«Birr ist kein Sanierungsfall»

Wer an die Spitze von Birr, der drittgrössten Gemeinde in der Region Brugg, steht, macht besondere Erfahrungen. Markus Büttikofer erlebte das.

Marc Büttikofer schliesst neue Aktivitäten nicht ganz aus
Marc Büttikofer schliesst neue Aktivitäten nicht ganz aus (Bild: h.p.w.)

von
Hans-Peter Widmer

20. Dezember 2017
09:00

Zwei Fragen wurden dem abtretenden Birrer Gemeindeammann Markus («Marc») Büttikofer häufig gestellt: Wie die Gemeinde mit dem rund 50-prozentigen Ausländeranteil zurechtkomme? Und, aus aktuellem Anlass, wie sie den Abbau im ehemaligen ABB/Alstom- und heutigen General-Electric-Werk verkrafte? Die Antworten des 57-jährigen Demissionärs tönen gelassen. Zum Ersten: Birr sei weltoffen und sich an die bunte Mischung der Bevölkerung gewöhnt. Und zum Zweiten: Die 250 angekündigten Entlassungen seien für die Betroffenen natürlich gravierend, aber für die Gemeinde nicht existenziell. «Wir sind kein Sanierungsfall», sagt Büttikofer.  


Informiert und doch überrascht

General Electric signalisierte dem Gemeinderat Birr im Voraus, dass das Werk Birrfeld grundsätzlich erhalten bleibe. Hingegen wurde er über den Umfang der Abbaumassnahmen und den Zeitpunkt der Bekanntgabe nicht direkt informiert. Darum sah sich Gemeindeammann Marc Büttikofer nach der Ankündigung der konkreten Pläne am 7. Dezember von Medienanfragen zu den Auswirkungen auf die Standortgemeinde überrumpelt. «Das lief nicht optimal», sagt er im Nachhinein. 

Weil heute, im Gegensatz zu früher, weniger Einwohner von Birr in der grossen Fabrik arbeiten, seien die Auswirkungen der Massenentlassung für die Gemeinde selber geringer, erklärt Büttikofer. Kündigungen müssten vor allem Grenzgänger sowie Mitarbeitende gewärtigen, die an andern Orten wohnen. Selbst die vor 50 Jahren für die BBC-Belegschaft erstellte grosse Birrer Wohnsiedlung In den Wyden stehe nur noch in loser Beziehung zum Werk. 


Neue Betriebe erwünscht

Hat die Gemeinde Hinweise, was mit entleerten Fabrikationsanlagen und den Landreserven geschieht? «Nein.» Gebäude und Land gehören nicht General Electric, sondern der ABB Immobilien AG. Ein Teil der Landreserven befindet sich in der von der Kibag Beton Birr-Lupfig bewirtschafteten Kiesabbaufläche, die langsam wieder aufgefüllt wird. Was nachher mit diesem Industrieareal geschieht, ist laut Büttikofer offen. In der kantonalen Entwicklungsplanung ist es als sogenannte Hightech-Zone deklariert.

Birr wünschte sich neue, diversifizierte Betriebe, um das Klumpenrisiko des Grossunternehmens zu reduzieren, betont Büttikofer. Doch die Industrielandreserven werden grösstenteils von den ABB Immobilien und den Kabelwerken Brugg gehalten. Die übrige Bauzone erlaube noch ein Wachstum von 4400 auf ungefähr 5000 Einwohner. Beim Gemeindehaus entsteht zurzeit eine neue Wohnüberbauung. Aber hat Birr nicht bereits den grössten Leerwohnungsbestand im Bezirk Brugg? Die Statistik, sagt der Ammann, werde durch die Siedlung Wyden etwas verfälscht, weil dort stets einige der 570 Wohnungen wegen Renovationen und Mieterwechsel leer seien. Im alten Dorfteil gebe es nur wenige Leerwohnungen.  


Fusion mit Lupfig?

Welche Entwicklungsziele verfolgt Birr? Die Fusion mit Birrhard scheiterte 2013. Dagegen fusionieren auf Neujahr die Nachbarn Lupfig und Scherz. Warum nicht auch die zu einer Siedlung zusammengewachsenen Gemeinden Birr und Lupfig? Marc Büttikofer bleibt die Fusionsdebatte in Birrhard bis heute unvergessen. Er musste sich wegen des hohen Ausländeranteils von Birr den Vorwurf anhören, mit «Gesindel» wolle man nichts zu tun haben. «Wir haben keine höhere Kriminalitätsrate als vergleichbare Orte», sagt er dezidiert und erinnert an die schweizweit beachtete «Charta von Birr», in der das Dorf 2008 Werte des Zusammenlebens festhielt. Trotz der verpatzten Heirat besorgt Birr für Birrhard einige öffentliche Dienstleistungen. 

