«Das ist eine reine Persönlichkeitswahl»

Wer macht das Rennen? Ramona Kim und Rainer Saner kandidieren für die Ersatzwahl am Bezirksgericht Baden am 15. Mai

Rainer Saner (Die Mitte) und Ramona Kim (Grüne) stellen sich am kommenden Sonntag zur Wahl fürs Bezirksgericht Baden. (BILDER: zvg | is)

11. Mai 2022
17:37

Rainer Saner, 62 und Ramona Kim, 40

Rainer Saner ist in Oberbuchsiten (SO) aufgewachsen und hat in Bern Veterinärmedizin studiert und doktoriert. Seit 1987 ist er Tierarzt und Teamleiter bei Swissgenetics in Mülligen sowie Spezialist für ­Reproduktionstechnologie beim Rind. Zu Beginn der 1990er-Jahre hat er ein Weiterbildungsjahr in den USA absolviert. Politisch ist Saner als Revisor der Bezirkspartei Die Mitte engagiert. Er wohnt mit seiner Frau in Birmenstorf.

Ramona Kim ist in ­Döttingen/Würenlingen auf­gewachsen. Nach der KV-Lehre bei ­Bucher-Guyer in Niederweningen machte sie eine Ausbildung zur Primarlehrerin. Seit 2005 ist sie in diesem Beruf tätig, seit 2018 an der Schule Obersiggenthal. Seit 2010 ist sie auch Praxis­­lehrperson an der FHNW. Sie hat einen CAS in Theaterpädagogik. Kim ist verheiratet, hat zwei Kinder (2, 4) und wohnt in Baden-Kappelerhof.

Rainer Saner, in Ihrem Wohnort ­Birmenstorf sind ausschliesslich Plakate Ihrer «Konkurrentin» zu ­sehen – warum?

Ich habe ganz bewusst auf Plakate verzichtet und nur Flugblätter, vor allem per Mail, verschickt. Was vom Wahlkampfbudget übrig bleibt, werde ich an die zwei Hilfswerke Caritas und Heks sowie an die jüdische Gemeinde Baden, zugunsten der Ukraineflüchtlinge, spenden.


Welche Chancen rechnen Sie sich im Duell mit Ramona Kim aus?

Das kann ich nicht einschätzen, obwohl ich einige Wahlkämpfe mit meiner Frau bestritten habe (Edith Saner ist Mitglied des Grossen Rats, den sie 2020 präsidierte). Ramona Kim ist eine Grüne und hat Baden im Rücken, das ist sicher ein Vorteil. Ich glaube aber, diese Wahl ist eine reine Persönlichkeitswahl. Positiv ist, dass dieses Amt durch die Wahl in den öffentlichen Fokus rückt. Denn das ist es wert! Ich finde, die Gerichtsbarkeit ist etwas sehr Wichtiges in einem demokratischen Staat. Wenn nicht mehr alle gleich sind vor Gericht, dann ist das ganz schlecht für die Gesellschaft.


Welche Eigenschaften qualifizieren Sie besonders für dieses Amt?

Mein Spektrum ist relativ breit. Ich hoffe, dass mir meine Menschenkenntnis zugute kommt. Neben einem gewissen Gerechtigkeitssinn ist wichtig, dass man sich seriös vorbereitet und die Akten gewissenhaft studiert. Das kann ich gut, ich sehe schnell das Wesentliche, auch in neuen Themengebieten. Dann kann ich mir eine Meinung bilden. Es geht ja um die Frage, ob jemand schuldig oder nicht schuldig ist, und darum, das Strafmass zu bestimmen. 


Im Gegensatz zu Ihrer Frau blieben Sie politisch immer eher im Hintergrund. Warum?

Ich war mal im Parteivorstand der Mitte Birmenstorf. Aber ich fühle mich im Hintergrund wohler. Meine Frau geht in der Politik total auf. Beim Netzwerken ist sie in ihrem Element. Ich bin da eher der nüchterne Typ. Zudem hätte ich bis jetzt auch keine Zeit dafür gehabt. Als Tierarzt bin ich seit 1991 in der Reproduktion und Gynäkologie beim Grossvieh tätig. Da habe ich immer am Tier gearbeitet. Und die Tiere hatten stets Vorrang – da war so ein Amt kein Thema.


Sie lassen sich per Ende Januar vorzeitig pensionieren.

