«Arbeitsklima war mir wichtig»

Nach dreissig Jahren übergibt Ruedi Alt sein Lebenswerk an seinen Sohn Joël. Die Ausbildung seiner Lehrlinge lag ihm immer besonders am Herzen.

Ruedi Alt mit seinem Ex-Stift Noah Jeggli, der ihn beim Wettbewerb «Berufsbildner des Jahres» angemeldet hat. (Bild: af)

22. September 2021
19:40

Vor dreissig Jahren eröffnete Ruedi Alt zusammen mit seiner Frau Jeannette und einem Lehrling eine Bäckerei in Endingen. Der gelernte Bäcker, damals 25 Jahre alt, hatte mit seiner Frau bereits mehrere Betriebe besichtigt, aber nie war alles perfekt. Sie suchten ein Gebäude, in dem sie auch wohnen konnten, da sie bereits ein Kind hatten und so Familie und Beruf unter einen Hut bringen konnten. Kinder wurden es später vier, Bäckereien fünf. In Ehrendingen, Untersiggen­thal, Turgi und Döttingen eröffnete Ruedi Alt zusätzliche Filialen, die Backstube verlegte er aus Platzgründen nach Döttingen. Er arbeitete viel. Zu viel. Ein Burnout drohte.

Schon damals bildete Ruedi Alt mehrere Lehrlinge aus, konnte ihnen aber bald nicht mehr genug Zeit widmen. Denn als Lehrmeister hatte er hohe Ansprüche, nicht nur an die anderen, sondern auch an sich selbst.

Bei einer Überschwemmung in Döttingen trat vor vierzehn Jahren die Aare über die Ufer, und Alt verlegte seine Backstube wieder nach Endingen. Wegen der knappen Platzverhältnisse stand man sich aber oft im Weg und musste teilweise nach draussen ausweichen. Also verkleinerte Alt seinen Betrieb und verkaufte die Filialen in Döttingen, Turgi und Untersiggenthal. Ein Ausbau der Backstube im Jahr 2008 wurde durch Einsprachen verhindert, fünf Jahre später konnte er aber umgesetzt werden. Seither kann sich Ruedi Alt auch wieder mit vollem Elan seinen Auszubildenden widmen.


Sechs Lernende

Zur Zeit hat er sechs Lernende. Und für jeden einzelnen nimmt er sich pro Woche eine Stunde Zeit, um gemeinsam in der Backstube den Stoff aus der Berufsschule zu pauken. «Ein gutes Arbeitsklima ist mir wichtig, und Kritik versuche ich immer konstruktiv anzubringen», erklärt er in seiner Backstube.

Das war mit ein Grund, weshalb ihn sein ehemaliger Lernender Noah Jeggli beim Zukunftsträger-Wettbewerb als «Berufsbildner des Jahres» angemeldet hat, wo Ruedi Alt mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde. Während seiner Lehre arbeitete Jeggli auch mal zwei Wochen in einem anderen Betrieb. «Diese Erfahrung sowie der Austausch mit Berufsschulkollegen haben mir gezeigt, dass ein derart positives Arbeitsklima nicht selbstverständlich ist», erklärt Jeggli.


Sohn Joël übernimmt

Allerdings arbeitet er seit seinem Abschluss im Sommer nicht mehr als Bäcker – zum Leidwesen seines früheren Lehrmeisters. Früher sei er jeweils fast beleidigt gewesen, wenn seine Lernenden danach den Beruf gewechselt hätten, gibt Ruedi Alt zu. Heute sieht er es mit Milde, bedauert es allerdings auch. «Mein Wunsch für die Zukunft wäre, jungen Berufsleuten mehr Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten.»

Ende Jahr geht Ruedi Alt nun in den Vorruhestand. Sein Lebenswerk übergibt er an Sohn Joël, der bereits die Filiale an der Surbtalstrasse geführt und später die Hotelfachschule absolviert hat. Ruedi und Jeannette Alt ziehen in den Kanton Nidwalden, was auch eine Art Vorsichtsmassnahme sei: «Nach dreissig Jahren voller Engagement und Einsatz für meine Bäckerei könnte ich meinen Sohn wohl nicht einfach machen lassen, ohne meinen Senf dazuzugeben», ahnt Ruedi Alt. Sein Sohn soll jedoch seine eigenen Erfahrungen machen, wie er selbst damals auch. Und vielleicht startet der umtriebige 56-Jährige doch noch ein Projekt für den Berufsnachwuchs.

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