«Das hier ist deine Geschichte, Alice!»

Mit «Die Kinder vom Napf» gelang Alice Schmid ein Meisterwerk. Nun hat die Regisseurin eine Missbrauchsgeschichte verfilmt – ihre eigene.

Verbunden mit der Erde: Regisseurin und Protagonistin Alice Schmid im Film «Burning Memories». (Bild: zVg)

08. September 2021
16:31

Alice Schmid, 70

wurde in Luzern geboren. Nach dem Besuch des Lehrerseminars studierte sie Italienisch an der Universität Perugia und Spanisch in Madrid, dazu ein Semester Film in Bern. Danach bildete sie sich im Bereich Drehbuchschreiben an der Filmakademie New York weiter. 1996 gründete sie die Filmproduktion Ciné A. S. GmbH. Von 1996 bis 2010 drehte sie Fernsehfilme über schwierige Kindheiten rund um die Welt, 2011 erlangte sie mit dem Kinofilm «Die Kinder vom Napf» nationale Bekanntheit. 2016 erschien «Das Mädchen vom Änziloch», 2020 der Fiilm «Burning Memories», der mehrfach ausgezeichnet wurde. Als Autorin lancierte sie 2011 mit dem Buch «Dreizehn ist meine Zahl» einen Bestseller.

aliceschmid.ch

Alice Schmid, mit «Burning Memories» ist Ihnen ein sehr berührender Film über Ihre eigene Geschichte gelungen. Sie, die ja sonst immer hinter der Kamera stehen, standen für einmal als Protagonistin im Mittelpunkt. Wie war das?

Speziell. Ich hatte dreissig Jahre lang Filme gedreht – fast nur aus der Perspektive von Kindern. Warum ich das tat, war mir nie bewusst. Und manchmal fragten mich die Leute: Wie schaffst du das, in all diese Länder zu gehen, wo es extrem gefährlich ist? Weshalb ziehen dich diese gewaltvollen Themen an? Ich konnte keine Antwort geben, ich wusste es nicht.

Bis zu jenem Tag, als ich vor diesem Bild von Edvard Munch stand. Darauf war ein nacktes Mädchen zu sehen, hinter ihm ein grosser dunkler Schatten. Zuerst hat mich die Szene abgestossen. Ich ging weiter, konnte mich aber auf kein anderes Bild im Museum mehr konzentrieren. Also kehrte ich zurück – das Bild hing im ersten Raum ganz alleine an einer Wand. Ich stand davor, schaute dem Mädchen in die Augen, und auf einmal fiel der Groschen. Im Mädchen sah ich mich selbst. Die Erinnerung kam, an diese Situation im Zelt, als ich als Sechzehnjährige auf dem Militärschragen lag und meinem Schwimmlehrer komplett ausgeliefert war. Ich hatte zuvor noch nie einen nackten Mann gesehen, war total schockiert.

Warum erinnerten Sie sich erst vor dem Bild von Munch an jenes schreckliche Erlebnis?

Das fragte ich mich auch. Und ich konnte es selbst kaum glauben. Diese Erinnerung überfiel mich richtiggehend aus dem Nichts heraus. Zuerst getraute mich nicht, jemandem davon zu erzählen. Ich war mir sicher: Sowas ist andern passiert, aber doch nicht dir! Doch nach und nach brach ich mein Schweigen, öffnete mich meinen Freunden. Sie fanden alles logisch – verbanden es mit der Themenwahl, die ich als Filmemacherin bisher unbewusst getroffen hatte, und sagten: Wer, wenn nicht du, Alice?

Wie haben Sie sich daraufhin diesem traumatischen Erlebnis angenähert?

