«Das Miteinander war mir wichtig»

Mit Ueli Müller demissioniert per Ende Jahr ein langjähriger Lokalpolitiker, der weit über die Grenzen von Riniken hinaus geschätzt wurde.

Ueli Müller hält sich zwecks Gartenarbeit und Erholung gerne zu Hause auf. (Bild: mw)

29. Dezember 2021
15:06

In den sechzehn Jahren als Parteiloser im Gemeinderat, davon die Hälfte an der Spitze der Exekutive, konnte sich Ueli Müller in verschiedensten Bereichen einen grossen Erfahrungsschatz aneignen. Der Nachfolger von Ernst Obrist hatte vor seinem Amtsantritt während acht Jahren zum Teil als Mitglied und als Präsident der Schulpflege gewirkt und war dann nach einer Pause in den Gemeinderat gewählt worden.


Verantwortung gerne getragen
Im Rückblick auf sein bisheriges Leben hält der 64-jährige Demissionär fest, dass er als Sohn der Tierarztfamilie von Walter Müller in Brugg aufgewachsen ist, in welcher das Politisieren wie schon bei den früheren Vorfahren an der Tagesordnung war. Nach anschliessenden längeren Aufenthalten in Frankreich und im Kanton Graubünden kehrte er vor 33 Jahren in die Region Brugg zurück und zog in ein Einfamilienhaus in Riniken. «Zur Übernahme des Amts als Gemeindeammann haben mich die Freude an neuen Herausforderungen, die Chance vorauszugehen, etwas zu bewegen, einen Beitrag zum Leben in der Dorfgemeinschaft leisten zu können, bewogen», so Müller, den damit der Nimbus eines Machers umgibt. Seine Ressorts im Gemeinderat waren hauptsächlich Verwaltung (mit Personal), Finanzen, Kommunikation und Ortsbürger (Wald). Das Pensum für sein Amt betrug rund zehn Stunden pro Woche; dazu kam die Funktion als Delegationsmitglied der Gemeinde in der Regionalkonferenz Jura Ost, die in die Standortfrage für das geplante Tiefenlager involviert ist. Das Präsidium dieses Gremiums behält er, bis die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) nächstes Jahr bekannt gibt, für welches der ins Auge gefassten Gebiete (Jura Ost, Nördlich Lägern im Zürcher Unterland oder Zürich Nordost im Weinland) das Rahmenbewilligungsverfahren ausgearbeitet werden soll. Das Thema wird zum Teil kontrovers diskutiert und führte gelegentlich zu persönlichen Anfeindungen, auf der andern Seite aber auch zu Kontakten, die man sonst als Lokalpolitiker nicht hat. So zum Beispiel zu Sitzungen mit den Bundesrätinnen Doris Leuthard und Simonetta Sommaruga, dem niedersächsischen Umweltminister Olav Lies sowie belgischen Spitzenfunktionären im Bereich Entsorgung radioaktiver Abfälle. In diesem Bereich kam es auch zu einem Austausch zwischen dem Gemeinderat Riniken und vier Bundestagsabgeordneten in der Schweizer Botschaft in Berlin. Und die taiwanesische Zeitschrift «Business today» berichtete 2016 in einem über das Bundesamt für Energie zustande gekommenen Report zur schweizerischen Demokratie unter anderem über die öffentliche Partizipation in Sachen Tiefenlager. Im Artikel kommt auch Riniken mit Ueli Müller zu Wort, aber leider kann man den Text nicht lesen, wenn man der Sprache Mandarin mit ihren Zeichen nicht mächtig ist.


Unterschiedliche Resultate
Als Gemeindeammann des heute gegen 1500 Einwohner zählenden Dorfes war für Ueli Müller speziell der gute Kontakt mit den Menschen wichtig. «Ich habe stets versucht, auch die Ansichten der schweigenden Mehrheit einzubeziehen, mich mit verschiedenen Meinungen zu befassen. Aber: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann.» Als Erfolge im Laufe seiner Tätigkeit bezeichnet er die mit grossem Aufwand abgeschlossene Erarbeitung der seit 2021 rechtskräftigen Revision der Bau- und Nutzungsordnung, mit welcher die rechtlichen Grundlagen für weitere rund fünfzehn Jahre geschaffen worden sind. Zum laufenden Strukturwandel in der Gesellschaft und zur Ressourcenschonung soll auch die innere Verdichtung des Dorfes einen Beitrag leisten. Ein Pionierprojekt hat die Firma Swissgrid im Rahmen der neuen Hochspannungsleitung Beznau-Birr mit der 1,3 Kilometer langen  Erdverlegung des Teilstückes Gäbihübel in Riniken realisiert. Der Abbau der Masten hat nun Platz für bisher blockierte Wohnüberbauungen geschaffen.


