«Alle sollen Unterstützung bekommen»

In Brugg entsteht ein Netzwerk von Freiwilligen im Bereich der Palliative Care. Damit will man der «sorgenden Gesellschaft» ein Stück näherrücken.

Jürg Baur ist neuer Stadtrat von Brugg (Bild: Archiv)
«Der Tod ist Teil unseres Lebens»: Stadtrat Jürg Baur engagiert sich im Bereich der «Palliative Care» (Bild: mw)

von
Annegret Ruoff

17. Januar 2019
09:00

Palliative Care in der Stadt Brugg

Das Projekt, an welchem nebst der Stadt auch das Hospiz Aargau, die Palliative Spitex Region Nord-Ostaargau und Palliative Aargau beteiligt sind, sieht ein Netzwerk von Nachbarschaftshilfe vor für Menschen, die an chronischen Erkrankungen leiden oder unheilbar krank sind. Nach der Kick-off-Veranstaltung im September werden nun Arbeitsgruppen für die Bereiche Koordination, Öffentlichkeitsarbeit und Fachliche Themen gebildet. Alle Interessierten sind willkommen.

Dienstag, 22. Januar, 18 bis 20 Uhr
Bei der Spitex Region Brugg AG
Schwimmbadstrasse 4, Windisch

Jürg Baur, Sie setzen sich als Stadtrat für das Projekt «Palliative Care Brugg» ein. Waren Sie von diesem Thema auch schon betroffen?

Es ist ein spezieller Zufall, dass exakt am Tag dieses Interviews, vor sechs Jahren, mein Vater verstarb – an Krebs. Er war am Ende für eine kurze Zeit im Hospiz in Brugg, davor konnte er zu Hause sein, unterstützt durch meine Mutter und die ganze Nachbarschaft. Meine Eltern wohnten in einem Mehrfamilienhaus in Hausen, und da halfen sich alle aus. Die Nachbarn hatten meine Telefonnummer, und ich wusste, dass sie sich melden, wenn was ist. Das ist heute noch so. Meine Mutter, sie wird dieses Jahr neunzig, wird von den Menschen in der Nachbarschaft grossartig unterstützt. Man hilft ihr nicht nur im Notfall, sondern auch bei ganz kleinen Sachen – zum Beispiel beim Altpapierbündeln.

  

Auf die Nachbarschaftshilfe setzt auch das Projekt «Palliative Care Brugg». Es baut im Kern auf Freiwilligenarbeit auf – dies in einer Zeit, wo andernorts – zum Beispiel bei den Vereinen – kaum mehr Freiwillige zu finden sind. Ist das wirklich zukunftsträchtig?

Nicht alles im Bereich der Palliative Care wird von Freiwilligen geleistet. Sie sind vielmehr ein Teil des Ganzen. Ohne Freiwilligenarbeit würde unsere Gesellschaft ja gar nicht funktionieren. Persönlich bin ich davon überzeugt, dass das Projekt «Palliative Care Brugg» den Weg in die Zukunft findet. Zugegeben, der Aufbau ist anspruchsvoll. Denn die Freiwil­ligen in diesem sensiblen Bereich müssen gut ausgewählt und geschult werden. Zugleich möchte ich klar festhalten: Es geht nicht darum, dass Freiwillige die Arbeit von fehlenden Fachkräften übernehmen. Vielmehr  sollen sie deren Arbeit ergänzen. 

 

Was bedeutet das konkret?

Einer unheilbar erkrankten Person ein Glas Wasser zu reichen, ihr beim Gang aufs WC zu helfen, einen Fahrdienst zu leisten, etwas vorzulesen oder spazieren zu gehen. Es geht um kleine, alltägliche Dinge. Ich bin überzeugt, dass das funktioniert. Es will aber gut koordiniert sein.

 

Die Koordination ist eine Schlüsselstelle des Projekts. Warum gliedert man sie nicht einfach bei der Spitex an?

Das alles ist noch nicht fix. Im Moment sucht man nach Lösungen, die funktionieren können. Sollte sich die Koordinationsstelle bei der Spitex unterbringen lassen, kann das meiner Meinung nach durchaus Sinn machen. 

 

Warum zielt «Palliative Care Brugg» hauptsächlich auf chronisch Kranke und Sterbende? Denkbar wäre ja auch die Ausweitung auf psychisch Kranke oder generell auf ältere Menschen. 

Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist, dass die meisten Leute das Bedürfnis haben, zu Hause zu sterben. Die Statistiken zeigen aber, dass achtzig Prozent der Menschen im Spital sterben. Hier setzt «Palliative Care Brugg» an. 

 

Die Stadt übernimmt mit diesem Projekt eine Pionierrolle innerhalb des Kantons. Warum?

Das kommt daher, dass wir in Brugg mit dem Hospiz und der gut organisierten regionalen Spitex optimale Voraussetzungen haben.

 

«Palliative Care Brugg» wirbt damit, zu einer «sorgenden Gesellschaft» beizutragen. Ist Brugg in dieser Hinsicht wirklich so vorbildlich?

Was die Sorge der Menschen füreinander angeht, kann man kaum für eine ganze Stadt sprechen, sondern eher von kleineren Zellen – einem Quartier, einer Wohneinheit etwa. Als Stadt haben wir aber eine Zentrumsfunktion. Deshalb ist die Koordination der Dienstleistungen im Bereich der «Palliative Care» ganz klar ein Legislaturziel des Stadtrats. Wir wollen in diesem Bereich unterstützend wirken – und dabei auch über die Stadtgrenzen hinausschauen. Alle Regionen stehen ja vor denselben Problemen. Dass wir diese zusammen angehen und lösen, ist wichtig.

