Das Fasnächtlerherz blutet

Die Corona-Pandemie holt auch die Fasnächtler ein. Die Häxeschränzer sagten alle Aktivitäten ab. Auch andernorts wird der «Worst Case» vorbereitet.

Die Häxeschränzer, hier an der Häxebocknacht 2020 in der Mehrzweckhalle Brühl, können 2021 nicht feiern. (Bild: zVg)

09. September 2020
15:05

Am Montag gab das OK der Fasnachtseröffnung in Baden am 11.11. bekannt, dass der Anlass dieses Jahr aufgrund der aktuellen Corona-Situation nicht durchgeführt werde. Der Entscheid sei ihnen nicht leichtgefallen, doch die Gesundheit der Teilnehmenden, Gäste und all deren Familien habe oberste Priorität, erklärten die Verantwortlichen. Bereits drei Tage zuvor hatten die Gebenstorfer Häxeschränzer mit derselben Begründung sämtliche Anlässe abgeblasen: Sowohl die Eröffnung am 11.11. als auch die Häxebocknacht (23. Januar) und die gesamte Tour der Guggenmusik finden nicht statt. Wie sieht es in anderen Fasnachtshochburgen der Region aus? «E-journal» hörte sich bei den Fasnächtlern um.


Baden: Anmeldungen werden weiterhin entgegengenommen
Das Co-Präsidium der Badener Fasnacht – die Vereine Spanisch-BrödliZunft und die Vereinigten FasnachtsGruppen Baden (VFGB) – hat noch nicht grundsätzlich entschieden, ob die Fasnacht stattfindet oder nicht. «Uns ist jedoch bewusst, dass die Fasnacht 2020/21 nicht im üblichen Rahmen stattfinden kann», sagt BrödliMeister Niklaus Merker. Grundsätzlich nehmen die Organisatoren deshalb weiterhin Anmeldungen von Guggenmusiken und anderen Gruppen entgegen. «Wir werden uns aber im Lauf des Monats Oktober einen ‹Schlachtplan› zurechtlegen, um die Stossrichtung vorgeben zu können. Aber wir werden neue Wege gehen müssen», so Merker. Entscheiden müsse man im Einzelfall. Er könnte sich vorstellen, dass der Schnitzelbank-Parcours in den Beizen stattfindet, denn diese seien im Umgang mit den Corona-Schutzmassnahmen bereits bestens geschult. «Wir wollen uns auf jeden Fall während der Fasnachtszeit irgendwie bemerkbar machen. Aber natürlich halten wir uns an alle Auflagen und gehen sicher keine Risiken ein – der Imageschaden wäre beträchtlich, wenn etwas passieren sollte.»


Spreitenbach: Abwarten
Die Bräusi-Vögel Gugge ist in Spreitenbach ein bekannter Name. Im Februar wird normalerweise gefeiert. Präsident Reto Lienberger will daher noch abwarten. Entscheidend sei vor allem, wie Baden reagieren wird. Der Spaghettiplausch von vergangenem Wochenende fiel aber bereits ins Wasser.


Ehrendingen: Die Platzhirsche bleiben cool
«Wir bleiben optimistisch und sind guter Dinge, dass irgendwo Fasnacht gefeiert wird und wir auftreten können – einfach in anderer Form», sagt Jacqueline Frei von den Gipsbachschluderi. Zum Glück haben die Ehrendinger ihre Kostüme bereits vom letzten Jahr parat: «Wir machen unsere Kostüme immer gleich für zwei Jahre und sind an der letzten Fasnacht erstmals als Platzhirsche aufgetreten. Schminke, Farben, Kostüme – alles ist also schon da», freut sich Frei. Die Gipsbachschluderi nehmen nicht nur an Anlässen teil.

Sie führen jährlich auch zwei eigene durch: den Bockabend (geplant für den 30. Januar 2021) und den Hotschenball (16. Februar 2021). «Diese Anlässe organisieren wir schon seit so vielen Jahren, dass alles fast pfannenfertig parat ist», so Frei. Auch die Band habe man bereits verpflichtet, allerdings mit einer Rücktrittsklausel, falls die Fasnacht nicht stattfinden kann. Der Verein stehe zudem ständig in Kontakt mit dem Schweizerischen Fasnachtsverband «Hefari» und sei so immer auf dem neusten Stand bezüglich Vorschriften und Massnahmen.


