Brutalität ist tägliche Realität

Carla del Ponte war zu Gast in der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch. Die ehemalige Chefanklägerin und Sonderermittlerin der UNO zeichnete ein düsteres Bild von der ausweglosen Situation in Syrien.

Carla del Ponte präsentierte zusammen mit Andreas Petersen ihr neues Buch, das reissenden Absatz fand
Carla del Ponte präsentierte zusammen mit Andreas Petersen ihr neues Buch, das reissenden Absatz fand (Bilder: mw)

von
Max Weyermann

01. Juni 2018
09:00

Der Auftritt der weltbekannten Tessinerin stiess auf grosses Interesse. Zu ihrem Vortrag im Rahmen der von Dozent Andreas Petersen geleiteten Vorlesungsreihe «Campus Global» der Hochschule für Wirtschaft fanden sich rund 600 Personen ein, nachdem der Anlass wegen der zahlreichen Anmeldungen von der Aula im Hallerbau in den zentralen Lichthof der Fachhochschule verlegt worden war. 

 

Eindrückliche Karriere

Nach einleitenden Worten von Organisator Stephan Burkart gewährte Carla del Ponte vorab einen Überblick über ihre berufliche Laufbahn. Die 71-jährige Juristin und Diplomatin war ab 1981 Staatsanwältin des Kantons Tessin. Ihr kompromissloses Vorgehen gegen Geldwäsche, organisierte Kriminalität, Waffenschmuggel und grenzüberschreitende Wirtschaftskriminalität und ihre Zusammenarbeit mit dem 1992 ermordeten italienischen Richter Giovanni Falcone in Sachen Mafia riefen Feinde auf den Plan. Am 20. Juni 1989 entging sie nur knapp einem Sprengstoffanschlag. 1994 bis 1998 war Carla del Ponte Bundesanwältin der Schweizerischen Eidgenossenschaft und von 1999 bis 2007 Chefanklägerin des in Den Haag domizilierten Internationalen Strafgerichtshofes für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien sowie für den Völkermord in Ruanda. In dieser achtjährigen Amtszeit wurden 91 von den 161 hochrangigen Personen, gegen die das UN-Tribunal seit 1993 Anklage erhoben hatte, verhaftet oder stellten sich freiwillig. 63 wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Von 2008 bis 2011 wirkte del Ponte sodann als Botschafterin der Schweiz in Argentinien, und von 2011 bis 2017 untersuchte sie als Mitglied einer UNHCHR-Kommission die Menschenrechtsverletzungen im syrischen Bürgerkrieg. Dann trat sie frustriert von der skandalösen Tatenlosigkeit und Entschlussunfähigkeit der UNO und internationaler Gremien sowie den unterschiedlichen Interessen der in den Stellvertreterkonflikt involvierten Staaten und ihrer Regierungen zurück. Immer wieder verhindern gemäss ihren Aussagen Vetos positive Entwicklungen. Im Laufe ihrer Tätigkeit gewährte nicht einmal der Papst und auch nicht Angela Merkel Carla del Ponte dem Vernehmen nach eine Audienz, stattdessen wurde sie mit Mitarbeitern aus der unteren Führungsriege abgespeist. «Ich habe absolut nichts erreicht, konnte keine Tür öffnen, fühlte mich hilflos, traurig und wütend ob der verübten Verbrechen, die immer noch viele Tote und Verletzte fordern und noch nie dagewesene Flüchtlingsströme zur Folge haben. Selbst Frauen und Kinder werden nicht verschont von Brutalität wie zum Beispiel Giftgaseinsätzen und anderen Tötungs- sowie Foltermethoden.» 

 

Ein aufrüttelndes Buch

Carla del Ponte präsentiert in ihrem soeben erschienenen Buch «Im Namen der Opfer» erschreckende Tatsachen aus dem seit sieben Jahren geführten endlosen Krieg in Syrien, der bisher nach Expertenschätzungen rund eine halbe Million Tote und zahlreiche Verletzte gefordert hat. So sind zum Beispiel Amputationen an der Tagesordnung. Mit elf Millionen Menschen wurde zudem mehr als die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung vertrieben. «Syrien ist offenbar unwichtig für die Staatengemeinschaft. Internationales Recht funktioniert ohne Grossmächte nicht. Die Politik ist entscheidend für die Justiz. Die UNO müsste dringend reorganisiert werden, denn dort wird viel geredet, aber dabei kommt nichts heraus. Waffenlieferungen an die Kriegsparteien sind ein rentables Geschäft. Auch der Westen trägt nicht zuletzt in dieser Hinsicht eine grosse Mitschuld» – dies einige Sätze aus dem Fazit von Carla del Ponte, die sich über ihren Ausstieg aus der Berufswelt sichtlich erleichtert zeigte. 

So hat sich denn der äusserlich harte Eindruck, den sie als konsequente Verfolgerin von Übeltätern hinterliess, gewandelt, was auch diverse zum Teil anekdotische, mit einem Lächeln zum Besten gegebene Bemerkungen zeigten. Ein von Andreas Petersen geführtes Interview und eine Fragerunde mit dem Publikum bildeten den Ausklang der Veranstaltung. 

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