 

Was braucht es, im Hinblick auf die «sorgende Gesellschaft», nebst der Koordinationsfunktion noch vonseiten der Stadt?

Zum Beispiel gesetzliche Grundlagen im Bereich der Freiwilligenarbeit. Diese fehlen im Moment selbst auf Bundesebene. Es geht also darum, vonseiten der Stadt die Rahmenbedingungen zu schafffen, damit man das Angedachte umsetzen kann. Wir haben in Brugg tolle Fachleute, die gerne bereit sind, tätig zu werden. Dafür braucht es die nötige Infrastruktur. Zudem bin ich überzeugt: Zeigt die öffentliche Hand ihr Engagement für dieses Projekt, steigt auch dessen Anerkennung in der Bevölkerung.

 

Bei allem Enthusiasmus: Welches sind die Stolpersteine bei der Umsetzung von «Palliative Care Brugg»?

Ich hoffe sehr, dass wir genug Leute finden, die mitmachen. Auch die Definition der Abgrenzungen wird eine Herausforderung: Wer macht was? Es hat in diesem Bereich ja sehr viele Beteiligte. Da braucht es einen guten Austausch: Koordination, aber auch effiziente Abläufe – und ein hohes Mass an Qualität. Als herausfordernd sehe ich auch den Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und die Erarbeitung der rechtlichen Grundlagen an.

 

Was ist damit gemeint?

Dabei gehts zum Beispiel um die Haftungsfrage, die versicherungstechnisch gelöst sein will. Gerade im Bereich der Palliative Care können Freiwillige sehr schnell in ein hohes Mass an Verantwortung hineingeraten. Da ist es wichtig, sie rechtlich zu entlasten. Und man muss klar definieren: Was ist Freiwilligenarbeit, und was müssen Fachpersonen übernehmen?

  

Im Bereich der Palliative Care sind im Aargau ja auch die Kirchen sehr stark. Sie haben mittlerweile ein grosses Netz an gut ausgebildeten Freiwilligen aufgebaut. Ist geplant, dieses Know-how ins Brugger Projekt miteinzubeziehen?

Das wäre sicher das Ziel. Es gibt ja viele Organisationen und Fachkräfte, die in diesem Sektor beheimatet sind. Wir werden alles dafür tun, sie in unser Netzwerk einzubinden.

  

Gehts um die Betreuung von unheilbar Kranken, setzen mittlerweile viele Vermögende auf die Anstellung von Pflegepersonal, sodass sie in den eigenen vier Wänden bleiben können. Werden auch ihnen in Zukunft Freiwillige zur Verfügung stehen?

Gehts um die Dienstleistung von Freiwilligen im Bereich der Palliative Care, sollen alle gleich behandelt werden. Alle, die Unterstützung brauchen, sollen sie auch bekommen. Da darf man nicht nach steuerbarem Einkommen vorgehen. Was die Endlichkeit des Lebens angeht, gibt es für mich keine Unterschiede. Ich glaube nicht, dass ein armer Mensch anders stirbt als ein reicher.

  

Der Tod wird heutzutage ja oft an einen externen Ort delegiert. Bringt eine Bewegung, wie Sie sie im Projekt «Palliative Care Brugg» vorsehen, das Sterben wieder zurück – mitten in unseren Alltag hinein?

Natürlich ist das ein längerfristiger Prozess, aber ich bin überzeugt, dass er  Schritt für Schritt gelingt. Kann man in den eigenen vier Wänden sterben, ist das viel wert. Der Tod ist Teil unseres Lebens. Wir können ihn – als Gesellschaft – nicht einfach ausschliessen.

  

Kommen wir von der Sinnfrage zu den Finanzen...

Das musste ja kommen (lacht). Die Stadt gab 2018 eine Anstossfinanzierung für das Projekt, damit die Vorarbeiten geleistet werden konnten. Nun gilt es, Wege für die Umsetzung zu finden. Das Thema «Palliative Care» bewegt die Politik, auch auf kantonaler und nationaler Ebene. Wenn das Projekt aufzeigt, dass nicht nur Kosten entstehen, sondern damit viel Geld gespart werden kann, wird die Stadt sicher alles dafür tun, hier auch finanzielle Unterstützung zu bieten. 

 

Zielt Ihre Vision, über das Projekt «Palliative Care Brugg» hinaus, in Zukunft auf einen Pool, bei dem man alle möglichen Dienstleistung von Freiwilligen beziehen kann?

Das kann ich mir gut vorstellen. Im Zentrum steht ja die Frage: Wer hat welche Ressourcen, welches Knowhow? Und wer braucht – auf der anderen Seite – in welchem Bereich Unterstützung? Das Angebot kann vom Fahrdienst über die Gartenhilfe bis hin zum Hundebesuch gehen. Auf der einen Seite ist dann etwa eine Hundebesitzerin und auf der anderen ein unheilbar Kranker, der sich nach einem Hund sehnt. Über die Koordinationsstelle soll es dann möglich sein, den entsprechenden Besuch einzufädeln. So haben letztlich alle etwas davon – auch der Hund! (lacht)

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