«Ich gehe mit erhobenem Haupt»

Für Gemeindeammann Robert Müller kam die Abwahl überraschend. Auf das, was er für Freienwil geleistet hat, ist er stolz.

Das Gemeindehaus war zehn Jahre lang eine der Wirkungsstätten von Robert Müller, welcher der Gemeinde neun Jahre lang als Ammann vorstand. (Bild: bk)

13. Oktober 2021
17:24

Freienwil an einem sonnigen Herbsttag. Ein schmuckes Dorf, dessen Neubauten sich recht gut in die Dachlandschaft des historisch Gewachsenen einfügen. Im Gemeindehaus wartet Robert Müller zu einem Gespräch über seine Abwahl – seine zehn Jahre im Gemeinderat, wovon neun Jahre als Ammann. Ja, er ist stolz auf sein Freienwil, für das er sich den letzten Jahren mit Herzblut eingesetzt hat. Die Abwahl sei für ihn völlig überraschend gekommen. Bei acht Kandidatinnen und Kandidaten habe er zwar mit einem zweiten Wahlgang – für wen auch immer – gerechnet. Aber das?


Werte und Kultur erhalten
War der SVP-Politiker nach den Grossratswahlen 2020 nicht vorgewarnt? Wermutstropfen im Freudenbecher des sehr guten Resultats im Bezirk war das Ergebnis in Freienwil:
126 Stimmen. Diesen September stand sein Name bei den Gemeinderatswahlen immerhin auf 173 Wahlzetteln. «Freienwil ist keine SVP-Gemeinde», sagt Müller. «Meine Stimmen habe ich im Limmattal, speziell in Wettingen gemacht.» Dies verdanke er wohl seinen kritischen Wortmeldungen und Stellungnahmen im Zusammenhang mit der Verkehrsplanung «Oase» und zu einer Verlängerung der Limmattalbahn quer durch Wettingen hindurch. «Noch einen Verkehrsträger erträgt die Landschaft nicht.»

Die SVP ist seine politische Heimat, und er gehört – nebst seinem Grossratsmandat – zu den 400 Delegierten der SVP Schweiz. Mit Fremdenfeindlichkeit habe die SVP als Gesamtpartei nichts zu tun. Ihm persönlich geht es vielmehr um den Erhalt unserer Kultur und unserer Werte. Zu denen zählt Müller unsere komplex ausgestalteten Sozialwerke wie auch unser fein austariertes Steuersystem – Dinge, die über einen langen Zeitraum entwickelt wurden und die man erst verstehen lernen müsse.

Hatte der Polit-Stil von SVP-Kantonalpräsident und «Scharfmacher» Andreas Glarner einen Einfluss auf seine Abwahl? Müller verneint: «Das greift zu kurz.» «Auf Gemeindeebene war ich nie ein Partei-, sondern ein Sachpolitiker, der sich voll und ganz in den Dienst Freienwils gestellt hat.» In diesem Zusammenhang dankt er dem Gemeinderatskollegium, das ihn mit grossem Einsatz unterstützt habe. Mit Blick auf Glarner sagt Müller, im Gegensatz zu einem Parlamentarier müsse ein Exekutivpolitiker liefern, habe aber auch Gestaltungsmöglichkeiten. Als Gemeindeammann sei er immer unternehmerisch unterwegs gewesen. «Ich habe zusammen mit meinen Kollegen das System Gemeinde nicht bewirtschaftet, sondern geführt», stellt Müller fest, der von sich sagt: «Ich bin ein Animal politique».


Müller blickt mit Stolz zurück
Im engen Finanzkorsett der Gemeinde habe man sich vieles nur leisten können, weil die Behördenmitglieder Knochenarbeit geleistet und ihr Fachwissen eingebracht haben – und so oft auf teure Beratungs- und Planungsbüros verzichtet werden konnte. «Speziell bei Planungen und deren Umsetzung ist rasches und kompetentes Entscheiden wichtig, um Folgekosten verhindern zu können.» Als Beispiel nennt Müller die neu gestaltete Ortsdurchfahrt. Unter dem Strassenbelag befindet sich die sanierte Werkleitung. Damit der neue Asphalt nicht schon bald wegen eines defekten Hausanschlusses wieder aufgebrochen werden muss, entschied man sich, auch diese vorsorglich zu erneuern. Dies betrifft auch die sanierten Gemeindestrassen.

Vielleicht sei ihm sein unternehmerisches Handeln bei den Wahlen zum Verhängnis geworden. Er macht da eine Differenz zwischen Freienwilerinnen und Freienwilern aus, die als Zuzüger in einem urbanen Raum gross wurden, und Leuten, die, mit der Scholle verbunden, rasches Handeln gewohnt sind. Apropos Unternehmertum: Gab es da nicht auch Interessenskonflikte zwischen dem privaten Unternehmer Robert Müller und dem Macher im Gemeinderat? «Beim Gestaltungsplan Mitte? Das an die ‹Eintracht› angrenzende Land, welches die Genossenschaft Dorfladen erworben hat, war nie im Besitz von mir und meiner Frau. Die damalige Eigentümerin der ‹Eintracht› hat uns das ehemalige Restaurant und die übrige Parzelle der Genossenschaft verkauft. Zudem ist das Projekt Gestaltungsplan Mitte für die Weiterentwicklung des Dorfes sehr wichtig, da es beide Dorfteile näher zusammenbringen soll.»

Auf seine zehn Jahre im Gemeinderat blicke er mit Stolz zurück. So habe mit einer guten Strategie die Dorfbeiz «Weisser Wind» gerettet werden können. Infrastrukturen und Hochwasserschutz seien erneuert und ergänzt worden – die Schule hat die benötigten neuen Räume bekommen. «Ich freue mich darüber und bin stolz auf das, was Freienwil in den letzten zehn Jahren an Ausstrahlung, an Renommée in der Region gewonnen hat.» Vor diesem Hintergrund sagt Müller: «Ich gehe erhobenen Hauptes durch die Gemeinde» – und er dankt all jenen, die ihn als Gemeindeammann behalten wollten.

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