«Aus dem Moment heraus geboren»

Der Thuner Bluessänger Philipp Fankhauser über seinen musikalischen und privaten Blues, die Erfahrung mit «The Voice» und seinen frechen Mops.

Der Bluesmusiker Philipp Fankhauser
Der Bluesmusiker Philipp Fankhauser (Bild: zVg)

von
Reinhold Hönle

10. Januar 2018
10:00

Philipp Fankhauser

Der Sänger, Musiker und Songschreiber wurde am 20. Februar 1964 in Thun geboren. Mit elf Jahren begann er Gitarre zu spielen, gründete 1977 seine erste Schülerband und 1987 die Checkerboard Blues Band. Das Album «Blues For The Lady» (1989) mit Margie Evans und die US-Tour mit Bluesgitarrist Johnny Copeland waren die ersten Meilensteine in seiner Karriere. Mit den Alben «Love Man Riding» (2008), «Try My Love» (2010) und «Home» (2014) erreichte er die Top-10 der Hitparade und Gold- oder Platin-Status. Als Coach der SRF1-Castingshow «The Voice of Switzerland» wurde er einem breiten Publikum bekannt. Die neue CD «I’ll Be Around» (Sony Music) nahm er mit seiner Band und seinem Lieblingsproduzenten, dem mehrfachen Grammy-Gewinner Dennis Walker, in den Malaco Studios in Jackson, Mississippi, auf. Eigene Songs wie «The Lesson» und «Big Ol’ Easy» ragen ebenso heraus wie die zwei Songs seines verstorbenen Mentors Johnny ­Copeland und der Opener «Horse With A Different Color». Und das absolute Highlight auf dem starken Album ist der Song «Homeless».

Philipp Fankhauser, ist der Titelsong Ihres neuen Albums Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins der eigenen Vergänglichkeit oder einer neuen Gelassenheit?

Philipp Fankhauser: Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus dem Wunsch, ähnlich alt zu werden wie mein Jugendidol B.B. King, und dem Fakt, dass ich mich schon eine Weile mit gewissen gesundheitlichen Faktoren auseinandersetzen muss. Das Wichtigste ist aber die Hoffnung, noch einige Jahre bis Jahrzehnte auf der Bühne zu stehen und gehört zu werden.


Wie geht es Ihnen momentan?

Ich habe in den letzten paar Jahren ein paar Schüsse vor den Bug bekommen, aber es war nichts Gravierendes oder irgendwie Lebensgefährliches darunter. Meine Mama ist im letzten Jahr gestorben, hat mit fast 87 jedoch ein schönes Alter erreicht. Da ich mein Schicksal und meine Schicksalsschläge immer mit wirklichen Schicksalsschlägen zu relativieren versuche, kann ich gar nicht anders, als in einem Hoch sein: Ich habe 15 Alben gemacht und seit 30 Jahren das Glück, davon leben zu können, was ich gerne tue. 


Was hat Sie ausgerechnet zum Blues gebracht?

Ich reflektiere in letzter Zeit immer mehr, dass ich schon als Kind relativ schwermütig war. Das kommt sicher auch von meiner Familienhistorie her. Die Familie meiner Mutter ist aus Nazideutschland geflohen, was täglich ein Thema war. Das hat mich schon sehr geprägt. In meiner Kindheit hat das «Judihui» gefehlt. Seither hat sich das nicht gross verändert. Ich bin zwar ein humorvoller und zwischendurch auch lustiger Mensch, aber auf eine schwere Art. 


Und das spiegelt sich in Ihrer Lieblingsmusik?

Als ich den Blues zum ersten Mal hörte, spürte ich – ohne ihn richtig verstanden zu haben – bereits, dass er mir helfen würde, mich auszudrücken. Ich kann nicht sehr eloquent ein Gespräch führen, doch ich fühle mich in meinem Element, wenn ich auf der Bühne stehe und den Blues singe und spiele. Rockmusiker hätte ich wohl nie werden können – die haben ein stärkeres Selbstbewusstsein. Daran arbeite ich noch...


Wie ist denn der heutige Stand?

Vor ein paar Tagen habe ich einen schönen Dok über Jimi Hendrix gesehen. Jemand erzählt, dass er auf der Bühne nicht zu bremsen und privat sehr scheu war. Da habe ich mich schon wiedererkannt, obwohl ich mich nicht im Entferntesten mit Jimi Hendrix vergleichen würde! Wenn man im Alltag eher introvertiert ist, wird das oft missverstanden, als ob man arrogant wäre oder sich abheben wollte. Dabei wäre man gerne freundlicher und sozialer. Ich stehe mir oftmals selber auf den Füssen. Das ist lästig. Es gibt Leute, die sagen, sie möchten mich manchmal schütteln!


