Bleibt die Kirche im Dorf?

Die geplante Unterschutzstellung der beiden Kirchen in Turgi ist umstritten. Die Gegner beantragen eine Rückweisung.

Antonio Sirera, Präsident der reformierten Kirchgemeinde Birmenstorf-Gebens­torf-Turgi, vor der reformierten Kirche in Turgi (Bild: ce)

von
Claudio Eckmann

05. Februar 2019
09:25

Turgi bemüht sich schon längere Zeit um sein Ortsbild. Im Zusammenhang mit dem Wakkerpreis 2002 wurde ein erstes Inventar schützenswerter Bauten erstellt. Bei der letzten BNO-Revision wurde dieses Inventar beigezogen und noch leicht erweitert; nicht aufgenommen wurden damals die beiden Kirchen in Turgi, die katholische mit Baujahr 1959 und die reformierte aus dem Jahr 1960. Entweder, weil man sie tatsächlich nicht als schutzwürdig befand, oder weil man davon ausging, dass ihr Weiterbestand niemals gefährdet sein könnte.

Doch die Verhältnisse änderten sich, auf reformierter Seite bestand der Bedarf nach ihrer Kirche immer weniger, und im Jahr 2013 beschloss die reformierte Kirchgemeinde den Abbruch der Kirche und den frei werdenden Platz für Alterswohnungen zu nutzen. Es hatte zwar bereits eine Machbarkeitsstudie gegeben für Alterswohnungen mit Erhalt der Kirche, doch diese Studie stiess in der Kirchgemeinde auf Ablehnung. Aufgeschreckt durch den Abbruchentscheid, erliess die Gemeinde über das Gebiet eine Planungszone (Planungssperre), wodurch der vorgesehene Abbruch für fünf Jahre gesperrt blieb. Auch war eine Petition mit etwa vierhundert Unterschriften eingegangen, die ebenfalls den Abbruch verhindern wollte. Aufseiten der Kirchgemeinde folgten Veränderungen, unter anderem eine neu zusammengesetzte Kirchenpflege, und an der Kirchgemeindeversammlung im Mai 2018 wurde der strikte Abbruchbeschluss wieder revidiert und drei Optionen – Abbruch, Umbau, Neubau – als Varianten zum Beschluss erhoben.

Mittlerweile hatte der Gemeinderat die BNO-Revision fertiggestellt, und sie kommt nun am 21. Februar an der ausserordentlichen Gemeindeversammlung zur Abstimmung. In der neuen BNO sind die beiden Kirchen unter kommunalen Substanzschutz gestellt. Dagegen wollen sich Vertreter aus der katholischen und reformierten Kirchgemeinde wehren, mittels eines Rückweisungsantrags.

Warum sollen denn Kirchen aus den 1950er-Jahren unter Schutz gestellt werden? Es handelt sich ja nicht um ehrwürdige, jahrhundertealte Kirchen, nicht um Barockkirchen? In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand ein neues Verständnis von Kirche, auf katholischer Seite mit den Umwälzungen des zweiten vatikanischen Konzil, aber auch auf reformierter Seite, und dies spiegelte sich wider in einer neuen Art, Kirchen zu bauen. Auch diese Epoche, so die Meinung des Denkmalschutzes, sei daher erhaltenswürdig.

 

Behörde dafür, Kirchgemeinde dagegen

Gemeindeammann Adrian Schoop rechtfertigt die Unterschutzstellung: Die Gemeinde habe sich auf die kantonalen Stellen gestützt, welche das Inventar der schützenswerten Bauten erstellt haben. Und die neue BNO sei in jahrelanger Arbeit mit über dreis­sig Kommissionssitzungen erarbeitet worden; eine Rückweisung würde diese ganze Arbeit stark zurückwerfen.

Antonio Sirera, Kirchenpflegepräsident der reformierten Kirchgemeinde Birmenstorf-Gebenstorf-Turgi, stellt sich namens seiner Kirchenpflege gegen die Unterschutzstellung. Sie bedeute eine zu starke Einengung der Möglichkeiten für eine sinnvolle zukünftige Nutzung des Kirchenareals. Die Kirchgemeinde habe die Zusammenarbeit mit Turgi gesucht, habe gemeinsam mit 27 Vereinen die Bedürfnisse ausgelotet für Mehrzweckräume, Jugend, Alter, Wohnungen oder anderes. Die Kirche wolle das Areal nutzen und damit einen sozialen Auftrag erfüllen. Dabei wolle die reformierte Kirche durchaus in Turgi weiterhin einen Andachtsraum anbieten, doch genüge dafür ein Raum mittlerer Grösse und dies liesse sich gut in ein Neubauprojekt integrieren; den Kirchenbau in seiner heutigen Grösse brauche es nicht mehr. Sirera betont, wichtig sei ihm mit dem Rückweisungsantrag, der Kirchgemeinde alle Optionen offenzuhalten. Auf die Frage, ob denn nicht gerade eine Institution wie die Kirche besonders verpflichtet sei, Kulturerbe zu bewahren, verweist der Kirchenpflegepräsident auf die umliegenden Gemeinden. Die reformierte Kirchgemeinde leiste bereits einen bedeutenden Beitrag, von ihren drei Kirchen seien bereits zwei unter Schutz gestellt, nämlich diejenige von Gebenstorf unter eidgenössischen, diejenige von Birmenstorf unter kantonalen Schutz. Ob Kirchenpflegepräsident Sirera an der Gemeindeversammlung den Rückweisungsantrag selber begründen kann, ist noch strittig, da er als Nicht-Turgemer Bürger selber nicht stimmberechtigt ist. Ebenfalls einen Rückweisungsantrag will die katholische Kirchgemeinde stellen, sie ist allerdings gegenwärtig nicht mit Überbauungsplänen befasst.

In die Diskussion eingebracht hat sich auch Guido Bertozzi. Er war seinerzeit ein Mitinitiant der Petition für einen Baustopp und unterstützt heute den Rückweisungsantrag der reformierten Kirchgemeinde. Er vertraue in die neue Kirchenleitung, die einen konstruktiven Kurs eingeschlagen habe. Wichtig sei ihm, dass letztendlich ein zukunftsweisendes Projekt resultiere, und da schade eine Unterschutzstellung der Sache. Identitätsstiftend sei zudem ein gelebter Glaube und nicht das Gebäude, ist Bertozzi überzeugt.

 

Unklare Bausituation

Bei der Unterschutzstellung wird immer wieder die Frage aufgeworfen, inwieweit substanzgeschützte Bauten umgebaut oder angepasst werden können. Darüber gehen die Meinungen auseinander, weil dies in den Paragrafen nur allgemein festgelegt ist: «Bauten dürfen umgebaut, umgenutzt und erweitert werden, sofern die Schutzziele und der Charakter der Bauten dadurch nicht beeinträchtigt werden.» Die konkrete Beurteilung erfolgt jeweils erst bei Vorliegen eines Umbaugesuchs.

Ausserordentliche Gemeindeversammlung, Donnerstag, 21. Februar, 19.30 Uhr, Mehrzweckhalle Gut, Turgi

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