Besser konzentrieren ohne Stühle

Das Projekt «Mer stönd» der Primarschule Endingen soll mehr Bewegung in den Schulalltag bringen. Dadurch ist es sogar ruhiger in den Klassen!

Stehen oder sitzen? In der Primarschule Endingen dürfen die Kinder wählen in welcher Position sie arbeiten möchten
Stehen oder sitzen? In der Primarschule Endingen dürfen die Kinder wählen in welcher Position sie arbeiten möchten (Bilder: zVg/Sabrina Pugliatti)

von
Ilona Scherer

09. Mai 2018
09:00

Donnerstagnachmittag, 13.30 Uhr. Nach der Mittagspause wird im Schulzimmer der Klasse 3a/4a gehüpft und gelacht. In Zweiergrüppchen machen 18 aufgeweckte Kinder Hampelmänner und zählen dazu die Dreierreihe auf. Als alle fertig sind, gehen sie zurück an ihre Schreibtische und – nein: Sie setzen sich nicht, sondern stellen sich an ihr Pult und arbeiten am Wochenplan. Es ist mucksmäuschenstill. «Seitdem wir keine Stühle mehr haben, sind die Kinder viel konzentrierter und aufmerksamer», erklärt die Lehrerin, die selbst auch ihren Schreibtisch gegen ein Stehpult eingetauscht hat. Ihre Doppelklasse ist eine von sechs der Primarschule Endingen, die am Projekt «Mer stönd» teilnehmen. 

Das Projekt ist eines von mehreren zum Jahresthema «FIT – fröhlich, interessiert, tolerant» und wird von einer sechsköpfigen Projektgruppe unter Anleitung von Anke Frey umgesetzt. Die gelernte Physiotherapeutin ist beruflich oft mit den Folgen von Bewegungsmangel konfrontiert. Schuld sei der «sedative Lifestyle» der heutigen Gesellschaft, die immer mehr sitze als sich bewege: «Ein Drittklass-Kind sitzt in der Schule durchschnittlich 4,5 Stunden pro Tag, zuhause kommen weitere 3 bis 4 Stunden dazu», erklärt Anke Frey. Eindeutig zu viel! Zudem sei auch der Wunsch an die Elternvertretung getragen worden, die Möblierung der Schulzimmer von einem Ergonomie-Experten beurteilen zu lassen.

Gemeinsam für die Gesundheit der Endinger Kinder (v.l.): Schulleiterin Brigitte Lehner, Anke Frey und Marianne Walther von der Elternvertretung
Gemeinsam für die Gesundheit der Endinger Kinder (v.l.): Schulleiterin Brigitte Lehner, Anke Frey und Marianne Walther von der Elternvertretung

 

Umsetzung geschieht individuell

An der Lehrerkonferenz im Januar stellte Frey ihre Idee vor, Steh-Arbeitsplätze einzurichten. Sechs von 13 Lehrpersonen machten spontan mit. Auch Schulleiterin Brigitte Lehner war sofort begeistert und gab grünes Licht. Mobiliar und Sitzhaltung der Kinder wurden von einem Experten überprüft, jeder Tisch individuell passend eingestellt. Zudem machte Anke Frey Rückenschule mit den Klassen und zeigte anhand eines Modells auf, wie die Wirbelsäule verschiedenen Belastungen ausgesetzt ist. Die Umsetzung geschieht in jeder Klasse individuell. Die Klassen von Marianne Schindelholz packten selber mit an: «Wir durften dem Abwart helfen, die Stühle rauszutragen», erzählt Drittklässlerin Julia stolz. «Zuerst war es ein bisschen anstrengend, zu stehen», verrät sie weiter, «aber jetzt ist es gut.»

Dennoch gibt es in diesem Schulzimmer auch eine Reihe mit Tischen und Stühlen. Und zwei Viertklässlerinnen sitzen auf einem bunten Gymnastikball. Auch das sei erlaubt, sagt Schulleiterin Lehner: «Bei uns herrscht kein Stehzwang. Jedes Kind darf selbst entscheiden, ob es sitzen oder stehen möchte.» 

Stehtische haben jedoch laut Projektleiterin Anke Frey viele Vorteile: «Die Hirnaktivität steigt, die Kinder sind ruhiger, und man verbraucht auch noch mehr Kalorien als im Sitzen.» Und werden im Stehen auch die Noten besser? «Das zu behaupten, würde wohl falsche Erwartungen wecken», ist Schulleiterin Brigitte Lehner überzeugt. «Der Gewinn ist aber eindeutig das Wohlbefinden. Und mit dem Projekt wird ein Bewusstsein geschaffen, das den Kinder später im Berufsleben hilfreich sein wird.» 

Bis zum Sommer will die Schulleitung nun Erfahrungen sammeln und das Feedback aller Betroffenen – Kinder, Lehrpersonen, Eltern und Abwart – einholen. «Dann wird man einen Konsens finden und das weitere Vorgehen besprechen», erklärt Brigitte Lehner. Klar ist: Komplett neues Mobiliar wird sich die Schule Endingen nicht leisten können. Doch das sei auch nicht nötig, glaubt Projektleiterin Anke Frey: «Unser Ziel ist es, in jedem Klassenzimmer drei bis vier Steh-Arbeitsplätze einzurichten. Jedes Kind, das gerne im Stehen arbeiten möchte, soll diese Möglichkeit haben.» Wo man an Grenzen stösst, wird mit Fantasie eine Lösung gefunden. So hat der Vater eines Drittklässlers, der eine Schreinerei hat, für jeden Tisch eine Erhöhung gezimmert. Und Marianne Schindelholz kaufte Serviertabletts in der IKEA für die grösseren Kinder, deren Pult nicht weiter hochgekurbelt werden kann. Drittklässler Elia, der gerade auf so einem Tablett Sprachaufgaben löst, findet das Projekt cool: «Mir gefällt stehen besser als sitzen. Ich werde nie müde!»

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