Haben Sie sich durch «The Voice Of Switzerland» verändert?

Es sind schon wieder drei Jahre her seit der letzten Staffel, aber meine Tätigkeit als Coach hat schöne Sachen ausgelöst. Mehr Popularität, das gebe ich offen zu, obwohl ich jedes Mal ganz pikiert sage: Ich habe das KKL aber schon vorher ausverkauft! (lacht) Besondere Freude gemacht hat mir die Begegnung mit ganzen Schulklassen, die mich plötzlich erkannt haben. Aber das ist schon wieder vorbei, so schnelllebig ist unsere Zeit. Vielleicht wird es sich in zehn, fünfzehn Jahren manifestieren, wenn Mittzwanziger kommen und zu mir sagen: «Ich bin vom Bluesvirus angesteckt worden, als ich dich damals bei ‹The Voice› sah!» 


Zurück zur CD. Wie ist die tolle Single «Homeless», ein richtiger Seelenwärmer mit Bläsern und Chor, entstanden?

Die Geschichte ist nicht so spektakulär, wie man sie sich wünschen würde. Der Song war unter den Demos, die mir Co-Produzent Wolf Stephenson geschickt hatte. Er war noch viel schneller, aber der Text hat mir wahnsinnig gut gefallen. Er stammt vom legendären Blues-Songwriter George Jackson, der viele typische Southern-Soul-Blues-Nummern geschrieben hat. Innerhalb von Sekunden ist «Homeless» beim ersten Soundcheck nach der Ankunft in den Malaco Studios in Jackson, Mississippi, in die Form gefallen, die für uns gepasst hat. Am nächsten Tag wollten wir das Lied nochmals aufnehmen, doch als wir den First Take hörten, sahen weder meine Band und ich noch der Produzent einen Sinn darin.


Wie sehr können Sie sich mit dem Galgenhumor von «My Dog And Me» identifizieren?

Der Text stimmt nicht ganz. Mein Hund ist geblieben – im Gegensatz zu meiner Liebe! (lacht) Ich habe den Song trotzdem aufgenommen, weil ich einen typischen, schweren Malaco-Blues auf der Platte haben wollte. 


Was für einen Hund haben Sie?

Trevor ist ein kleiner, frecher Mops und wie alle Hunde dieser Rasse wahnsinnig menschenbezogen. Er dreht durch, wenn ich fünf Minuten weg bin. Bevor ich zum Interview fuhr, versuchte ich ihm wie immer zu erklären, weshalb ich ihn allein lasse. Das bringt zwar nie viel, aber er ist so was von glücklich, wenn ich zurückkomme!


Wie sind Sie als Herrchen?

Ich denke, ich bin nicht konsequent genug. Mit mir hat ein Hund ein ziemlich gutes Leben! 


Es ist also nicht immer klar, wer der Chef ist ...

Nein.


Wie entstand das witzige und fröhliche «The Lesson», das Sie mit Walker geschrieben haben?

Dennis mailte mir den Text, und ich habe der Band bei den Proben vorgeschlagen, diesen mit einem Swing-Shuffle à la «Kriminal-Tango» zu kombinieren. Der Schlagzeuger zählte an und der Song war im Kasten. Es war wirklich unglaublich. Ich würde gerne für mich in Anspruch nehmen, dass es eine wahnsinnige kompositorische Leistung war. In Wahrheit wurde er, wie so viele andere Songs, einfach aus dem Moment heraus geboren. 


Das Lied handelt davon, dass Männer immer einen Grund haben, um jemanden zu verlassen, aber manchmal vergessen, weshalb. Weichen Sie Auseinandersetzungen lieber aus?

Ich kann sehr gut mit Kritik umgehen. Ich gebe beim Debattieren allerdings recht schnell dem Frieden zuliebe meine Überzeugung auf oder kann sehr starrköpfig wirken. 


Sind Sie derjenige, der bleibt?

Ja, ich bin eher derjenige, der verlassen wird. Woke up this morning, alone in my bed ... Deshalb bin ich Blues-Sänger geworden! (lacht)


Samstag, 20. Januar
Konzertbeginn 20.30 Uhr
Türöffnung 19.45 Uhr
Salzhaus, Brugg

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