Burgen der Moderne

Als Lokalhistoriker beschäftigt sich Max Rudolf intensiv mit der Region und ihrer Vergangenheit. Nun hat der Birmenstorfer die Militäranlagen von 1939 bis 1945 um das Gebenstorfer Horn akribisch dokumentiert.

Das Wasserschloss mit dem Gebenstorfer Horn im Hintergrund gehörte im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigungslinie  «Armeestellung Nord» und war Schauplatz von Bestrebungen den Feind aus dem Norden zu stoppen
Das Wasserschloss mit dem Gebenstorfer Horn im Hintergrund gehörte im Zweiten Weltkrieg zur Verteidigungslinie «Armeestellung Nord» und war Schauplatz von Bestrebungen den Feind aus dem Norden zu stoppen (Bild: zVg/Michel Jaussi)

von
Hans-Peter Widmer

22. März 2018
09:00

Infos zum Buch

«Rund um das Gebenstorfer Horn» (Abwehrvorbereitungen unserer Armee 1939–1945 im Abschnitt des Gebirgs-Infanterieregiments 19). Bezugsquellen: Beim Autor Max Rudolf, Oberzelglistrasse 13, 5413 Birmenstorf, und beim Schweizer Militärmuseum, General Guisanstrasse 1, 5324 Full.

Der Blick vom 513 Meter hohen Gebens­torfer Horn nach Norden ist wie ein militärstrategisches Lehrbuch: Unten fliessen im sogenannten Wasserschloss Aare, Reuss und Limmat zusammen, danach verengt sich die Landschaft zwischen dem Bruggerberg-Reinerberg und dem Iberig-Siggenberg, und anschliessend läuft das untere Aaretal an der nur 13 Kilometer entfernten Landesgrenze am Rhein bei Koblenz aus. Das wäre im Zweiten Weltkrieg Hitlers direkteste und kürzeste Angriffsstrecke ins zentrale schweizerische Mittelland gewesen.


Festungen als Zeitzeugen

Dieses Gebiet befestigte die Armee im Aktivdienst 1939–1945 mit Dutzenden Abwehranlagen: Bunkern, Panzersperren, Feldstellungen, Handgranatennester, Stacheldrahtverhauen, Laufgräben, Stollen, Mannschaftsunterständen und Beobachtungsposten. Die grundsätzlich der Geheimhaltung unterstellten Einrichtungen behielten lange ihre Bedeutung. Sie wurden im Kalten Krieg, 1945–1989, sogar durch zusätzliche Verstärkungen und Spreng­objekte ergänzt. Inzwischen sind sie jedoch stillgelegt, zum Teil abgebrochen und unterstehen nicht mehr der Verschwiegenheit. 

Zehn ausrangierte Gebenstorfer Anlagen hat der einheimische Idealist Walter Killer restauriert. Und etliche Objekte im Grenzgebiet übernahm der Verein Militär- und Festungsmuseum Full-Reuenthal. Er ist für ihre Erhaltung und dafür besorgt, sie wo möglich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn Festungen sind «Burgen der Moderne». Auf
potenzielle Gegner wirkten sie abschreckend. Auch wenn sie zum Glück nie in den Ernstkampf verwickelt wurden, erinnern sie als Zeitzeugen an die bedrohlichste Epoche der Schweiz im 20. Jahrhundert sowie an Entbehrungen der Armeeangehörigen und Zivilbevölkerung in den Kriegsjahren.


Heikler Verteidigungsabschnitt zwischen Baden und Windisch

Um das Gebenstorfer Horn und das Wasserschloss, zwischen dem Badener Kappelerhof und Unterwindisch, erstreckte sich ein heikler, wichtiger Abschnitt der «Armeestellung Nord» – jener Verteidigungslinie von Landquart bis Liestal, die nach der Generalmobilmachung vom 2. Sep­tember 1939 aufgebaut wurde. 

