Beim zweiten Mal tut es noch mehr weh

Sie könnten verzweifeln und tun es dennoch nicht. Geschäftsführer aus der Region erzählen, wie sie durch den zweiten Lockdown kommen.

Esther Albiez vom Schuhhaus Albiez AG, Nussbaumen: Das wichtige Winterschuhgeschäft ging verloren. (Bild: Ilona Scherer)

03. Februar 2021
14:29

Veronica Tundo erlebte die Ankündigung des Bundesrats im Dezember wie einen Schock: «Ich weiss noch, wie ich am Abend des 20. Dezember unser Restaurant abschloss, nach Hause fuhr, und dann kamen mir die Tränen.» Sie habe dabei nicht an sich gedacht, sondern vor allem an ihr Personal. Trotz aller Investitionen in BAG-konforme Trennwände zwischen den Tischen und einer deutlichen Reduktion der 200 Sitzplätze im Lokal – alles war vergeblich. «Es ist wirklich tragisch. Nicht einmal nach einem Brand in unserem ‹Ristorante Romana› liess mein Vater seine Stammgäste im Stich. Er kochte damals temporär zu Hause und richtete dort den Pizzaofen ein.» Veronica Tundo ist überzeugt: «Der zweite Lockdown trifft uns viel härter als der erste!» In diesem Punkt pflichtet ihr Esther Albiez, Inhaberin des Schuhhauses Albiez in Nussbaumen, absolut bei. Dem Geschäft fehlten schon im Frühling die acht umsatzstärksten Wochen im Jahr. Doch so richtig bitter war es, als beim grossen Schnee im Januar die Aargauer Schuhgeschäfte geschlossen waren und die Kundschaft in angrenzende Kantone auswich. Albiez versucht nun, mit einer Abholtheke den Umsatz zu retten. Die Schuhe können direkt vor dem Geschäft anprobiert werden – aber rein dürften nur Kunden der Orthopädie. Eine merkwürdige Situation. Der Orthopäde empfängt seine Kundschaft deshalb derzeit in seinem Atelier in Schlieren (ZH). Eine Situation, die Armin Vock vom Fitnesscenter Baden ähnlich erlebt: Sein Geschäft ist zu, während die angegliederte Physiotherapie Patienten behandeln dürfte. Bloss kommt fast niemand – oder dann eine kurzfristige Absage der Termine: «Und das ist für die Moral überhaupt nicht schön.»

 

  • Esther Albiez, Schuhaus Albiez, Nussbaumen: «Wir haben im ersten Lockdown gelernt, mit der Situation zurechtzukommen. Als kleines Geschäft können wir uns schnell anpassen. Im Frühling stellten wir einen Onlineshop auf die Beine und mussten nun nur Anpassungen machen. Als Fachgeschäft leben wir von der persönlichen Beratung. Momentan läuft alles via Telefon und online. Wir versenden auch Fotos per WhatsApp oder Mail. Die Ware kann an der Abholtheke am Eingang Kirchweg abgeholt werden. Wenn wir im Laden beschäftigt sind, kann man uns mit einer Kuhglocke «rufen». Die Anprobe ist vor Ort oder bequem zu Hause möglich. Dass anfangs nur die Aargauer Schuhgeschäfte schliessen mussten, war eine bittere Pille. Mit dem Schnee wichen die Kunden auf die angrenzenden Kantone aus. Bereits im Frühling hatten uns die acht wichtigsten Wochen des Jahres gefehlt. Nun hoffen wir, auf die Frühlingssaison hin wieder öffnen zu dürfen. Wir spüren eine grosse Solidarität. Das spornt uns an, weiter unser Bestes zu geben.» IS
  • Patrick Lohri, Senior Product Manager, Kontiki Reisen, Baden: «Vor einem Jahr haben wir zunehmend mit Sorge auf die Entwicklung in China geschaut, konnten uns aber noch nicht vorstellen, was da auf unsere Gesellschaft und in Form von massiven Reisebeschränkungen, Kurzarbeit und Homeoffice auf unsere Branche zukommt. Seither sind wir einem ständigen Auf und Ab ausgesetzt. Unsere Destinationen wie Skandinavien und Island, Schottland oder das Baltikum waren und sind zeitweise total blockiert, und auch die in der Schweiz beschlossenen Massnahmen treffen uns hart. Ich bin aber ein optimistischer Mensch. Im letzten Jahr konnten wir enorm wichtige Projekte in Angriff nehmen wie beispielsweise klimafreundlichere Anreisewege oder die Digitalisierung. Klar, ich vermisse meine Arbeitskollegen sehr. Früher wuselten im Grossraumbüro bis zu siebzig Mitarbeitende. Heute sind es etwa sechs, der Rest befindet sich im Homeoffice. Ich versuche, den Kontakt mit den Mitarbeitenden auch via Homeoffice aufrechtzuerhalten.» FRE
  • Veronica Tundo, Co-Geschäftsführerin Ristorante Romana, Mönthal : «Nach dem ersten Lockdown haben wir bei unserer Stammkundschaft Nachholbedarf gespürt. Wir verzeichneten seit dem 11. Mai eine Super-Sommersaison. Dies liegt sicher an den ausgezeichneten Beziehungen zu den Gästen, die meine Eltern Pasquale und Rosina Tundo sowie meine Schwester und deren Partner pflegen. Unsere Gäste reisen von Basel und Zürich an. Der zweite Lockdown kam im denkbar ungünstigsten Moment, mitten im Weihnachtsgeschäft. Als ich am 20. Dezember schliessen musste, liefen bei mir die Tränen. Wir haben Glück, dass uns die Liegenschaft gehört und viele Mitarbeitende zur Familie gehören. Sie leisten momentan Kurzarbeit. Unser Take-away-Angebot bauten wir aus und bieten dieses nun für 20 Gemeinden an. Dennoch: Wenn ich einen Wunsch von der guten Fee frei hätte, so wäre dies eine Wiedereröffnung ab 1. März ohne Einschränkungen, denn wir Italiener sind Beziehungs- und Gefühlsmenschen, die mit sozialer Distanz nicht viel anfangen können.» SHA
  • Armin Vock, Fitnesscenter Baden: «Aus meiner Sicht ist es falsch, die Bewegung zu untersagen, sie ist doch das Beste für ein starkes Immunsystem! Wir haben mit über 1300 Quadratmetern auch genug Raum im «Falken». Der zweite Lockdown trifft uns noch härter als der erste. Zum einen ist von Oktober bis März Hauptsaison, dann steigen auch viele Neue ein. Gleichzeitig werden auslaufende Verträge in der jetzigen Situation oft nicht verlängert – ebenfalls ein Riesenverlust! Aus über 30 Jahren Erfahrung weiss ich, dass es sehr viel braucht, bis man wieder einsteigt. Unsere 1000 Mitglieder sind auf 700 geschrumpft. Zudem haben wir allen die Zeit auf ihren Abos gutgeschrieben – weitere 200 000 Franken Verlust. Trotz Kurzarbeit und Unterstützungsbeiträgen ist die Situation sehr schwierig. Seit Oktober läuft fast nichts mehr. Im Dezember haben wir unsere Mitglieder mit einem Spendenaufruf angeschrieben. Ganz viele haben daraufhin gespendet, das hat uns überrascht! So oder so werden wir noch mindestens ein Jahr lang schwer zu kämpfen haben.» IS
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