Ich setzte ich mich hin, sagte zu mir: Das ist meine Geschichte, das habe ich erlebt. Das muss ich erzählen. Ich begann, meine Kindheit mit andern Augen zu sehen. Dass meine Mutter mich geschlagen und mir eingetrichtert hat, ich hätte ein schwarzes Herz, erschien mir auf einmal als Boden, auf dem die Vergewaltigung passieren konnte. Wäre ich anders aufgewachsen, hätte ich mich vielleicht besser wehren können, wäre dem allem nicht so hilflos ausgeliefert gewesen. Im Lauf dieses Prozesses merkte ich: Es ist wichtig, davon zu erzählen. Wenn ich es tue, kann ich Diskussionen auslösen – im Namen all der Frauen und Männer, denen dasselbe widerfahren ist.

Gelang es Ihnen, Distanz zu schaffen, indem Sie Ihre eigene Geschichte verfilmten?

Das Niederschreiben der Idee war für mich etwas Nüchternes. Ich wollte in die Wüste gehen, um alles zu verarbeiten, meine Handorgel mitnehmen. Das Drehen ging soweit gut. Danach, als ich im Schneideraum sass, zusammen mit der Cutterin und dem Dramaturgen, und versuchte, die richtigen Worte zu finden für das Geschehene, alles in Kürze zusammenzufassen und noch dazu Leichtigkeit und Poesie reinzubringen, begann der Horror. Und dabei wollte ich ja nicht einen negativen Film produzieren, im Gegenteil: Ich wollte den Betroffenen Mut machen.

Damals war ich zweimal kurz davor, den Prozess abzubrechen. Ich hielt es fast nicht mehr aus. Erst als Fachleute mir sagten, dass es beim Aufarbeiten eines Traumas normal ist, dass der ganze Körper diesen Prozess nochmals durchmacht, fasste ich neuen Mut. Da musste ich also durch. Ich habe wahnsinnig gelitten, da kam so viel «obsi». Dabei bin ich doch eine gestandene Frau, habe sehr vieles erlebt! Aber das aufzuarbeiten, das brachte mich fast um.

Was hat Ihnen geholfen?

Ein entscheidender Moment für mich war, dass wir – die Kamerafrau und ich – am Ende unserer dritten Reise durch die Wüste ans Meer kamen. Dort konnte ich alles den Wellen übergeben, der Bewegung, dem Geräusch, dem Licht. Ich rannte zum Wasser, wollte reinspringen, aber es war eiskalt. Das holte mich endlich wieder auf den Boden runter.

Im Film erzählen Sie, dass Sie wie wahnsinnig gschrieben haben – Tagebuch um Tagebuch haben Sie in all den Jahren gefüllt. Warum sind Sie nicht Schriftstellerin geworden?

Ich schreibe immer noch viel. 2011 erschien mein erster Roman, unter dem Titel «Dreizehn ist meine Zahl». Er wurde zum Bestseller. Nun bin ich am zweiten. Es ist nicht so, dass ich nur Filmemacherin bin, ich mache beides gern. Und ganz ehrlich: Am liebsten schreibe ich (lacht).

Gerade zum Schreiben haben Sie aber auch eine ambivalente Beziehung.

Ich war als Kind sehr verschlossen, konnte in der Schule keine Aufsätze schreiben, gab leere Blätter ab. Das einzige, was ich konnte, war Tagebuchschreiben. Erst in New York, als ich als Erwachsene an einem Drehbuch-Workshop teilnahm, löste sich der Knoten. Als der Dozent die Aufgabe bekanntgab, begannen alle, draufloszuschreiben. Ich sass erstarrt da, mit meinen Bleistift in der Hand. Er sagte: Nimm den Bleistift in die linke Hand! Also schrieb ich mit links. Es war unglaublich! Es floss einfach aus mir heraus! Den ersten Roman schrieb ich dann übrigens auch mit links (lacht).

Ihr Film spielt ja nicht im Napfgebiet, in der Landschaft, in der Sie gross geworden sind und auch jetzt wieder leben, sondern in der Wüste. Warum?

