Christoph Umbricht: «Regionalität ist unser stärkstes Argument»

Die Regionalwerke AG Baden (RWB) feiert ihr 125-Jahr-Jubiläum. Christoph Umbricht schaut zurück auf die Anfänge und wagt einen Blick in die Zukunft. Der Geschäftsführer der RWB ist sich den grossen Herausforderungen für die Energiebranche ­bewusst.

Christoph Umbricht ist Geschäftsführer der Regionalwerke AG Baden (Bild: av)

von
Adrian Vonlanthen

04. Mai 2016
09:55

Angefangen hat alles mit Louis Theodor und Carl Pfister. Beeindruckt und inspiriert von ihrem Besuch an der Weltausstellung in Paris gründen die Brüder im Mai 1891 die Elektrizitätsgesellschaft Baden. Die beiden holen die Herren Brown und Boveri nach Baden und haben damit grossen Anteil an der Entwicklung der Stadt. Heute ist die RWB Strom-, Gas-, Wasser- und Fernwärmeversorgerin und sie erbringt eine Vielzahl von Dienstleistungen für Dritte.


Christoph Umbricht, in 125 Jahren RWB ist unglaublich viel passiert. Was beeindruckt Sie am meisten, wenn Sie zurück denken?

Mit das Eindrücklichste ist für mich der Pioniergeist der damaligen Zeit. Die Elektrizitätsgesellschaft Baden als Vorgängerin der RWB, ist damals auf Privatinitiative hin entstanden, weil sich ein paar Leute die Idee in den Kopf gesetzt haben, ein Kraftwerk zu bauen, um damit die Stadt mit Strom zu versorgen.


Gibt es weitere Meilensteine, die Sie in der Energie-Entwicklung der Stadt herausheben würden?

Da gibt es einige. Beeindruckend ist sicherlich die Entwicklung der Gasversorgung. Ursprünglich gewonnen aus Kohle, wurde Stadtgas bereits vor dem Bau des ersten Kraftwerks genutzt, um Strassen und Häuser mit Licht auszustatten. Später wurde es zum Kochen und Heizen verwendet. Nach gutem Start Anfang des 20. Jahrhunderts sogten die Weltkriege dafür, dass sich die Gasversorgung wegen der Kohleknappheit nur schlecht entwickeln konnte.

Später war es die Einführung von Ölheizungen, die den Anstieg der Gas-Nachfrage bremste. Der Öl-Schock machte das Erdgas Ende der 70er Jahre schliesslich konkurrenzfähig. Zudem wurden sich die Leute der Vorteile der umweltfreundlicheren Energiequelle bewusst. So konnten die Städtischen Werke Baden von 1979 bis 1989 den Erdgasabsatz verneunfachen. Dieser Boom hält bis heute an.


Ein Thema, das oft diskutiert wird ist die Herkunft des Stroms. Haben Sie das Gefühl die Leute wissen woher ihr Strom kommt?

Ich behaupte, die meisten Leute wissen es nicht. Mit der Öffnung des Strommarkts ist es aber auch nicht leichter geworden, festzustellen, woher der Strom aus der Steckdose stammt. Sie müssen sich das europäische Stromnetz wie eine grosse Badewanne vorstellen, die immer gleich gefüllt sein muss. Produzenten lassen Strom in diese Wanne laufen. Käufer beziehen den Strom aus dieser Wanne. Wie gross der Anteil des Stroms beispielsweise aus Wasserkraft ist, der in diese Wanne fliesst, lässt sich zwar bestimmen. Nicht aber woher der Strom, den ich konkret beziehe, physikalisch herkommt.


Die Leute haben also gar keine Chance ihren Strommix zu wählen?

Doch. Am Markt gehandelter Strom nennt man «grau» und kann irgendwo produziert worden sein. Man kann aber bewusst Stromqualitäten (Herkunftsnachweise) beziehen. Mit der Wahl einer Stromqualität wird sichergestellt, dass beispielsweise eine gekaufte Menge Wasserstrom auch in einem Wasserkraftwerk produziert wurde.


Dank den eigenen Wasserkraftwerken können Sie Ihrer Kundschaft «Aquae-Strom» anbieten. Dieser Strommix ist zwar etwas teurer, stammt dafür aber komplett aus erneuerbaren Energien regionaler Produktion. Wie gross ist die Nachfrage dafür?

Heute sind es rund 10 Prozent unserer Kundschaft, die vom Angebot Gebrauch macht. Diese Kunden entscheiden sich aber bewusst für das teurere Produkt, weil die RWB mit den Erlösen der «Aquae-Strom»-Produkte lokale, erneuerbare Stromproduktion und Renaturierungsprojekte entlang der Limmat unterstützt. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir übrigens auch im Gasbereich. Die Zahl der Kunden, die sich für einen Gasmix mit erneuerbarem Biogas-Anteilen entscheiden, beträgt inzwischen ebenfalls rund 10 Prozent.


Was bräuchte es, dass erneuerbare Energien noch mehr in den Fokus der Konsumenten rücken?

Wir müssen den Leuten aufzeigen, wie der Energiemarkt funktioniert, welche Produkte dort angeboten werden und welche Eigenschaften bzw. Auswirkungen die einzelnen Produkte haben. Ein erhöhtes Bewusstsein wird das Angebot von erneuerbarer Energie – zusätzlich zur bestehenden Wasserkraft – noch schmackhafter machen. Steigt die Nachfrage in Zukunft, und davon gehe ich aus, kann eine Kettenreaktion entstehen. Ist die Nachfrage gross, dann ist es attraktiver erneuerbare Energie zu produzieren, was den Preis senkt, was wiederum die Attraktivität für den Kunden steigert und so weiter.


Wir haben zurückgeschaut auf die Geschichte der Regionalwerke. Wagen wir noch einen Ausblick. Was sind die Herausforderungen für die Zukunft, denen sich die RWB stellen muss?

Ich gehe davon aus, dass die Energiemärkte irgendwann ab dem Jahr 2020 vollständig geöffnet sein werden. Dann wird es Preisvergleichsplattformen geben, wo sich jeder ausrechnen kann, wo er am günstigsten Energie beziehen kann. Wir werden wohl kaum die günstigsten sein, weil wir auch in Zukunft Geld für Innovationen investieren werden. Wir müssen es schaffen, dass unsere Kunden in unseren Produkten und Leistungen einen Mehrwert sehen, der sie bewegt die Energie weiter bei uns zu kaufen, auch wenn es günstigere Angebote gibt.


Wie können Sie das bewerkstelligen?

Neben einem guten Job zu machen, wird ein starktes Argument unsere Regionalität sein. Wenn ein Kunde weiss, dass er Biogas aus der ARA Laufäcker bezieht, vielleicht sogar schon dort war und sieht wie die Anlage funktioniert, kann eine emotionale Bindung zum Produkt entstehen. Wenn er zudem noch erkennt, dass wir lokal Wertschöpfung erbringen, Arbeitsplätze anbieten und auch Steuern zahlen,
ist unsere lokale Verankerung eine gros­se Chance für die Zukunft.

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