Auf der Suche nach dem verlorenen Halt

Seit vielen Jahre wohnt und wirkt Ruth Maria Obrist in Baden. Nun widmet ihr der Kunstraum eine beein- druckende Einzelausstellung.

Künstlerin Ruth Maria Obrist anlässlich der Vernissage ihrer Ausstellung im Kunstraum Baden. (Bild: aru)

24. November 2021
18:15

Am Anfang ist das Meer: Es empfängt die Besuchenden der Ausstellung von Ruth Maria Obrist im Kunstraum Baden durch das Aufschlagen der Wogen am Strand wie ein grosses Ein- und Ausatmen. Fast möchte man, sanft umweht von der frischen Brise der Ventilation an der Decke, in diesem ewig gleichen Rhythmus versinken – wären da nicht die drei halbtransparenten Plastikplanen, welche die Fragilität der Natur ins Bewusstsein rufen. Beim genauen Hinsehen entdeckt man auf den Planen Flecken aus Teer – sie mahnen an die menschlichen Taten, die das Meer wie ein Schandmahl in sich birgt. Die Videoinstallation, welche den Auftakt zu Ausstellung bildet, ist eine Premiere für die Badener Kunstschaffende. Erstellt hat sie «Teer Meer» gemeinsam mit dem Fotografen und langjährigen Weg­begleiter Renée Rötheli.


Teer und Mercurochrom
Ums Meer kreisen auch die Werke im zweiten Saal, die durch die Struktur von Geflechten und feinen Netzen eine Ordnung erhalten. Hier finden sich auch Arbeiten, die mit den «Tränen von Pearl Harbour» operieren. Die Teerfragmente, die Jahrzehnte nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour an die Meeresober­fläche steigen, entstammen den Schiffswracks auf dem Meeresgrund. Ruth Maria Obrist nimmt das Teer als Material in ihren Werken auf – in einer beeindruckenden Ambivalenz zwischen Schwere und Spiel.

Im dritten Raum entfaltet sich die bernsteinfarbene Wärme eines anderen Materials. Hier experimentiert die Künstlerin in dichten, tropfen- oder wabenartigen Geflechten mit jodhaltigem Mercurochrom, einem alten Heilmittel. Eine der Werkgruppen heisst denn sinnigerweise auch «Cure».


Irritation und Befreiung
Ein bandagiertes Holzskelett kreuzend, betritt man den vierten Raum, der gänzlich der Ordnung verpflichtet ist. Hier schimmert buchstäblich die Mathematikerin in Ruth Maria Obrist durch, die sie ursprünglich werden wollte. Geometrische Formen, wohlgeordnete Aufreihungen, schlichte Anordnungen prägen ihre Kunst. Hier im Kunstraum beginnt der Halt der Ordnung aber zu wanken. Halbtransparente Folie irritiert das Auge, das Dargestellte ist nur vermeintlich fassbar – es löst sich bei längerem Betrachten auf, verliert sich, findet sich wieder, entschwindet von Neuem.

Tastend und suchend betritt man die weisse Zelle namens «Mutation» im letzten Raum der Ausstellung. Was zuerst irritierend wirkt, wird letzten Endes zur Befreiung. Die Räumlichkeit entzieht sich jeglicher Erwartung, Flächen scheinen sich zu über­lagern, Distanzen trügen, Auge und Hände finden kaum Halt, es ist, als sei man in einer Nebelwelt angekommen. Wer sich dieser Erfahrung hingibt, entdeckt eine andere Welt. Wo sich alles auflöst, entsteht Neues. Wo der Halt schwindet, entwickelt sich eine andere, ungeahnte Form der Orientierung. Das eigens für die Ausstellung im Kunstraum geschaffene Werk ist nicht nur Sinnbild für die Zeit, in der wir uns befinden, sondern – in seiner faszinierenden Schlichtheit – geradezu eine Offenbarung.


Erste Einzelausstellung
Just bei diesem begehbaren Raum in Weiss setzte – nach der Eröffnung der Ausstellung durch Stadtammann Markus Schneider, der von seiner Faszi­nation für das Werk von Ruth Maria Obrist, das ihm «jeden Tag über die Schulter schaue», erzählte – die Begrüssungsrede von Claudia Spinelli am vergangenen Samstag an. Die Leiterin des Kunstraums gab ihrer grossen Freude über diese erste Einzelausstellung von Ruth Maria Obrist im Kunstraum Baden Ausdruck und lobte den «offenen, ganz reduzierten» Charakter von Obrists Werken. Sie erzählte von der Vielzahl an Begabungen, welche die Künstlerin auszeichnen, und wies darauf hin, dass deren Werke zwar streng und kontrolliert wirkten, «so, als seien sie nach einem vorgefassten Plan gefertigt», aber dennoch gänzlich «von Leben durchdrungen» seien. Von dieser Lebendigkeit zeugte auch die Präsenz der Künstlerin an der Vernissage, zu welcher sich zahlreiche ihrer langjährigen Bekannten und Weggefährten einfanden.


Grosses Begleitprogramm
Die 1955 in Laufenburg geborene Künstlerin lebt und wirkt seit vielen Jahren in Baden. Sie hat zahlreiche Kunst- und Bauprojekte realisiert und  wurde mehrfach ausgezeichnet. Ihre Ausstellung im Kunstraum Baden wird von verschiedenen Veranstaltungen begleitet. Am Donnerstag, 9. Dezember, 12.15 Uhr, gibts unter dem ­Titel «Kunst über Mittag» einen Rundgang mit Claudia Spinelli und Ruth Maria Obrist mit anschliessendem Mittagsteller. Am Freitag, 14. Januar, 20 Uhr, findet ein CD-Release-­Konzert mit Markus Eichenberger, Klarinette, und Christoph Gallio, Saxophon, statt. Und am Sonntag, 23. Januar, spricht in der Reihe «Meet the artist» die ­Kulturjournalistin Sabine Altorfer mit Ruth Maria Obrist und Claudia ­Spinelli. Die Präsentation der Neuerscheinung «Ruth Maria Obrist» ist dann am Wochenende vom 18. bis
20. März vorgesehen.

 

Ausstellung
Bis 6. Februar 2022

Kunstraum Baden

kunstraum.baden.ch

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