Würenlingen: Entscheid an der GV am 9. Oktober
17 000 Menschen strömten am 23. Februar 2020 an den Fasnachtsumzug von Würenlingen – ein neuer Rekord! Schon eine Woche später wurde wegen Corona andernorts alles abgesagt. «Wir hatten ein Riesenglück», ist André Wenzinger, dem Präsidenten der Fasnachtsgesellschaft Würenlingen (Fages), rückblickend bewusst. Ob der Umzug am 14. Februar 2021 stattfinden kann, ist derzeit mehr als fraglich: «Die Bevölkerungsströme kann man nicht kontrollieren, die Menschen kommen aus allen Himmelsrichtungen ins Dorf hinein», erklärt Wenzinger.

Viel mehr Sorgen als die Durchführung bereite dem Rat jedoch die Planungsunsicherheit: «Unsere Wagenbauer investieren immer enorm viel Zeit und auch Geld. Eine kurzfristige Absage wäre für uns deshalb eine Katastrophe», erklärt Wenzinger. Traditionell wird der Entscheid an der Generalversammlung im Herbst gefällt – normalerweise eine rhetorische Frage. «Diesmal werden wir aber diskutieren und dann beschliessen. Bei einer Absage des Umzugs werden die Fasnächtler dann kreativ gefordert.» Denn dass einfach gar nichts stattfindet, kann sich in Würenlingen keiner vorstellen: «Fasnächtler sind Fasnächtler – die gehen dann nicht einfach in die Ferien!» Gut möglich, dass am Fasnachtssonntag in kleineren Gruppen gefeiert wird.


Brugg: Keine Eile
In Brugg wird die Fasnachtseröffnung am 11.11. schon seit Jahren nicht mehr gefeiert. Betroffen wäre deshalb vor allem der grosse Fasnachtsumzug am 21. Februar 2021. «Wir haben aber noch keine Eile und warten wie viele andere Organisatoren erst einmal ab, wie sich die Lage um Corona entwickelt. Dann können wir immer noch reagieren», sagt Thomas Steinhauer, OK-Präsident der Brugger Fasnacht 2020. Natürlich sei das Ganze eine traurige Sache. «Doch die Hoffnung, dass die Fasnacht 2021 stattfinden kann, stirbt zuletzt.» Er habe «Hochachtung vor der Entscheidung der Gebenstorfer. Sie wurde gemeinsam und sehr fundiert getroffen», lobt «Steini».


Gebenstorf: Häxeschränzer proben bereits für Fasnacht 2021/22
Der Vorstand der Häxeschränzer hatte sich den Entscheid, sämtliche Anlässe in Gebenstorf sowie die ganze Tournee abzusagen, nicht leicht gemacht. Bereits an der Generalversammlung im August sei ein Unbehagen bei vielen Mitgliedern zu spüren gewesen, sagt Präsident Yves Wiedemeier. In einer Umfrage wurde die Stimmung eruiert. Schliesslich zog sich der Vorstand an einem Sonntag zurück, um in Workshops mögliche Szenarien zu beleuchten und das weitere Vorgehen festzulegen. Wiedemeier: «Am Ende waren wir alle ziemlich erschlagen, weil wir diese harte Entscheidung treffen mussten.»  
Die Reaktionen seien auch in ihrer Gugge geteilt gewesen, aber die meisten Mitglieder hätten Verständnis gezeigt. «Für uns ist der momentane Stand massgebend, und es wäre angesichts der steigenden Fallzahlen ein Wunder, wenn im Februar bereits wieder alles in Ordnung wäre», ist Wiedemeier überzeugt. Zudem hätten die Schutzmassnahmen bei so grossen Anlässen wie in Gebenstorf zu Mehrausgaben geführt.

Bereits am kommenden Dienstag, 15. September, beginnen die Häxeschränzer wieder mit den Proben. Wegen des Schutzkonzepts des Dachverbandes Hefari und des Schweizerischen Blasmusikverbands (SBV) können sie allerdings nicht im normalen Probelokal der Firma Merz musizieren. «Die Gemeinde hat uns aber die Aula in der Mehrzweckhalle Brühl zur Verfügung gestellt», so der Präsident. Die Mitglieder freuen sich auf die Proben, auch wenn sie dabei den Abstand von anderthalb Metern einhalten müssen. «Das Ziel ist nun halt nicht, für die Auftritte zu üben, sondern einzig, die Stücke nicht zu verlernen und auch noch neue Lieder einzustudieren. Wir wollen auf die Fasnacht 2021/22 hin voll parat sein», kündigt Wiedemeier an. Er ist weiterhin überzeugt: «Es war ein mutiger Entscheid, aber in der momentanen Lage der richtige.» Dass nun auch grössere Gruppen in anderen Kantonen nachziehen, bestärkt den Verein. «Für uns wäre es nie infrage gekommen, an der Fasnacht Masken zu tragen. Da muss man es lustig haben und feiern.»

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