Im Gebiet Wasserschloss sollten die Aargauer 5. Division links und die Innerschweizer 8. Division rechts der Aare und Reuss einen allfälligen gegnerischen Einmarsch von Norden über Brugg-Windisch ins Birrfeld-Mittelland und über Gebenstorf /Baden Richtung Reusstal aufhalten. Die Besetzung des Abwehrdispositivs mit den Gemeinden Windisch, Gebenstorf-Vogelsang, Turgi und Kappelerhof-Baden oblag dem 3500 Mann starken Gebirgs-Infanterieregiment 19 und seinen Bataillonen 41, 42 und 43, deren Angehörige aus dem Entlebuch und der Stadt Luzern sowie den Ämtern Willisau und Sursee rekrutiert wurden. 

Wie sich die Truppe zusammensetzte, wie sie ausgerüstet und wo sie einquartiert war, und wie sie trotz schlechtem Wetter – am 30. Oktober 1939 lagen auf dem Gebenstorfer Horn 20 Zentimeter Schnee – zügig mit dem Bau der Abwehranlagen begann, dokumentiert der Birmenstorfer Lokalhistoriker und frühere Lehrer Max Rudolf in einer neuen, knapp 100-seitigen Schrift mit 287 Abbildungen.


Beitrag zur Heimatkunde

Der bewundernswert präsente  90-jährige Autor betitelt seine jüngsten akribischen Aufzeichnungen wieder bescheiden als «Beitrag zur Heimatkunde». Dabei enthält das Heft sorgfältig aufgearbeitetes und für die Nachwelt gesichertes Quellenmaterial. Max Rudolf setzt damit seine umfangreichen militärhistorischen Publikationen fort. Dazu gehören unter anderem die 2006 und 2009 veröffentlichte Dokumentationen über «Gefährdungen im Grenzland» (die Verteidigungsvorkehren der Grenzbrigaden 5 und 4 von Kaiserstuhl bis Kaiseraugst), und insbesondere die 2012 herausgegebene Broschüre «Als die 47er in Birmenstorf waren ...», worin er die Abwehrmassnahmen des Gebirgs-Infanterieregiments 20 in und um Baden, östlich anknüpfend an das Gebirgs-Infanterieregiment 19, sowie die umfangreichen rückwärtigen Einrichtungen der 8. Division schilderte. 

In knappen, klaren Zügen beschreibt der Verfasser das Vorfeld, den Beginn und Verlauf des sechsjährigen Aktivdienstes. Merkpunkte sind die Generalmobilmachung 1939, die Umschliessung der Schweiz durch die Achsenmächte nach der Kapitulation Frankreichs, 1940, die Réduitstrategie, und die noch 1944 eingeleitete  Verstärkung der Abwehranlagen auch im Gebiet Baden-Gebenstorf, weil ein feindlicher Durchstoss durch das Mittelland von Westen nach Osten oder umgekehrt nicht auszuschliessen war. 


Fotos, trotz Fotografierverbot

Aber der Hauptteil der Dokumentation ist dem Einsatz der drei Gebirgs-Infanteriebataillone 41, 42 und 43 sowie den von ihnen erstellten Objekten gewidmet. Dutzende Schwarzweiss-Fotos illustrieren den Alltag der Truppe, vor allem die beschwerliche Schanzarbeit von Hand – dabei hatte doch damals für die Mannschaften ein Fotografierverbot gegolten! Durch Kontakte zu letzten «Ehemaligen» und dank den im Bundesarchiv vorhandenen Truppentagebüchern, Akten, Plänen und Karten kam Max Rudolf zu detaillierten Informationen. Eigenhändig verdeutlichte er noch mit perfekten Grundrissen und Vertikalschnitten die Konstruktionen von drei Dutzend Bunkern, Unterständen und Feldstellungen.  

Aus dem umfangreichen Fotomaterial springen überdies Geländeaufnahmen um das Jahr 1940 ins Auge. Sie zeigen eine gegenüber heute noch weitgehend unverbaute Landschaft am Wasserschloss. Auch das sind Zeitdokumente.

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