Zukunftsperspektiven
Nicht gelöst ist die Zukunft des im Märkihaus untergebrachten Bauamts und des verkehrsmässig ungünstig gelegenen Volg-Ladens. Trotz von der Gemeindeversammlung gutgeheissenem Projektierungskredit musste wegen einer nicht gewährten Dienstbarkeit in Sachen Erschliessung auf das Vorhaben betreffend Erwerb Erdgeschoss des Gebäudes des Schweizerischen Verbands für Landtechnik (SVLT) verzichtet werden. Der Gemeinderat hofft nun auf eine andere Lösung. Realisiert werden soll jedoch in nächster Zeit die Sanierung der Kantonsstrasse und der Werkleitungen vom Kreisel unten an der Bözbergstrasse bis hinauf zum SVLT-Standort in Riniken. Im Zusammenhang mit der vorgesehenen Verlegung der Bushaltestellen auf die Fahrbahn gibt es jedoch auch hier unterschiedliche Meinungen. An die Realisierung wird die Gemeinde rund 830 000 Franken zu bezahlen haben. Und mittelfristig ist auch die Sanierung des Kindergartens angesagt.

Nach zweimaliger Ablehnung hat der Regierungsrat den Riniker Steuerfuss auf den recht hohen Satz von 119 Prozenten festgelegt. Wie sehen da die Zukunftsperspektiven aus? Die Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden in den Sektoren Feuerwehr, Spitex, Abwasserverband und Steueramt funktioniert zwar gut. Aber wäre auch eine weitere Fusion im Bözberggebiet denkbar? Zu diesem Thema liegt ein bis zum Sommer 2022 für die Beantwortung vorgesehener Überweisungsantrag eines Stimmbürgers vor. Der Gemeinderat wird sich aufgrund von Prognosen für die nächsten fünfzehn Jahre damit befassen und geeignete Lösungen präsentieren.

Nach seiner rund zehnjährigen Tätigkeit als Gärtner und Gärtnermeister absolvierte Ueli Müller seinerzeit die Ausbildung zum Berufsschullehrer und war anschliessend während 33 Jahren als Fachlehrer für Gärtner und Floristinnen am Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Brugg tätig. In dieser Zeit hat sich der Charakter der Jugend in diesen bodenstän-
digen Sektoren gemäss seinen Erfahrungen nicht grundlegend verändert: «Einen wesentlichen Einfluss übt jedoch der gesellschaftliche Wandel aus. Die zunehmenden Ablenkungsmöglichkeiten führen besonders bei Jugendlichen mit einem geringen Selbstwertgefühl zu Orientierungslosigkeit.»


Berge und die Toskana
In seiner Freizeit hält sich Ueli Müller gerne in der Natur, speziell auch im eigenen Garten, auf. Er fuhr bei Wind und Wetter regelmässig per Velo zur Arbeit, ist weiterhin sportlich aktiv, sei es per Zweirad, zu Fuss oder auf Ski. Nun möchte der Vater von drei erwachsenen Söhnen zusammen mit seiner aus dem Bündnerland stammenden Gattin Evelyne (genannt «Evi») wieder mehr Zeit in den Bergen und in der Toskana verbringen und mit grossem Nachholbedarf Bücher statt Akten lesen. Seiner Nachfolgerin, der wie er parteilosen Beatrice Bürgi – sie konnte bisher als Vizeammann wertvolle Erfahrungen sammeln – wünscht er für die Zukunft viel Erfolg. Ihn selbst und seine Gattin hat die Ortsbürgergemeindeversammlung mit der Verleihung des Ortsbürgerrechtes geehrt. Und anlässlich der Einwohnergemeindeversammlung wurde er mit lang anhaltendem Applaus, Wein und Blumen verabschiedet. Zudem dankten ihm einzelne Personen mit weiteren Geschenken für seinen Einsatz. 

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