ist Geld wert: Experten schätzen zum Beispiel den wirtschaftlichen Nutzen der Bestäubung auf 265 Mia. Euro pro Jahr.
  3. Ökosystem: Insekten sind ein wichtiger Teil der Nahrungskette
    Die meisten Vögel, Süsswasserfische, Reptilien und Amphibien sowie diverse Säugetiere sind bei der Ernährung auf Insekten angewiesen. Die Nahrung von Süsswasser-Speisefischen besteht bis zu 90% aus Insekten-Larven.
  4. Futter und Essen: Insekten sichern die Welternährung
    Rund ein Drittel aller Nahrungsmittel geht auf die Bestäubung durch Insekten zurück. Obstpflanzen, niederwüchsige Früchte und Gemüse sind ohne Insekten nicht vorstellbar. Mücken sind die einzigen Bestäuber des Kakaobaums, so dass in jeder Schokolade auch die Arbeit von Insekten steckt.
  5. Hygiene: Insekten befreien uns von «Müll»
    Ohne Insekten hätten wir ein grosses Hygieneproblem. Was passiert z.B. mit all den Kuhfladen auf unseren Weiden? Insekten, die sich von Kot ernähren, kümmern sich um die Misthaufen. 
  6. Böden: Insekten machen unsere Erde fruchtbar
    Wie die Regenwürmer sind viele Insekten an der Umlagerung, Durchmischung und Durchlüftung des Erdreichs beteiligt. Dies fördert die «Atmung» des Bodens und die Wurzelbildung der Pflanzen. 
  7. Kleidung: Insekten sind für die Textilproduktion unabdingbar
    Ohne Insekten würden wir ziemlich nackt dastehen. Das bezieht sich nicht allein auf die Seide, die von einem Insekt produziert wird. Ohne die aktive Mitwirkung von Insekten könnte auch die Baumwollpflanze nicht gedeihen. 
  8. Industrie: Insekten produzieren ChemikalienElektrische Geräte, Schuhcremes, Haarsprays, Nagellack, Bodenpolituren, Druckfarben usw. brauchen die Aussonderungen von Schmier- und Mehlläusen.
  9. Medizin: Insekten können heilen und Heilpflanzen bestäuben
    Die meisten gesundheitsfördernden Pflanzen kommen ohne die Bestäubung durch Insekten nicht aus, zum Beispiel Baldrian, Lavendel, Melisse, Eukalyptus, Kamille, Johanniskraut und Salbei.
  10. Forschung: Insekten sind wissenschaftlich äusserst wertvoll
    Motten können bis zu 100- mal feiner als wir Menschen riechen, Ameisen können ein Mehrfaches ihres Körpergewichtes tragen, Mücken trotzen mühelos der Kraft von grossen Regentropfen und Käfer orientieren sich zuverlässig ohne elektronisches Navigationssystem an den Sternen.

Interessierte können sich den Animationsfilm «Kleine Riesen» unter folgendem Link anschauen: www.insect-respect.org. 

Der bekannte Insektenforscher Edward Wilson sagt: «Ohne Insekten überlebt die Menschheit nur noch wenige Monate.»


Für Nostalgiker noch ein Leckerbissen: Das nachfolgende Video zeigt Marlene Dietrich bei der Interpretation des eingangs erwähnten Liedes «Sag mir, wo die Blumen sind». Die in früheren Jahren saloppe «Lilly Marlene» wirkt hier eher traurig und nachdenklich.

 

www.benifoto.ch 

Kommentare (2)

  1. Isabella Lüthi
    Isabella Lüthi am 24.11.2018
    Was für ein interessanter, informativer Bericht mit einmaligen Bildern von Vögeln, wie man sie nie zu sehen bekommt. Vielen Dank.
    Antworten

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  2. Thomas
    Thomas am 24.11.2018
    Lieber Beni
    Bin so sehr froh, dass Du in der Region die Stimme für den Erhalt der Sensibilität der Natur gegenüber darstellst. Dass Du den Mut hast uns Dinge zu zeigen und zu sagen, welche für so Starplaner und Starpolitiker so unbedeutend wurden. Dass Du uns eine Welt zeigst, welche nicht auf Ego und ich, ich, ich konzipiert ist. Herzlichen Dank
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