Diese Geschichte ging mir so nahe, war so intim, dass ich immer sagte: Wenn ich das aufarbeite, gehe ich in die Wüste. Und so kam es, dass mich meine Cutterin mit Karin Slater bekanntmachte. Sie arbeitet in Kapstadt als Dozentin für Film und ist eine sehr erfahrene Kamerafrau. Ich rief sie an, erzählte ihr von meiner Geschichte, und sie sagte: Es gibt nur eins, du kommst hierher, und wir machen zusammen einen Kurztrip. Das machten wir. Ich ging insgesamt dreimal nach Südafrika und reiste mit ihr herum. Es war eine intensive und tolle Zusammenarbeit. Am Abend sassen wir jeweils beisammen, sie stellte mir Fragen und filmte. Ich musste in der Auseinandersetzung mit meiner Geschichte viel weinen, Karin aber blieb dran. Jeden Tag schlich sie sich von einer andern Seite an mich heran – so fand ich den Weg in die eigene Tiefe und wieder nach oben, ans Licht.

Als Betrachterin nimmt man diese Ebene ja nicht wahr, man hat das Gefühl, Sie seien alleine dort.

Ich hätte das alleine nicht geschafft. Man ist ja sehr einsam in einem solchen Prozess, und so war es für mich enorm wichtig, eine starke Begleitung an meiner Seite zu haben. Zuerst wollte ich das Ganze ja komplett anders angehen, wollte aus Kinderperspektive filmen, in einem Dorf. Karin liess mich reden, hörte einfach zu. Wir fuhren los, und irgendwo in der Wüste war da auf einmal diese Stimmung: Nebel, schwarze Landschaft, Dunkelheit. Ich bat sie, anzuhalten und das zu filmen, sagte, das könne mir helfen, über das Erlebte zu sprechen. Sie stieg aus, setze sich auf den Boden und begann zu filmen. Es regnete, der Nebel wurde immer dicker. Ich zog die Kapuze hoch und versuchte winkend einen Autofahrer auf uns aufmerksam zu machen, damit er uns sieht und die Geschwindigkeit drosselt. Am Abend im Hotel sichteten wir das Material. Ich stellte fest: Sie hat überhaupt nicht die Landschaft gefilmt, sondern mich! Karin sagte: Schau dich an, was für eine verrückte Frau: Das bist du, Alice! Und das hier ist deine Geschichte! In dieser Nacht wechselte ich die Perspektive. Seit dann drehe ich keine Kinderfilme mehr. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.

Mit dem Film tragen Sie Ihre Geschichte nun an die Öffentlichkeit. 

Ich will aufrütteln, die Diskussion anregen. Das habe ich mit jedem meiner Filme gemacht. Früher ging ich an Schulen, sprach mit den Kindern über Kinderarbeit, Kindersoldaten, Krieg und verminte Gebiete. An die Öffentlichkeit zu gehen und darüber zu reden, was solche Dinge bedeuten, das war meine treibende Kraft – dreissig Jahre lang. In «Burning Memories» mache ich damit weiter. Ich finde wichtig, dass das Publikum mit mir reden kann, Menschen über ihre persönlichen Erlebnisse und über tabuisierte Themen sprechen können. Reden statt schweigen: Das ist und bleibt mein Thema!


Brugger Dokumentarfilmtage

Vom 16. bis 19. September steht Brugg zum ersten Mal vollständig im Zeichen des Dokumentarfilms aus der ganzen Welt –mit zahlreichen Filmvorstellungen in den beiden Brugger Kinos Odeon und Excelsior in Anwesenheit der Filmemacherinnen und Filmemacher, mit Premieren und Gesprächsrunden an drei Projektionsorten, einem spannenden Rahmenprogramm und Gästen aus der Schweiz und dem nahen Ausland. Der Film «Burning Memories» von Alice Schmid wird am Freitag, 17. September, 20.30 Uhr, im Odeon gezeigt, anschliessend findet ein Filmgespräch mit Regisseurin Alice Schmid statt.

brugger-dokumentarfilmtage.ch

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