Als das Flussbaden populär war

Gross und Klein in Brugg pflegte im 19. Jahrhundert noch, ohne Schwimmwesten, hauptsächlich unterhalb der Altstadt in der Aare zu baden.

Blick vom Bruggerberg auf die Aare 1898. Im Vordergrund die Schützenmatt, im Hintergrund die Flussbadeanstalt von 1877. Die uferseitige Dachkonstruktion bildet heute den Kern des Fischerhauses.

02. September 2020
14:37

Lange Zeit galt Baden in offenen Gewässern als gefährlich, da die Menschen nicht schwimmen konnten. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Badekultur populärer, und spätestens im 19. Jahrhundert war in Brugg das Baden in der Aare ein beliebtes Freizeitvergnügen. Gross und Klein pflegte damals noch, ohne Schwimmwesten hauptsächlich unterhalb der Altstadt an der Ländi oder im Strängli zu baden und zu schwimmen. Mitte des 19. Jahrhunderts wünschten die Menschen auch in Brugg eine Badeanstalt. Es gab keine gut erreichbaren, genügend tiefe und doch ungefährlichen Uferstellen mehr. Die bisher beliebten Badestellen waren durch Veränderungen im Flussbett «gänzlich unbrauchbar» geworden. Zudem sollte eine Badestelle «Sicherheit gegen die Blicke von Zuschauern» bieten, namentlich für «Kinder, Töchter und Frauenzimmer».

1859 errichtete die Stadt deshalb die erste Brugger Badeanstalt am rechten Aareufer auf der Höhe der Casino-Brücke. Sie stand zuerst nur Mädchen und Frauen offen, ein Jahr später, nach einer kleinen Erweiterung, auch Knaben und Männern. 1877 musste diese Badeanstalt weiter flussaufwärts verschoben werden, um Platz für die Ausbildung der Pontoniere zu schaffen. Als 1898 eine umfassende Reparatur notwendig wurde, schlug der Stadtrat den Bau einer schwimmenden Eisenkonstruktion in der Vorstadt vor, und zwar in der sogenannten Waage auf der linken Aareseite, dem die Gemeindeversammlung zustimmte. Bereits 1859 wurde dieser Ort geprüft, aber damals verworfen, weil man befürchtete, dass eine Badeanstalt durch die Flösserei beschädigt werden könnte. Vier Jahrzehnte später hatte die Eisenbahn die Flösserei abgelöst.

 

  • Von 1899 bis 1936 befand sich die Flussbadeanstalt in der sogenannten Waage unterhalb der Vorstadt.
  • Das Brugger Strandbad von 1937. Im Vordergrund das Flussbad im Oberlauf des Kraftwerkkanals. Im Hintergrund das Nichtschwimmerbecken (heute mit grosser Rutschbahn).
  • Die Brugger Badi nach der Erweiterung um das 50-Meter-Becken 1958.
  • Die Brugger Badi mit Blick auf Umiken.

 

Zeitplan für Männer und Frauen
1899 nahm die neue Badeanstalt in der Vorstadt ihren Betrieb auf. Sie hatte in der Mitte einen Bereich für die Schwimmer- und Nichtschwimmer, vier Einzelbadezellen, Umkleidekabinen sowie eine Toilette. Die schwimmende Badi war von Montag bis Samstag von 5 bis 12 und 14 bis 21 Uhr sowie sonntags von 6 bis 12 Uhr und von 2 bis 19.30 Uhr geöffnet. Ein genauer Zeitplan bestimmte, wann Männer, Frauen, Knaben oder Mädchen baden durften, wobei am Wochenende nur Erwachsene zugelassen waren. Eine Bademeisterin übte die Aufsicht aus. Für ein Bad ohne Benutzung der Umkleidekabine mussten Erwachsene 10, für ein solches mit 15 Rappen bezahlen. Die Benutzung der Einzelbadezelle kostete 20 Rappen. Die Stadt Brugg erlebte damals ein starkes Bevölkerungswachstum, und bald einmal kam die Badeanstalt an ihre Grenzen. Viele zogen sich im Geissenschachen im Gebüsch um und badeten frei in der Aare. Das führte zu Nutzungskonflikten mit dem Waffenplatz, der die Insel gepachtet hatte. 1928 regten die Freisinnigen an der Gemeindeversammlung an, «eine Badeeinrichtung zu schaffen, die der Gemeinde würdig sei.»

In den folgenden Jahren wurden mehrere Varianten geprüft, so ein Schwimmbad in der Weiermatt oder in der Reutenen. Die Brugger wollten allerdings nicht auf das Schwimmen in der Aare verzichten, und so beschloss die Gemeindeversammlung 1936 den Bau eines Kinderbassins sowie ein Bassin für Nichtschwimmer in Altenburg. Für die Schwimmer sollte durch Treppen der obere Teil des Kraftwerkkanals nutzbar gemacht werden. Es galten nun keine getrennten Badezeiten mehr, und das in die Natur eingebettete Flussbad erfreute sich einer grossen Beliebtheit. Bereits im ersten Betriebssommer 1937 konnten 41 300 Eintritte gezählt werden.

Mit dem Bau des Kraftwerks Wildegg-Brugg veränderte sich die Aarelandschaft, und das städtische Kraftwerk stellte 1952 den Betrieb ein. Das Wasser konnte im Kanal nun nicht mehr abfliessen, und es sammelte sich Geschwemmsel an. Die Menschen zogen es wieder vor, im Geissenschachen zu baden. Es gab damals aber noch keine Kläranlagen, was dem Badespass nicht immer zuträglich war. Die Gemeindeversammlung bewilligte daher südlich des Nichtschwimmerbassins den Bau eines 50-Meter-Beckens als Ersatz für die ehemalige Flussbadi. 1982 nahm das Hallenbad den Betrieb auf.Das Brugger Strandbad von 1937.

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