«Chriesisteisäckli» neu entdeckt

Zu Grossmutters Zeiten sorgten «Chriesisteisäckli» an kalten Tagen für Wärme. In der Mühle Scherz werden sie seit über 30 Jahren hergestellt.

Hanspeter Meyer mit seiner Schwiegertochter Sabine im Verkaufsladen Scherz
Hanspeter Meyer mit seiner Schwiegertochter Sabine im Verkaufsladen Scherz (Bild: sit)

von
Saskia Iten

09. Februar 2019
09:00

Die Häuser sind besser isoliert, die Raumtemperaturen höher, die Zeit zum Nähen fehlt: Das Wärmekissen ging im Privatgebrauch zusehends vergessen. Bei Therapien ist das Naturprodukt nach wie vor heiss – und kalt – begehrt. Das sagt zumindest Hanspeter Meyer, Geschäftsführer der Firma «Meyer Naturprodukte» Scherz. Der 70-jährige Senior führt den Familienbetrieb in der fünften Generation. Zwischenzeitlich gemeinsam mit Sohn Marcel und dessen Frau Sabine. 

Seit 1988 gehört der Handel mit Obstkernen zum Tagesgeschäft. Wer den Verkaufsladen «Naturprodukte» in der Mühle Scherz betritt, trifft auf Kissen in allen möglichen Farben und Facetten. Herzchen, Quadrate, Flaschenkühler: Selbst der Lammflor Bär, der mit seinen grossen Glasaugen in den Raum starrt, ist mit Kirschsteinen gefüllt. 

  

Katastrophe als Glücksfall

Zuerst ein Blick zurück: Meyer wurde in den achtziger Jahren von einem regional verankerten Lebensmittelkonzern angefragt, ob es möglich sei, im Getreidetrockner der Mühle Scherz Kirschsteine zu trocknen. Bis anhin wurde dieser Arbeitsschritt mühselig von Hand verrichtet. Die Nachfrage nach Kirschsteinen wuchs, der Aufwand nahm überdurchschnittlich zu. Für Meyer war sofort klar, dass der Trocknungsprozess in seiner Maschine einen Versuch wert sei. Der Probelauf glückte – und so kam es, dass die Kirschsteine fortan in der Mühle Scherz bearbeitet und zur Lagerung an den Konzern retourniert wurden. «Nach zwei Jahren passierte etwas Unvorhergesehenes», so Meyer. Im Lager des Grosskonzerns hätten Mäuse gewütet und einen riesigen Schaden angerichtet. Das Lagergut sei total zerstört gewesen. Der Grosskonzern hatte die Nase voll – und fragte Meyer, ob er das Geschäft mit den Kirschsteinen gänzlich übernehmen wolle. 

  

Altes neu entdeckt

«Als ich meinen Mitarbeitern sagte, dass wir nun nebst Mehl- und Tierfutter auch Kirschsteine verkaufen, haben sie mich ausgelacht», erinnert sich Meyer. Sie hätten gefragt, was er mit diesem «alten Seich» wolle. Von seinem Vorhaben liess er sich nicht abbringen. Heute werden über den Online-Handel von «Meyer Naturprodukte» sowie im Verkaufsladen pro Jahr über 70 Tonnen Kirschsteine verkauft.

Im Lager stapeln sich die Päckchen für den Versand: Zu den Abnehmern gehören nebst Privatpersonen auch Spitäler, Therapien und Schulen. Kirschsteine sind für ihre heilende Wirkung bekannt. Ob Migräne, Verspannungen oder Bauchkrämpfe: Im Bereich der Schmerztherapie versprechen Obstkerne Linderung. Meyer, ein rüstiger, bedachter Senior, der gerne die Welt entdeckt, schwört auf Grossmutters Hausmittel: «Habe ich einen verspannten Nacken, lege ich ein Kissen auf», sagt er. Das «Chriesisteisäckli» – ein Tausendsassa? Davon war Grossmutter überzeugt. Heute ist die Aufmachung moderner, das Einsatzgebiet ausgedehnter, und statt auf der Ofenbank wird das Wärmekissen in der Mikrowelle aufgewärmt. Die Wirkung bleibt jedoch wie anno dazumal, ist beständig wie die Jahreszeiten. Der Frühling rückt näher: Mit den zarten, lila Knospen wachsen nicht nur süsse Früchte, sondern auch Steine für neue Wärmekissen heran.

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