Auch mit Lupfig bestehe eine intensivere Zusammenarbeit, als alte Rankünen und gelegentliche Sticheleien vermuten liessen, bestätigt Büttikofer: «Die Feuerwehr ist fusioniert, die Schulen kooperieren, die Forstbetriebe sind unter einem Dach, und ein gemeinsamer neuer Werkhof ist in Planung.» Die Zeiten, als die Lupfiger und die Birrer zwei verschiedene Eingänge in die Kirche benutzten, seien vorbei. Er glaube, dass die Fusion der beiden Gemeinden ein Thema werde, sobald sich die Differenz zwischen den unterschiedlichen Steuerfüssen (Lupfig 95%, Birr 120%) verringere.   


Erstrebtes und Erreichtes

Marc Büttikofer gehörte dem Gemeinderat 20 Jahre an, davon knapp 12 Jahre als Ammann. Er wurde als Feuerwehroffizier 1997 von seinen Kameraden nominiert – ohne vorher Mitglied der Schulpflege gewesen zu sein, was in Birr als wichtige Voraussetzung galt, um Gemeinderat zu werden. Aber er war als einheimischer Transportunternehmer bekannt. Nach der Lastwagenmechaniker-Lehre im AMP Othmarsingen und der Offiziersschule im Militär sowie einer Zusatzausbildung zum Technischen Kaufmann stieg er mit 26 Jahren in den Betrieb des Vaters ein. Dieser war von Wettingen nach Birr umgezogen, hatte einen Lastwagen gekauft und Anfang der 1960er-Jahre Kiestransporte zu den im Bau befindlichen grossen BBC-Fabrikhallen durchgeführt.    

Heute beschäftigt die Firma Bütra 14 Personen. Sie ist nach wie vor für das Baugewerbe, aber auch im Stückgutverkehr tätig. Marc Büttikofers Zwillingsschwester arbeitet mit, der Bruder hat sich aus dem Familienunternehmen zurückgezogen. Geschäft und Ammann-Amt unter einen Hut zu bringen, habe ihn organisatorisch gefordert, aber motiviert, betont der Demissionär. Am stärksten beschäftigten ihn die wechselvolle Entwicklung der «grossen Fabrik» und ein Betrugsfall in der Gemeindeverwaltung. Zu den positiven Erinnerungen zählt er den Bau der Umfahrungsstrasse mit zwei schönen Kreiseln sowie das Gefühl, die Aufgaben einigermassen im Griff gehabt zu haben. 


Allzeit bereit

Neuer Birrer Ammann wird André Grütter, der schon vor vier Jahren gegen Markus Büttikofer kandidierte und ihn damals in einen zweiten Wahlgang zwang. Er hege keinen Groll gegen seinen früheren Konkurrenten, sagt der Demissionär: «Das Volk wählt, und die Gewählten haben für eine erspriessliche Zusammenarbeit zu sorgen.» Marc Büttikofer freut sich aber, dass er sich wieder mehr seinem privaten Umfeld widmen kann. Die Zeit bis zur Pensionierung in acht Jahren will er auch geschäftlich nutzen. Neue Aktivitäten schliesst er nicht ganz aus. Er ist zum Beispiel zweiter Ersatzmann auf der Grossratsliste der FDP des Bezirks Brugg. «Wenn etwas passiert, wäre ich da», meint er mit verschmitztem Lächeln.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

51 Mal «Ausser Haus»

Zwecks Umbau findet die kommende Saison des Kurtheaters «Ausser Haus» statt. Die... Weiterlesen

«Ich kenne alle Wälder der Region»

Mitte Juli startet Timo Suter aus Rütihof an den Junioren-Weltmeisterschaften in... Weiterlesen

region

Logistische Herausforderung

Im August beginnen die Bauarbeiten für das Sekundarstufenzentrum Burghalde. Die... Weiterlesen 0 Kommentare

region

Ein Hauch von Marilyn Monroe

Zoe Scarlett war der diesjährige Stargast beim Gönneranlass des FC Brugg in der... Weiterlesen 0 Kommentare

region

Ein Dorf feiert sich selbst

Am vergangenen Samstag wurde die neue Dorfchronik von Freienwil eingeweiht. Die... Weiterlesen 0 Kommentare