Birnengold fürs Singvogelglück

Helen Suter verkauft Birnel. Die Wettingerin erzählt, was das Naturprodukt nebst der feinen Geschmacksnote im Müesli sonst noch alles bewirken kann.

«Birnel hat das gewisse Etwas», ist die Wettingerin Helen Suter überzeugt. (Bild: cd)

von
Dahl, Caroline

13. Oktober 2021
17:16

Birnel

Das gesunde Schweizer Naturprodukt Birnel wird aus Birnen­dicksaft gewonnen. Es ist sehr lange haltbar und als Brot­aufstrich, in Müesli, Gebäck, Shakes und Smoothies, auch in Grillmarinaden, Saucen, Fleisch- und Gemüsegerichten vielseitig einsetzbar. Birnel gilt als Functional Food für Gross und Klein, für Sportlerinnen und Sportler und für alle, die sich bewusst ernähren wollen, und ist sogar für Diabetiker und Diabetikerinnen geeignet.

Am Gartentürchen bimmeln drei kleine Schellen und kündigen den Besuch an. Helen Suter (54) öffnet die Haustüre – und lächelt warmherzig. In der gemütlichen Küche mit dem Holzofenherd, wo auf dem grossen Küchentisch der Birnel leuchtet, serviert sie Tee und erzählt, wie es dazu kam, dass sie zusammen mit ihrer Freundin, Monika Egloff (53), den Verkauf von Birnel für den Vogel- und Naturschutzverein Wettingen übernommen hat.


Der Honig der armen Leute
Birnel ist der Markenname für ein reines Naturprodukt, das aus dem Dicksaft von Mostbirnen gewonnen wird. Bis in die späten 60er-Jahre wurde das honigähnliche, caramelfarbene Lebensmittel nur durch die Gemeinden verkauft. Ihnen war es ein Anliegen, dass aus dem Fallobst nicht nur Schnaps gebrannt, sondern auch noch ein gesünderes Lebensmittel für die ganze Familie hergestellt wurde. «Birnel konnten sich auch Familien leisten, die finanziell eher schmal gestellt waren. Daher wurde er auch ‹Honig der armen Leute› genannt», erzählt Helen Suter.


Win-win-win-Situation
Als die Gemeinden den Vertrieb von Birnel einstellten, weil der Aufwand zu gross wurde, übernahmen zwei engagierte Frauen aus dem Vogel- und Naturschutzverein das Zepter. Denn dank der Erwerbsmöglichkeit der Bauern aus den Birnen konnten und können hochstämmigen Feldobstbäume geschützt und erhalten bleiben. Durch das Verschwinden von Obstgärten und Hochstammbäumen hat eine erschreckende Vielzahl von Tieren und unterdessen stark bedrohter, einheimischer Vögel ihren Lebensraum verloren, wie etwa der Steinkauz, der Vogel des Jahres 2021. Mit dem Kauf von Birnel wird also nicht nur eine sinnvolle Verwertung von Mostbirnen unterstützt, sondern auch zum Erhalt von beeindruckenden Baumbeständen und Vogelarten beigetragen.

Der Birnel-Verkauf findet in Wettingen traditionsgemäss am ersten Wochenmarkt nach den Herbstferien statt. Seit zehn Jahren ist Helen Suter ehrenamtlich auch unter dem Jahr für den Verkauf und vor allem fürs Marketing zuständig, seit einem Jahr zusammen mit Monika Egloff, die die Bestellungen koordiniert. «Rund 300 Kilogramm Birnel verkaufen wir pro Jahr», hält Suter fest, die als Klassenassistenz in Neuenhof arbeitet. «500 Gramm kosten knapp acht Franken, ein Kilogramm um die zwölf Franken.» Birnel hat zudem eine Partnerschaft mit der Winterhilfe, sodass der Aufpreis jeweils Armutsbetroffenen in der Schweiz zugute kommt.

«Aus 10 Kilogramm unversehrtem Fallobst wird 1 Kilogramm Birnen­dicksaft», erklärt die gelernte Handarbeitsverkäuferin. Dieser wird aus einheimischen Mostbirnen von der Schweizer Mosterei E. Brunner in Steinmaur hergestellt. «Birnendick-saft zu produzieren ist eine Kunst. Er darf nicht anbrennen, man muss sehr präzis arbeiten.»


Kindheitserinnerungen
Birnel sei vielen noch aus ihrer Kindheit bekannt. «Es ist mir ein Anliegen», betont Suter, «dass die Bekanntheit und der Gebrauch von Birnel bestehen bleiben». Bei jungen Leuten und Familien sei die Nachfrage etwas zurückgegangen. «Aber ich weiss von Kindern, die Birnel bei ihren Grosseltern bekommen und es dann zu Hause auch haben wollen». Birnel entfalte in der Küche sein vielseitiges Talent. Ob auf Brot, in Desserts, Müesli, Gebäck, Shakes oder auch in Gerichten mit Fleisch und Gemüse: «Birnel hat das gewisse Etwas», strahlt die Kennerin. «Und mit den Jahren verfeinern sich die Geschmacksnoten sogar immer mehr. Alter Birnel ist gerade in der Gastronomie sehr gefragt!»

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