Genau. Mein Pensum habe ich bereits jetzt auf sechzig Prozent reduziert. Bis im Oktober habe ich meine jungen Kollegen bei Swissgenetics so weit ausgebildet, dass ich noch kürzer treten kann. Wenn sie mich danach noch brauchen, helfe ich tageweise aus. Aber ich würde mich sehr über eine erfolgreiche Wahl freuen, denn nun habe ich die nötige Zeit, um mich darauf zu fokussieren. Ich gehe von rund zwanzig Tagen pro Jahr am Gericht aus, dazu kommen ebenso viele für die Vorbereitung.


Wie gehen Sie mit emotionalen Fällen um, zumal Sie an die Schweigepflicht gebunden sind?

Gewisse Prozesse werden einem nahe gehen, das ist klar. Und ich bin etwas dünnhäutig. Die Schweigepflicht kenne ich bereits aus anderen Tätigkeiten, und ich kann das gut. Als Verwaltungsratspräsident respektive Vizepräsident der Raiffeisenbanken Birmenstorf-Mülligen und Lägern-Baregg oder auch als Stiftungsrat und Mitglied des Verwaltungsausschusses der Pensionskasse PKG hatte ich immer Insiderwissen, das ich niemandem verraten durfte.


Der ehemalige CEO der Raiffeisenbank, Pierin Vincenz, stand jüngst vor Gericht. Wie haben Sie diesen Prozess empfunden?

Ich hatte als Delegierter von Raiffeisen Schweiz persönlich Einblick in Abläufe, die uns schon damals nicht geheuer waren. Der Verwaltungsrat ist da seiner Verantwortung und Aufsichtspflicht nicht nachgekommen. Wie man zum Beispiel solche Spesenbeträge visieren kann, ohne zu reagieren, ist mir ein Rätsel.


Wie können Sie ermessen, ob jemand vor Gericht die Wahrheit sagt?

Diskussionen werden für mich richtig interessant, wenn diese faktenbasiert sind und es nicht zu emotional wird. Vor Gericht wird sicher viel gelogen – da mache ich mir keine Illusionen. Ich vertraue auf meine Menschenkenntnis. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn immer sehr gerne Teams geführt. Dabei habe ich auch Rücksicht auf Schwächere genommen. Ausserdem war ich drei Jahre lang Präsident des Vereins «Die Tagesfamilie». In diesem Amt habe ich ebenfalls wertvolle Erfahrungen auf einem mir vorher fremden Gebiet gesammelt.


Im Ruhestand haben Sie auch mehr Zeit für Hobbys. Welche sind das?

Volleyball, Golf, Wandern und Biken sind meine sportlichen Hobbys. Zudem verbringe ich gern Zeit mit meiner Ehefrau im Bündnerland, wo wir ein Ferienhaus besitzen. Ich lese gerne oder diskutiere mit Freunden und mag Konzerte oder Oper. Zudem sind wir seit der Gründung Genossenschaftsmitglied der Bühne zur Heimat in Ehrendingen. Ich habe auch mehrere Göttikinder. Und ich züchte selber Tiere: Ab und zu besitze ich ein genomisch wertvolles Rind.


Ramona Kim, Ihre Plakate hängen im ganzen Bezirk. Wie ist es, ständig dem eigenen Konterfei zu begegnen?

(lacht) Das ist tatsächlich sehr gewöhnungsbedürftig für mich! Selten sieht man sich in Grossformat und dann draussen, wo einen alle sehen können. Ich werde häufig auf die Wahl angesprochen, was ich durchwegs positiv empfinde. Als Lehrerin bin ich allerdings auch nicht völlig anonym unterwegs. Es geht bei der Wahl aber nicht nur um mich, sondern auch um die Wahlen überhaupt – so ein Plakat erinnert die Leute daran, wählen zu gehen.


Wieso kandidieren Sie für das Amt?

Ich finde die Arbeit im Amt sehr wichtig und spannend, und es ist eine überaus gute Möglichkeit, mich für die Gesellschaft, das Allgemeinwohl ein-zusetzen. Die positive Grundhaltung gegenüber Recht und Gesetzen war früher bei mir zu Hause immer ein Thema. Ich hielt Rücksprache mit meinem Mann und meinem Vater. Von Letzterem konnte ich in meinem bisherigen Leben einiges abschauen. Mein Vater ging immer sachlich an Dinge heran, beleuchtete ein Thema von allen Seiten – privat und auch beruflich als Polizist. Er sagte stets, hinter jeder Geschichte stehen Menschen. Ich kann gut mit Leuten umgehen und kann gut zuhören. Diese Tätigkeit hat etwas Sinnstiftendes, das einen erfüllen kann – auch wenn man manchmal schlimme Dinge zu hören bekommt oder einem im ersten Moment die Urteile nicht unbedingt fair erscheinen.


Als Polizistentochter sind Sie da doch sicher einiges gewohnt?

Details hat mein Vater nie erzählt. Ich hatte als Kind nie Angst vor der Polizei, aber ich wollte selber auch nicht diesen Beruf lernen. Mein Kindheitstraum war Lehrerin – und das bin ich ja seit siebzehn Jahren. Mich interessieren grundsätzlich Menschen und ihre Geschichten, ihre Schicksale. Verschwiegenheit ist als Laienrichterin sehr wichtig.


Wie gehen Sie mit belastenden ­Themen um, ohne sich Aussen­stehenden anzuvertrauen?

Ich schreibe Tagebuch, das ist ideal für mich. Oder ich schreibe eine Anekdote darüber. Ausserdem: Ich wäre ja nicht allein, sondern in einem Gremium, das zusammenwächst und in dem man belastende Themen besprechen kann. Eigentlich bin ich aber ein geerdeter und bodenständiger Mensch und kann gut mit solchen Dingen umgehen. Ich kenne auch als Lehrperson schwierige Situationen, die ich aushalten muss. Ich habe grossen Rückhalt in meiner Familie.


Ihr Slogan heisst «Mitten im Leben». Wofür steht dieser?

Das bin ich – ich bin mitten im Leben. Gerade vierzig geworden, habe eine eigene Familie, engagiere mich in meiner Stadt, besonders in meinem Quartier  Kappelerhof, und arbeite als Primarlehrerin sowie Kulturvermittlerin. Nun ist es Zeit für einen neuen Impuls in meinem Leben, abseits von Pädagogik. Vor Gericht würde es ausschliesslich um Erwachsenen-Themen gehen. Aber mitten im Leben bedeutet auch, nahe an den Menschen zu sein, Kontakt mit allen Generationen und Lebenswelten zu haben.


Sie würden die jüngere Generation der Laienrichteram Bezirksgericht vertreten.

Stimmt, die Mehrheit des Gremiums geht gegen das Pensionsalter. Die Altersobergrenze liegt bei siebzig Jahren, deshalb muss Esther Egger ja nun auch abtreten. Das Gremium soll unbedingt divers sein. Für die Arbeit im Amt ist ein breiter Erfahrungsschatz wichtig, den ich mitbringe.


Sind Sie eine Teamplayerin?

Ja, wobei das nicht immer so war. Viele Jahre fand ich es einfacher, alles selber zu entscheiden. Ich kann sehr pragmatisch sein! Seit einigen Jahren bin ich aber gern in einem Team und finde es nun spannender, gemeinsam Lösungen zu finden. Als Lehrerin war ich viele Jahre lang allein für Klassen verantwortlich. In Teilzeit ist das nun anders, und es funktioniert sehr gut, auch wenn es manchmal mehr Zeit beansprucht. Mein Pensum als Primarlehrerin in Obersiggenthal werde ich ab August von fünfzig auf dreissig Prozent reduzieren, dann habe ich genug Zeit für ein Laienamt­.


Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Die Grünen haben nach Proporzsystem eigentlich Anrecht auf diesen Platz. Ich habe schon lange Sympathien für diese Partei, habe auch für sie für den Grossrat und den Einwohnerrat kandidiert. Die Grünliberalen und die SP unterstützen mich ebenfalls, die FDP und SVP haben Stimmfreigabe beschlossen. Meine Chancen stehen also sicher nicht schlecht.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Neustart auf Schloss Schartenfels

Nach den Betriebsferien ist das Restaurant hoch über Wettingen wieder geöffnet –… Weiterlesen

Spektakuläre Suche bei Nacht

Über ein Dutzend Einsatzkräfte suchten am späten Montag die Aare nach einem Mann… Weiterlesen

region

Mutig und aktiv in die Zukunft gehen

Mit einer neuen Vision 2040 startet der Gemeinderat in die Amtsperiode 2022–25.… Weiterlesen

region

Wohnraum statt Gewächshäuser

Auf dem Areal der ehemaligen Gärtnerei «Lägere Blueme + Pflanze» an der… Weiterlesen

region

Ein ganzes Schulhaus im Zirkusfieber

Nach dem grossartigen Erfolg vor vier Jahren veranstaltete die Primarschule… Weiterlesen